Login
Laufstall

Behornte Rinder - mehr Raum für die Königin

Bio-Milchviehstall
Thumbnail
Max Riesberg, Wochenblatt
am
05.01.2018

Behornte Kühe im Laufstall stellen die Betriebsleiter vor Herausforderungen. Doch so unmöglich scheint das Unterfangen gar nicht zu sein. Erste Ergebnisse einer Bundesstudie zeigen nun, dass man alte Vorurteile über Bord werfen muss.

Diese Frage scheidet seit jeher die Geister der Rinderhalter: Darf die Kuh ihre Hörner behalten oder müssen sie weg? – aus welchen Gründen auch immer. „Es ist ein Randthema, aber es bewegt die Gemüter“, sagte Dieter Sixt, Bioland-Berater im Rahmen der Tagungsreihe „Hörnertragende Kühe im Laufstall – so geht’s“, zum Auftakt der Veranstaltung im oberbayerischen Eberfing. Diese stieß ebenso wie die Termine in Feuchtwangen, Bad Zwischenahn und Görisried auf großes Interesse.

Viele Rinderhalter, vor allem die ökologisch wirtschaftenden Betriebe, treibt die „Glaubensfrage“ um. Aber auch den Umstellungsbetrieben und denjenigen, die sich von der Anbinde- hin zur Laufstallhaltung weiterentwickeln wollen, brennt die Frage „Oben ohne oder oben mit?“ unter den Nägeln. Die alte Lehrmeinung: Laufstall ist gleich veröden der Hornanlagen oder Hornloszucht, scheint man heute noch mal überdenken zu müssen.

Vorausgegangen war den Praxistagen ein dreijähriges Forschungsprojekt  der Universität Kassel, dem Bioland-Verband und Demeter. Dieses wurde im Bundesprogramm Ökologischer Landbau gefördert. 39 Betriebe aus dem Bundesgebiet mit Schwerpunkt Süddeutschland nahmen daran teil.

Die Betriebsgrößen deckten mit 13 und 135 Milchkühen eine große, repräsentative  Bandbreite ab. Im Rahmen dieses Projekts wurden der Tierzustand bezüglich Schäden (haarlose Stellen, Kratzer, Wunden), das Tierverhalten bezüglich des Auftretens von Auseinandersetzungen, die Haltung sowie das Management dokumentiert.

Die ersten Ergebnisse sind teils erstaunlich. „Sackgassen spielen anscheinend kaum eine Rolle“, zieht Sixt eine erste Zwischenbilanz. Hier kam es anscheinend nicht vermehrt zu Konflikten unter den Herdengenossinnen der inspizierten Laufstallherden.

Weitere Einflussfaktoren sind:

Dieter Sixt
  • Eingliederung neuer Rinder in die Herde: Bei Einzeltieren verlaufe diese ruhiger als bei ganzen Gruppen, da die Rangordnung nicht so extrem gestört wird.
  • Die Futtervorlage: Bei Heufütterung konnte mehr Ruhe im Fressbereich beobachtet werden.
  • Regelmäßiger Weidegang: Weideaustrieb am Tag reduzierte das Auftreten von Schäden am Tier, hingegen bringe unregelmäßges Austreiben z. B. im Winter mehr Unruhe in die Herde.

„Das Zusammenspiel der verschiedenen Bedingungen auf einem Betrieb erlaubt vielfältige Lösungsansätze bei Problemen mit horntragenden Tieren im Laufstall“, schlussfolgerte Sixt. Ein Patentrezept gebe es dafür allerdings nicht. Aber natürlich muss den Tieren genügend Platz zur Verfügung stehen. Nun will man weiter intensiv die Erfahrungen der einzelnen Betriebe sammeln und weitergeben. Das Projekt wurde vom Bund dazu um ein weiteres Jahr verlängert.

Die Systeme an die Tiere anpassen

Josef Frankl

Ein Ziel im ökologischen Landbau sei bekanntlich die Unversehrtheit der Tiere, so der Berater von Bioland. „Doch bei den Hörnern ist man da nicht so sensibel, wie wenn beispielsweise der Schwanz kupiert würde“, meinte er überspitzt. In Deutschland würden heute bereits 90 % der Rinder enthornt.

Den Grund dafür erklärte Demeter-Rinderexperte Ulrich Mück folgendermaßen: „Die Geschichte des Enthornens begann mit dem Bau viel zu enger Laufställe für unsere Rinder in den 1960er-Jahren. Vier Quadratmeter pro Tier war einfach viel zu knapp kalkuliert. Es konnte nicht funktionieren.“

Heute liegen die Mindestanforderungen in der konventionellen Haltung  schon bei 7 m2 pro Tier. Mück betonte: „Es sind zweifelsfrei die ökonomischen Zwänge, die uns dazu bewegt haben.“ Aber gerade im ökologischem Landbau muss die Frage erlaubt sein: War da nicht mal was? Wollten wir nicht die Systeme an die Tiere anpassen und nicht umgekehrt?“

Mück wagte eine vorsichtige Prognose: „Es könnte durchaus sein, dass bei Schwarzbunten, Rotbunten und Fleckvieh in drei bis acht Jahren keine horntragenden Stiere von den Stationen mehr angeboten werden.“ Beim Fleckvieh in Fleischnutzung sei das sogar heute schon der Fall. „Stehen wir wirklich am Ende der kulturgeschichtlichen Epoche horntragender Rinder?“, fragte der Demeter-Berater.

Warum haben Kühe eigentlich Hörner?

Josef Westenrieder

Darauf wusste Mück einige Antworten:

  • Das Horn ist ein Wesensmerkmal des Wiederkäuers Rind und ein Bestandteil der Kommunikation – Rinder erkennen sich auch an ihren Hörnern.
  • Das Horn ist ein eigenes Stoffwechselorgan der Kuh und es ist eine Gliedmaße, die beispielsweise zum Kratzen verwendet wird.
  • Das Horn ist ein Organ der Wärmeabgabe.

„Mit einem Demokratieverständnis, wie wir es heute haben, läuft man dem natürlichen Verhalten unserer Rinder entgegen“, so Mück. Im Herdenverband müssen die rangniederen Tiere den ranghohen Tieren Respekt und Demut bezeugen können. „Die Achtung vor den Königinnen“ sei extrem wichtig. Damit in der Herde im wahrsten Sinne alles in Ordnung ist, brauchen die Tiere mehr Raum, um sich artgerecht verhalten zu können.

Auf den Betrieben funktioniert's

Auf dem Projektbetrieb der Familie Frankl in Etting  (Lkr. Weilheim-Schongau) war die Entscheidung für die Hörner wie bei vielen anderen auch eine emotionale Geschichte. „1989 haben wir unseren Betrieb auf bio umgestellt und sind zu Naturland gegangen. Auslöser für diesen Schritt war letztlich die BSE-Krise“, berichtet Frankl.

Er sieht die Landwirtschaft und speziell die Tierhaltung als ganzheitlichen Ansatz. Man habe den Rindern schließlich den Wohlstand in der Region zu verdanken, da sei es doch angebracht zu bedenken, wie man mit den Tieren umgeht, so der Biolandwirt. Er und sein Sohn Ludwig haben 75 Liegeplätze in dem bereits 1975 errichteten Laufstall. Der Herdendurchschnitt liegt bei 5500 kg Milch. Alle Tiere stammen aus Natursprung. Sie haben Weidegang und es steht ihnen ein geräumiger Laufhof zur Verfügung. „Unser System funktioniert“, sagt Frankl und weiter: „wir sind vielleicht in 30 Jahren einer der wenigen Betriebe, wo Kinder noch Kühe mit Hörnern sehen können.“

Einen Steinwurf vom Franklhof entfernt bewirtschaftet Familie Westenrieder den Marxhof in Obersöchering. „Frührer waren wir mal ein Vollgas-Zuchtbetrieb“, erzählt Betriebsleiter Sepp Westenrieder. Mit der Milchpreiskrise habe sich das dann geändert. Seit 2013 verarbeiten die Westenrieders ihre Bio-Heumilch in der hofeigenen Käserei. Als einer der größten unternehmerischen Erfolge wurde der Naturjoghurt vom Marxhof auf der Grünen Woche 2015 als bestes Bioprodukt Bayerns ausgezeichnet.

Das neue Projekt der Westenrieders: Alle Rinder sollen zukünftig ihre Hörner behalten dürfen. 2014 hat man daher das Enthornen der Kälber eingestellt. Inzwischen ist  gut ein Viertel der 45-köpfigen Milchviehherde wieder behornt. „Die Hörner passen gut in unser Konzept und die Kunden freut’s. Auch wenn wir gerade am Fressgitter noch einige Probleme zu lösen haben“, betont der Marx-Bauer.

Auch interessant