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Alpakas

Feinfühlig und begehrt

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Max Riesberg, Wochenblatt
am
18.08.2016

Riegsee - Familie Schmid hat Alpakas aus Südamerika nach Oberbayern an den Riegsee geholt und sich damit ein Standbein aufgebaut. Denn nicht nur als Begleiter und Therapeuten sind diese Tiere gefragt, sie können auch hierzulande Spitzenpreise erzielen.

Eigentlich würde man hier am  nördlichen Rand des Landkreises Garmisch-Partenkirchen die urigen Murnau-Werdenfelser-Rinder auf den Weiden erwarten. Und zugegeben, auch mit diesen können Sepp und Helene Schmid aus Riegsee aufwarten. Doch ihr Herz haben sie vor 16 Jahren an die possierlichen und bis dahin in Bayern weitgehend unbekannten Alpakas verloren. Heute dreht sich alles am Kistlerhof um die Neuweltkamele, die ursprünglich in den Anden beheimatet sind.
In Peru leben etwa 3,5 Mio. Alpakas, was etwa 80 % des weltweiten Bestandes entspricht. Dass die unkomplizierten und vielseitigen Tiere auch in Deutschland inzwischen eine Art Trend erfahren, freut das Ehepaar Schmid und ihre vier Kinder ganz besonders, waren sie doch – zumindest in ihrem Landkreis –Vorreiter für diese exotische Form der Tierhaltung.
Dabei waren die Schmids am Anfang „ziemlich ratlos“, wie Betriebsleiter Sepp erzählt. Der überschaubare Milchviehbetrieb mit 17 Kühen war hinsichtlich Arbeitsaufwand und Rentabilität einfach kein System mehr für die Zukunft. „Wir überlegten mit einer Straußenfarm oder Milchziegen weiterzumachen. Doch diese Pläne sind in letzter Minute gescheitert. Durch Zufall sind wir im Allgäu auf die Alpakas gestoßen und haben uns dann näher über diese interessanten Tiere informiert.“
Für die Schmids sei deren Nutzen anfangs auch nicht so klar gewesen. „Kann man die melken? Kann man die essen? Was kann man überhaupt mit denen machen?“, haben sie sich gefragt. Schnell war ihnen klar, hier muss es sich um ganz besondere Tiere mit einem besonderen Nutzen für den Menschen handeln.

Alpakareise

„Ein halbes Jahr lang sind wir dann rumgefahren, haben Kontakte geknüpft, uns Betriebe und Herden angeschaut und insgeheim gehofft, die Tiere irgendwo billiger herzubekommen“, sagt Schmid, der gelernte Kunstschlosser, der 1994 auf den Betrieb seiner Frau einheiratete. Stuttgart, Frankfurt und die Schweiz waren Stationen auf Schmids Alpakareise. Bei den Eidgenossen sind sie dann fündig geworden und haben drei trächtige Stuten für umgerechnet 15 000 € aus der Schweiz importiert. Mit allem bürokratischen und seuchenrechtlichen Aufwand. „Das war schon Wahnisnn, aber letztlich der Grundstock für unsere Zucht“, schildert Schmid weiter. Selbst nach Chile zu einer großen Alpaka-Auktion ist er vor zehn Jahren gereist und hat von dort den schwarzen Zuchthengst Oskar und drei Stuten mitgebracht. „Das muss man gesehen haben. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Selbst über das Internet wird dort aus aller Herren Länder mitgesteigert“, berichtet Sepp Schmid.
Die eine Seite ihres Milchviehstalls haben Schmids einfach für die Alpakas funktional umgebaut. Außerdem haben die Tiere Tag und Nacht Zugang zur Weide, welche sie über eine Art Laufsteg-Brücke über den Hof erreichen. „Unser Traum war immer eine Herde mit 100 Alpakas. Heute sind es 65 Köpfe. Aber das reicht eigentlich auch vollkommen“, ist sich das Ehepaar einig.
Außer alle acht Wochen Nagelpflege und einmal im Frühjahr geschoren zu werden, stellen die Tiere eigentlich keine großen Ansprüche. Zum Scheren der Alpakas ist jedoch eine eigene Technik notwendig, weil man die Tiere nicht einfach wie Schafe hinhocken kann.

Alpakawolle

„Außerdem braucht man viele Messer, um die Wolle herunterzubekommen“, erklärt Sepp Schmid, da die Beschaffenheit des Rohstoffs anders sei als bei Schafwolle. „Die Alpakawolle schmiert nicht. Das Lanolin fehlt. Es handelt sich um eine Hohlfaser, die wie ein Rohr aufgebaut ist. Dadurch isoliert Alpakawolle auch extrem gut – bei Kälte oder Hitze gleichermaßen. Weil sie aufgrund dieser Eigenschaft so begehrt ist, wird Alpakawolle auch als das Gold der Inkas bezeichnet“, berichtet er weiter. Heute dient die Wolle deshalb zum Beispiel auch für die Herstellung von Schlafsäcken für Alpinisten im Hochgebirge.
Entscheidend für die Zucht und den Wert der Tiere ist der Mikronwert, also die Dichte des Fleece sowie der sogenannte Crimp, mit dem man die Wellung der einzelnen Fasern bezeichnet. „Hier gibt es Spitzenhengste mit Top-Vererbung, die für bis zu 100.000 Euro gehandelt werden“, erklärt Sepp Schmid.
Die Schmids vermarkten die Produkte aus der Wolle ihrer Tiere, von den Socken bis zur modischen Winterjacke, die federleicht ist und doch pudelwarm macht, in ihrem kleinen Hofladen selbst. Außerdem sind sie von Anfang an viel auf Märkte und andere Veranstaltungen in der Region gefahren, um die Alpakas in Bayern bekannt zu machen. „Besonders begehrt sind auch unsere Alpaka-Bettdecken, die sich sogar für Allergiker eignen“, erzählt Helene Schmid. Für rund 200 € das Stück kann man diese vorbestellen.
„Die Wolle ist aber nicht das A und O für uns“, betont sie. Wenn die Nachfrage nach Alpakawolle steigen würde, dann würde sofort welche aus dem Ausland importiert werden. Denn die ist billiger als unsere, so die Bäuerin.
„Für uns haben die Alpakas als Begleittiere für den Menschen zudem einen riesigen Wert“, schildert sie. Die Erlebnisbäuerin veranstaltet Kindergeburtstage, aber auch Feste für Erwachsene mit ihren Alpakas. „Beim Spazierengehen sind alle immer ganz begeistert von der Ausgeglichenheit und Feinfühligkeit der Tiere und ihrer beruhigenden Wirkung auf den Menschen. Darum werden sie ja auch zu Therapiezwecken für beispielsweise behinderte Menschen eingesetzt.“ Die Exoten aus Südamerika können also weit mehr als „nur“ gut ausschauen.
Gut zu wissen, dass Familie Schmid die gezüchteten Tiere auch verkauft.

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