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Trockenstellen

Von Fall zu Fall richtig entscheiden

Familie Traunspurger
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
06.07.2017

Herbertsfelden - Familie Traunspurger hat sich seit einem Jahr dem selektiven Trockenstellen verschrieben. Ausschlaggebend dafür war ein plötzliches Zellzahlproblem und der Wunsch, den Antibiotikaeinsatz im Stall langfristig zu reduzieren.

Das kennen viele Milchviehhalter – von heute auf morgen schießt die Zellzahl in der Milch in die Höhe – und man kann sich einfach nicht erklären woher das kommt.  Auch Helmut und Beate Traunspurger aus Hebertsfelden im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn ging das so. Sie bewirtschaften einen Familienbetrieb mit 50 Stück Milchvieh, der Nachzucht und rund 100 Mastbullenplätzen. „Wir hatten vorher nie Probleme mit der Milchqualität. Doch im Sommer 2015 lag die Zellzahl dann plötzlich stellenweise über 200 000 Zellen pro Milliliter. Da musste was geschehen“, erklärt der Betriebsleiter.
Man wollte wissen was los ist und ging der Sache auf die Spur. Mit dem Tiergesundheitsdienst testeten Traunspurgers die gesamte Milchviehherde durch. Einen vorherrschenden Grund für die Zellzahlproblematik oder gar ein Bestandsproblem konnte man jedoch nicht ausfindig machen. „Es war eigentlich nichts Besorgniserregendes vom Erregerspektrum dabei, eher Querbeet. Bei einzelnen Kühen konnte Staphyloccocus aureus, bei anderen Laktokokken, Enterokokken, Streptococcus uberis und ganz vereinzelt auch Escherichia coli nachgewiesen werden. Doch von einer Bestandssanierung waren wir zum Glück meilenweit entfernt“, berichtet der Landwirt.

Gemeinschaftsprojekt sensibilisiert

Rastschema

Zeitgleich zu diesem Fall, welcher der niederbayerischen Landwirtsfamilie Kopfzerbrechen bereitete, startete das Projekt RAST (Reduktion des Antibiotikaeinsatzes beim Milchvieh durch selektives Trockenstellen). Beteiligt an diesem wissenschaftlichen Vorhaben sind die Landesanstalt für Landwirtschaf (LfL), der Tiergesundheitsdienst Bayern (TGD) sowie die Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Ausschlaggebend dafür war, dass die gesellschaftliche Brisanz des Themas Antibiotikaeinsatz in der landwirtschaftlichen Tierhaltung, das immer mehr an Bedeutung gewinnt, die Branche in Zugzwang bringt und noch sehr viel Aufklärungsarbeit bedarf. Familie Trauns-purger war im Zuge der Bullenmast bereits auf diesem Gebiet sensibilisiert. „Wir dachten uns, die Dokumentationspflicht kommt über kurz oder lang auch beim Milchvieh. Da schadet es nichts, wenn wir gerüstet sind“, schildert der Milcherzeuger.
„Zuvor haben wir etwa zehn Jahre lang alle unsere Kühe mit einem antibiotischen Trockensteller trocken gestellt“, berichtet Traunspurger weiter. Damals habe es immer mehr Probleme mit der Eutergesundheit gegeben und man wollte einfach auf Nummer sicher gehen. Außerdem seien auch die Tierärzte in dieser Zeit großteils Verfechter der Methode gewesen.
Weil der Milchviehbetrieb Traunspurger die Aufnahmekriterien für das RAST-Projekt erfüllte und eben kein vorherrschendes Bestandsproblem in Sachen Mastitis-Erreger vorliegt, konnte Anfang 2016 der Startschuss zum selektiven Trockenstellen fallen. 45 Betriebe hatten bis Dato Interesse an einer Teilnahme bekundet, 25 wurden untersucht und letztendlich 20 Betriebe, über ganz Bayern verteilt, für die Teilnahme am RAST-Projekt ausgewählt. Es folgte ein zweimaliges Screening der Herde in Puncto Eutergesundheit, wie Tierärztin Katharina Schmon, eine der Betreuerinnen von Seiten der LMU berichtet: „Das ist wichtig, damit auch die Trockensteher vom ersten Mal dabei sind.“ Außerdem seien eventuell vorliegende Behandlungserfolge durch die doppelte Beprobung der Kühe sichtbar geworden.

Von jeder Kuh werden fünf Proben genommen

Das Vorgehen beim selektiven Trockenstellen beschreibt Schmon folgendermaßen: Jede Kuh wird für den Versuch fünfmal rund um die Trockenstehphase beprobt, durch die Screenings liegen bereits vor Projektbeginn zwei Proben pro Tier vor. 14 Tage vor dem Trockenstellen wird die Milch dann untersucht ob Krankheitserreger vorliegen. Außerdem muss die Zellzahl unter 200 000 liegen und die Kuh darf im Laufe der Laktation nicht an einer Mastitis erkrankt sein. „Am Tag des Trockenstellens führen wir dann noch unmittelbar davor einen Schalmtest durch“, wirft Landwirt Traunspurger ein. „Wir wollen eine doppelte Rückversicherung, denn auch in den zwei Wochen seit dem letzten Beproben kann sich in Sachen Eutergesundheit noch einiges zum Schlechten wandeln“, beschreibt er. Der Zeitaufwand für eine Probe sei mit zehn Minuten pro Tier schon enorm, räumt Traunspurger ein, doch bei einer Kuh je Melkzeit ginge das schon noch.
„Wichtig ist auch die Kontrolle der Eutergesundheit nach dem Abkalben. An der Tatsache, wie die Kuh aus der Trockenstehzeit kommt, sieht man genau, wie gut die gewählten Maßnahmen waren“, schildert Schmon. Mit dem Start in die Laktation beginne ja die eigentlich heikle Phase für das Euter und die Milchkuh, wenn so viel Milch produziert werden müsse. Nach dem Abkalben ist auch die tägliche Kontrolle mit dem Fieberthermometer ein wichtiges Werkzeug für den Landwirt. „Bei 39,5 °C klingeln bei mir schon die Alarmglocken“, sagt Traunspurger.
Die Erfahrungen, die man inzwischen sammeln konnte seien ganz unterschiedlich gewesen, wie die niederbayerischen Milchviehhalter berichten. Man habe sowohl bei den nicht antibiotisch Trockengestellten, als auch bei den Kühen, die behandelt wurden, Mastitisfälle zu verzeichnen gehabt. „Aber es waren auch rund zehn Tiere in der Herde dabei, die wir mit 16 bis 18 Liter Milch vollkommen problemlos ohne irgendeine Antibiotika-Tube trockengestellt haben“, erzählt Maria Traunspurger.
Wichtig ist natürlich immer ein absolut sauberes Arbeiten und die tägliche Kontrolle. Auch mit Zitzenversieglern arbeiten Traunspurgers inzwischen und haben positive Erfahrungen sammeln können. Die Trockensteller kosten pro Kuh zwischen 14 bis 20 Euro, die Versiegler nur zehn Euro pro Kuh, rechnet Traunspurger vor.
Einer der größten Vorteile sei es aber, dass man durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik viel besser über die Eutergesundheit und die einzelnen Tiere Bescheid weiß und auch beim Melken schon von vornherein besser aufpasst, Stichwort: Keimverschleppung. „Es zahlt sich auf alle Fälle aus, die Zellköniginnnen und Mastitistiere in einer Herde zu kennen, sonst kann es schon mal recht schnell teuer werden“, schildert Schmon ihre Erfahrungen. „Oft liegt es nämlich bei Tieren im Argen, die eigentlich nie wirklich aufgefallen sind. Das ist ja das Heimtückische, wie beispielsweise bei Kühen mit Staphylococcus aureus.“

Schneller sehen, besser entscheiden

Auch ihre Kollegin und Projekt-Betreuerin von der LfL, Charlotte Stricker, kann diese Erfahrungen nur bestätigen. „Durch die bessere Beobachtung und das Know-how können die Landwirte gerade schwere Mastitsfälle nun von vornherein vermeiden. Sie sind einfach drin in der Thematik, sehen die Fälle schneller, erkennen das Problem besser und können auch eine schnellere Entscheidung treffen“, sagt sie. Als Stütze dazu haben die Fachleute eigens einen Enscheidungsbaum entwickelt (siehe oben). Der aktuelle Stand des Projektes über alle Betriebe hinweg ist in der Grafik auf Seite 32 dargestellt.
Auf dem Hof in der Gemeinde Hebertsfelden will man auf alle Fälle weiter am Ball bleiben. „Wir wollen möglichst gut gerüstet sein, wenn wir eines Tages auch ein Antibiotika-Monitoring für weibliche Rinder bekommen“, sagt Helmut Traunspurger. Die durchschnittliche Milchleistung in seinem Stall liegt derzeit bei 8100 kg und den Kühen geht es in ihrem Laufstall (Baujahr 2009) gut, daran soll sich auch nichts ändern. Mit dem gekonnten selektiven Trockenstellen sind dazu in Zukunft auch noch weniger Antibiotika nötig, wenn Traunspurgers von Fall zu Fall die richtige Entscheidung treffen.

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