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Ferkelkastration

Drastische Einbrüche durch Mehrkosten

Ferkel im Stall
Johann Ertl, BBV
am
22.12.2016

München - Nimmt man an, dass 84 % der männlichen Ferkel mit (Isofluran-)Narkose kastriert werden, summieren sich die Narkosekosten auf gut 13 Mio. € pro Jahr in Bayern und Baden-Württemberg. Diese Mehrkosten würden die süddeutschen Ferkelerzeuger zusätzlich zu den bestehenden strukturellen Nachteilen belasten und insbesondere kleinere und mittlere Betriebe bis 250 Sauen zum Ausstieg drängen. Da 90 % der Betriebe in diese Kategorie fallen, wäre ein regelrechter Strukturbruch die Folge!

Für die Ferkelkastration ab 2019 wird teilweise eine Narkose mittels Isofluran oder Ketamin/Stresnil als Option gesehen bzw. sogar für erforderlich gehalten. Die Zusatzkosten beider Verfahren wurden von den Landesanstalten in Bayern und Baden-Württemberg für verschiedene Betriebsgrößen detailliert berechnet. Bei der Isofluran-Narkose wird in sehr großen Betrieben (über 500 Sauen) mit knapp 2 € pro kastriertem Ferkel gerechnet. In Betrieben mit weniger als 50 Sauen sind die Kosten mit mehr als 7 € pro kastriertem Ferkel deutlich höher. Am 14. Dezember wurde die Stellungnahme „Folgenabschätzung zu den möglichen Auswirkungen des Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019“, die im Auftrag der Landwirtschaftsministerien Baden-Württembergs und Bayerns von den Landesanstalten beider Bundesländer gemeinsam erarbeitet wurde, beim Fleischprüfring in Vierkirchen vorgestellt. Bei dieser Arbeit ging es darum, betriebswirtschaftliche und marktrelevante Auswirkungen von verschiedenen Verfahren darzustellen. Die Bewertung von Aspekten des Tierschutzes, des Anwenderschutzes, des Klimaschutzes oder der rechtlich möglichen Umsetzbarkeit war nicht Gegenstand der Stellungnahme.

Bis zu 12 Euro pro kastriertem Ferkel

In einem ungünstigeren Szenario können die Kosten pro kastriertem Ferkel in den kleinen Beständen sogar bis auf 12 € ansteigen, sagten Josef Weiß und Ralf Bundschuh von der LfL, die beide die Stellungnahme vorstellten. In Beständen zwischen 100 und 250 Sauen wird mit etwas mehr als 3 € gerechnet. Die reinen Tierarztkosten haben daran mit durchschnittlich 1,31 € den größten Anteil. In sehr großen Betrieben (mehr als 500 Sauen) werden die Tierarztkosten auf 0,50 € und in Betrieben mit weniger als 50 Sauen auf 3,39 € geschätzt.
Die Kosten für die Injektionsnarkose mit Ketamin/Stresnil bewegen sich in einer ähnlichen Größenordnung: In Betrieben mit mehr als 500 Sauen wird mit etwas mehr als 2 € pro kastriertem Ferkel gerechnet, während die Kosten in Betrieben mit weniger als 50 Sauen knapp 7 € betragen. Im ungünstigeren Fall können die Kosten in diesen kleinen Beständen bis auf über 8 € ansteigen. In Beständen zwischen 100 und 250 Sauen wird mit etwas mehr als 3 € gerechnet. Die reinen Tierarztkosten haben daran wieder den größten Anteil und hängen stark von der Bestandsgröße ab. Nicht zu vernachlässigen sind mit mehr als 50 ct die Ferkelverluste, die bei der Injektionsnarkose auftreten. Die Kosten für die Narkose (Isofluran oder Injektion) mindern die Direktkostenfreie Leistung pro Sau und Jahr in den verschiedenen Bestandsgrößenklassen um 34 bis 80 € und damit um 6 % bis 19 %.

90 % der Betriebe wären gefährdet

Nimmt man an, dass 84 % der männlichen Ferkel mit (Isofluran-)Narkose kastriert werden, summieren sich die Narkosekosten auf gut 13 Mio. € pro Jahr in Bayern und Baden-Württemberg. Diese Mehrkosten würden die süddeutschen Ferkelerzeuger zusätzlich zu den bestehenden strukturellen Nachteilen belasten und insbesondere kleinere und mittlere Betriebe bis 250 Sauen zum Ausstieg drängen. Da 90 % der Betriebe in diese Kategorie fallen, wäre ein regelrechter Strukturbruch die Folge!
Die Auswertung verschiedener Mastversuche bzw. von Praxisdaten ergab keinen einheitlichen Unterschied in den Tageszunahmen zwischen Ebern und Kastraten, aber eine bessere Futterverwertung (in unterschiedlichem Ausmaß) bei Ebern. Die unterstellte Kostenersparnis daraus schwankte zwischen 2,70 und 9 € pro Mastschwein und lag mehrheitlich bei rund 6 €.
Es stellt sich die Frage, inwieweit der höhere Magerfleischanteil längerfristig vom Markt bezahlt wird. Wegen der geringeren Ausschlachtung und der Zusatzkosten für Erfassung und Geruchsdetektion sowie des Risikos des Verwurfs wegen Geruchsbelastung rechnen die Landesanstalten längerfristig nicht mit einem ökonomischen Vorteil für die Ebermast im Vergleich zur Mast von Kastraten in Süddeutschland.
Bei der Immunokastration kommen zu den Kosten der Improvac-Behandlung (4 bis 4,50 € bei zweimaliger Behandlung) der erhöhte Arbeitsaufwand und die Kosten für die Geruchsdetektion hinzu. Die Landesanstalten stufen daher auch die Immunokastration nicht als wirtschaftlich vorteilhaft ein.
Sollte künftig die Kastration nur noch unter Narkose möglich sein, könnte die Ferkelerzeugung in Bayern um bis zu rund 1,8 Mio. Ferkel pro Jahr und in Baden-Württemberg um bis zu rund 1,3 Mio. Ferkel zurückgehen. Diese Zahlen entsprechen 35 % bzw. 26 % der Ferkelerzeugung in 2015. Ein großer Teil der Ferkelerzeugung und vor allem die kleineren Betriebe würde in diesem Fall einfach wegbrechen.

Was bedeutet denn Betäubung wirklich?

Dazu ob für die Ferkelkastration ab 2019 tatsächlich eine Narkose erforderlich ist (und damit solche katastrophalen Folgen eintreten müssen), gibt es unterschiedliche Auffassungen. Zur Klärung von strittigen rechtlichen Fragen beauftragte der BBV zusammen mit weiteren Akteuren der Branche in Süddeutschland (Landesbauernverband in Baden-Württemberg, Ringgemeinschaft und mehrere Erzeugerorganisationen, Schlachtunternehmen, Fleischerverband, Vieh- und Fleischhandelsverband, Bundesverband der Systemgastronomie) ein Gutachten bei Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Hansen, einem ausgewiesenen Experten des Veterinärrechts. Dieser kam zu dem Schluss: „Ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration gibt es nicht!“ Die rechtliche Situation stelle sich stattdessen sehr viel differenzierter dar, da die ausdrückliche Zulässigkeit der Kastration von Ferkeln unter acht Tagen ohne Betäubung bis zum 31. 12. 2018 befristet ist. Nach Ablauf dieser Frist gelten die übrigen Regelungen fort:
Die Kastration von unter acht Tage alten Ferkeln ist aufgrund gesetzlicher Regelungen ausdrücklich zulässig und damit vom Amputationsverbot ausgenommen. Einer Prüfung des vernünftigen Grundes bedarf es daher nicht.
Grundsätzlich muss die Ferkelkastration ab 1. 1. 2019 unter Betäubung durchgeführt werden. Der Begriff „Betäubung“ ist gesetzlich nicht definiert. Auch der Begriff „Betäubungsmittel“ ist nur für das Betäubungsmittelgesetz, nicht aber für das Tierschutzgesetz definiert. Nach den verschiedenen juristischen Auslegungsmöglichkeiten (historisch, teleologisch, systematisch) setzt eine Betäubung keine Narkose oder Vollnarkose voraus, da auch eine örtliche Schmerzausschaltung ausreichend ist. Die örtliche Betäubung für die Ferkelkastration darf der Landwirt durchführen. Für eine Kastration von unter acht Tage alten Ferkeln ist ab 1. 1. 2019 eine Schmerzbehandlung erforderlich.
Die Kastration ohne Betäubung ist zulässig, wenn der mit dem Eingriff verbundene Schmerz geringer ist als die mit einer Betäubung verbundene Beeinträchtigung des Befindens des Tieres oder eine Betäubung im Einzelfall nach tierärztlichem Urteil nicht durchführbar erscheint. Diese Entscheidung kann z. B. der betreuende Tierarzt treffen. Wenn auf eine Betäubung verzichtet wird, sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Schmerzen oder Leiden der Tiere zu vermindern.
Die Kastration von über sieben Tage alten Ferkeln kann nach einer Einzelfallprüfung zulässig sein.
Isofluran ist für Schweine nicht zugelassen. Eine Umwidmung ist zweifelhaft, weil das eine Therapielücke voraussetzt und weil Isofluran nicht im Anhang I der Verordnung (EU) 37/2010 für die Tierart Schwein aufgeführt wird.
Eine Verletzung von EU-Vorschriften durch die nationalen Vorschriften zur Ferkelkastration scheidet aus. Es gibt keine rechtliche Basis für Einfuhrverbote für Tiere aus anderen Mitgliedstaaten, die ohne Betäubung kastriert wurden.
Die anschließende Diskussion drehte sich vorwiegend um konkrete Verfahren der Betäubung sowie um den Verzicht auf die Betäubung nach tierärztlichem Urteil im Einzelfall. Vizepräsident Klaus Mugele vom Landesbauernverband in Baden-Württemberg stellte fest, dass eine örtliche Schmerzausschaltung und unter Umständen auch eine Schmerzreduzierung die zukünftigen gesetzlichen Anforderungen erfülle. Er forderte vom Bundeslandwirtschaftsministerium dies zu akzeptieren.
Dr. Gerhard Wittkowski (ehemaliger Geschäftsführer des TGD Bayern) erklärte, dass eine Narkose keine moderne Schmerztherapie darstelle. In der Humanmedizin versuche man schon seit einiger Zeit, diese möglichst zu vermeiden.

Keine Narkose in den ersten Lebensmonaten

Die erste Lebenswoche sei außerdem der schlechteste Zeitpunkt für eine Narkose. Nach einem amerikanischen Lehrbuch solle in den ersten beiden Lebensmonaten auf eine Narkose verzichtet werden. Für die Ferkelkastration bleibe daher nur die örtliche Betäubung oder ggf. eine alleinige Schmerzbehandlung.
Die örtliche Betäubung sieht auch Dr. Andreas Randt, Geschäftsführer des TGD Bayern, als Möglichkeit. Dabei solle ein Verfahren entwickelt werden, bei dem nicht in den Hoden, sondern neben den Hoden in den Processus vaginalis gespritzt wird, um den Samenstrang zu betäuben. Eventuell könne zusätzlich der Nervus podendus und damit der Hodensack betäubt werden. Für die örtliche Betäubung sei derzeit Procain zugelassen. Viel besser und wesentlich schneller wirke Lidocain. Dieses Mittel sei aber in Deutschland nicht für Schweine zugelassen und dürfe nicht umgewidmet werden. Für Hunde und Katzen ist es dagegen zugelassen. Eine Zulassung von Lidocain wäre daher sehr wünschenswert.
BBV-Präsident Walter Heidl zeigte sich zufrieden mit der Veranstaltung und erklärte: „Zwei Jahre vor dem Auslaufen der Übergangsfrist macht das Rechtsgutachten den Weg frei für ein tiergerechtes, praktikables und wirtschaftlich tragfähiges Verfahren der Ferkelkastration. Das ist eine gute Nachricht für unsere Schweinehalter!“

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