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Automatisierung

Ausweg aus der Arbeitsfalle

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Christine Endres, Fleckvieh
am
30.03.2017

Grub - Automatische Fütterungssysteme können die Arbeitsbelastung maßgeblich reduzieren und für mehr Flexibilität im Arbeitsalltag sorgen. Zudem freuen sich die Rinder mehrmals täglich über frisches Futter und individuelle Rationen.

Referente AFS

Der Trend zur Automatisierung ist ungebrochen, gerade auf den Familienbetrieben“, betonte Dr. Jan Harms vom Institut für Landtechnik und Tierhaltung (ILT) der LfL bei der Eröffung des Infotages „Automatische Grundfuttervorlage für Rinder“ im Forum in Grub. Die Gründe dafür erläuterte Dr. Bernhard Haidn, ebenfalls vom ILT: „Die Entwicklung der Betriebe in Bayern ist rasant. Mit dem Strukturwandel steigt die Kuhzahl pro Betrieb und somit auch die Arbeitsbelastung. Man muss sich intensiv Gedanken machen, wie man diese bewältigen kann.“ Eine Chance, aus dem Dilemma herauszukommen, sei die Automatisierung, schilderte er.
„Bei der automatischen Fütterung gibt es drei Stufen“, erklärte Haidn. Bei Stufe Eins erfolgt lediglich die Futtervorlage automatisch. Ein stationärer Mischer muss bei dieser Variante befüllt werden. Die zweite Stufe der automatischen Fütterung (AFS) erfolgt halbautomatisch. Hier müssen die Futtermittel in eine Futterküche gebracht werden, den Rest macht der Roboter. Die vollautomatische Fütterung ist in der dritten Stufe zu finden. Hier erfolgt auch die Entnahme aus dem Silo und der Transport zum Mischer automatisch. „Die Stufe Drei ist in Bayern nur mit Hoch- oder Tiefsilos möglich“, räumte der Fachmann ein. „Diese Silos sind zwar nicht jedermanns Sache, aber sie kommen immer mehr ins Gespräch.“

Hochsilos sind zurück

„Die meisten Betriebe in Bayern betreiben ihr AFS in Stufe Zwei“, berichtete Haidn. 120 solcher Systeme sind derzeit im Freistaat im Einsatz, weitere 25 Betriebe haben ein AFS der Stufe Eins und eine Anlage in Bayern arbeitet vollautomatisch. 127 der insgesamt 146 Anlagen sind auf Milchviehbetrieben zu finden, 18 auf Bullenmastbetrieben und eine Anlage läuft in einem Ziegenstall. „61 Prozent der Milchviehbetriebe mit automatischer Fütterung haben auch ein automatisches Melksystem, weil sie sich Synergieeffekte erhoffen, beispielsweise einen besseren Tierumtrieb“, schilderte er.
Die LfL in Grub beschäftigt sich auch in mehreren Forschungsprojekten mit der automatischen Fütterung (siehe Wochenblatt 10, S. 29). Dabei stehen die Experten der LfL mit 40 bis 50 AFS-Betrieben in persönlichem Kontakt. „Alle Betriebe sind sehr zufrieden mit ihrem System“, betonte Claudia Leicher, ebenfalls vom ILT. Bei einer Befragung von 29 Betrieben nach den positiven Eigenschaften der AFS nannten besonders viele die flexibleren Arbeitszeiten und dass die Systeme wartungsarm seien (je neun Betriebe). Ebenfalls positiv angesehen werde die einfache Bedienung, die Arbeitsentlastung, die leistungsgruppenbezogene Fütterung (je acht Betriebe) sowie die genauere, gleichbleibende Fütterung (sieben Betriebe).
Auf die Frage nach Verbesserungsvorschlägen gaben je neun Betriebe eine erleichterte Bedienbarkeit bzw. Menüführung sowie Schulungen, Öffentlichkeitsarbeit und Exkursionen an. Je sechs Betriebe wünschen sich mehr Hygiene in der Futterhalle und eine App, von der man auf das AFS zugreifen kann. Je fünf Betriebe würden sich über mehr Hygiene im Vorratsbehälter und höherwertige Materialien freuen.

Automatisch schütteln

Leicher stellte außerdem einen Versuch zur Misch-, Dosier- und Austragsgenauigkeit vor. Dafür werden auf 21 Betrieben jeweils zwei gleiche Rationen gefahren. Um die Mischgenauigkeit bestmöglich feststellen zu können, wurde sogar eine automatische Schüttelbox entwickelt. Mit dieser sogenannten Laus (LfL Automatische Schüttelbox) sollen verschiedene Faktoren, die das Schüttelergebnis beeinflussen können, ausgeschaltet und der Schüttelvorgang standardisiert werden. „Die Abweichungen der Ergebnisse sind bei der Laus viel geringer als wenn Personen schütteln“, schilderte die Expertin. Das wurde auch in einem Versuch nachgewiesen: Bei drei Schütteldurchgängen wurde jeweils einmal mit der Laus und einmal von einer Person geschüttelt. Mit der Laus war das Ergebnis in allen drei Durchgängen gleich, bei den Personen gab es Abweichungen.

Sanft umstellen

Dr. Johann Gasteiner, Leiter des Instituts für Artgemäße Tierhaltung und Tiergesundheit am Lehr- und Forschungszentrum Raumberg-Gumpenstein erläuterte, welche Anforderungen die Kuh an die Fütterung stellt, unabhängig vom jeweiligen System:

  • eine leistungsadequate Nährstoffversorgung,
  • eine Mindeststrukturversorgung,
  • eine Mindestpartikellänge und
  • eine koninuierliche Futtervorlage (alle drei bis vier Stunden).

„Alles was die Kuh frisst, muss durch das Vormagensystem“, stellte der Experte klar. In diesem 180 l fassenden System seien 25 bis 30 kg reine Mikroorganismen enthalten, und die gelte es richtig zu füttern. Wie sensibel ein Wiederkäuer auf Futterumstellungen reagiert, verdeutlichte er mit einem Beispiel: „Wenn Sie einer Kuh nur noch Stroh zu fressen geben, werden nach drei Wochen nur noch rohfaserspaltende Bakterien angesiedelt sein. Stellen Sie die Fütterung dieser Kuh dann von heute auf morgen von Stroh auf Maissilage um, wird sie es zwar gern fressen, aber sie hat keine stärkeabbauenden Mikroorganismen mehr.“ Die Folge sei eine Pansenübersäuerung, an der die Kuh sterben könne, schilderte Gasteiner.

Acidose-Gefahr

Der Pansen-pH-Wert liegt zwischen 6,2 und 7,0 im Normbereich. „Wenn das Millieu kippt, sprechen wir von einer Acidose“, betonte der Fachmann. Sinkt der pH-Wert auf 5,5 bis 6,1, dann liege eine subklinische Acidose vor. Diese könne man anhand der Milchinhaltsstoffe leicht erkennen. „Wenn Sie einen Fett-Eiweiß-Quo­ti­enten unter 1,1 oder 1,0 finden, können Sie davon ausgehen, dass eine Acidose vorliegt“, erklärte er. Fällt der pH-Wert im Pansen auf unter 5,5 ab, wird die Acidose akut. „Dann steht der Pansens still, bläht auf und der Tod kann innerhalb weniger Stunden eintreten“, schilderte Gasteiner.
„Pansenübersäuerung ist eine komplexe Erkrankung und kann verschiedene Produktionskrankheiten nach sich ziehen“, betonte der Fachmann. Eine davon sei die Ketose, dabei handelt es sich um eine Störung des Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsels. Abmagerung und Minderleistung, erhöhte Infektanfälligkeit, Labmagenverlagerung und Fruchtbarkeitsstörungen können die Folge sein. Zudem werden Erkrankungen der Klauen, der Leber und der Immunität sowie Infektionskrankheiten durch eine Acidose begünstigt, erläuterte er.
Natürlich kamen auch Praktiker beim Infotag in Grub zu Wort. Landwirt Wolfgang Möllering aus Haselünne im Emsland bewirtschaftet einen Bullenmastbetrieb mit Kartoffelanbau. Er stellte seine Erfahrungen mit einem AFS in Form einer Bandfütterung vor. „Wir mussten die Arbeitsspitzen wegen dem Kartoffelanbau entzerren und flexibler werden“, schilderte er. Deshalb hat Möllering  auch 2012 die Kälberhaltung aufgegeben, die frei gewordenen Aufzuchtplätze sind dann für Fresser bzw. Bullen umgebaut worden.
Durch die Bandfütterung konnten insgesamt 45 Tierplätze mehr geschaffen werden als bei einem herkömmlichen Futtertisch möglich gewesen wären. Den geringen Platzbedarf und die hohe Flexibilität des Systems sieht der Landwirt als klaren Vorteil an. „Man kann das System in fast jedes Gebäude einbauen“, erklärte er. Für die Bandfütterung inklusive Mischer hat Möller 200 000 € ausgegeben, umgerechnet sind das 800 € pro Mastplatz. Für bauliche Maßnahmen fielen zusätzlich 15 000 € an, umgerechnet 60 € pro Mastplatz.

Die Ration stabilisieren

„Der Mischer wird einmal täglich befüllt. Dreimal täglich wird die Ration frisch vorgelegt“, berichtete er. Bei warmen Temperaturen mischt der Landwirt einen Stabilisator dazu, dadurch werde das Futter nicht so schnell verdorben und die Futteraufnahme sei höher. Der tägliche Arbeitszeitbedarf liege bei rund 45 Minuten, monatlich kämen rund 2,5 Stunden für die Wartungsarbeiten dazu. „Man muss schon Spaß daran haben, die Anlage einzustellen und sich damit zu beschäftigen“, räumte der Bullenmäster ein. Durchschnittlich einmal pro Woche trete eine Störung auf. „Da ist oft zwar nur ein Knopfdruck nötig, aber ich muss da sein. Das ist manchmal nervig“, berichtete er. Insgesamt sei die Arbeitszeit mit dem AFS aber deutlich geringer. „Früher haben wir täglich dreieinhalb Stunden gefüttert, heute brauchen wir eine Dreiviertelstunde.“ Auch die Kosten seien gegenüber einer konventionellen Fütterung geringer. Rund 20.000 € spart Möllering jährlich ein. „Wenn wir den Roboter nicht hätten, müssten eine zusätzliche Fremdarbeitskraft einstellen“, schilderte er.

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