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Zulassung

Ferkelkastration - Nordrhein-Westfalen ist schon weiter

Karl Bauer
am
02.11.2017

Die lokale Betäubung der Ferkel erweist sich zunehmend als das Verfahren der Wahl. Doch es gibt noch Widerstände und Hürden zu meistern.

So läuft das Verfahren mit Procain ab

Durch eine sehr dünne, kurze Kanüle an der Spritze wird das Betäubungsmittel mit dem Wirkstoff Procain in den Hodensack, der den Hoden umschließt, injiziert. Der Hoden selbst wird dabei nicht getroffen und bleibt unversehrt.

Nach 45 Minuten bis eine Stunde ist der gesamte Bereich um den Hoden so weit betäubt, dass das männliche Ferkel den Schnitt in das Gewebe und das Absetzen der Hoden nicht mehr bewusst wahrnimmt. Für das Kastrieren ist die dänische Kastrationszange besonders gut geeignet.

Unmittelbar nach dem operativen Eingriff werden die Ferkel wieder in die Bucht zur Sau zurückgesetzt. Dank des vollständigen Bewusstseins und der uneingeschränkt funktionierenden Reflexe können die Ferkel sofort das Gesäuge aufsuchen.

Im Gegensatz zur Vollnarkose laufen die Ferkel also bei der lokalen Betäubung nicht Gefahr, dass sie hungern und ihr Körper auskühlt oder dass sie  von der Sau erdrückt werden.

Lidocain hätte Vorteile

Lidocain

Bei der Anwendung von Procain muss nach der Applikation die schon erwähnte knappe Stunde abgewartet werden, damit die lokale Betäubung vollständig gewährleistet ist. Diese Zeitspanne belastet natürlich den Arbeitsablauf im Sauenbestand, wenn das Kastrieren einer Abferkelgruppe ansteht.

Gibt es Alternativen dazu? „Ja!“, bestätigt Dr. Randt, Geschäftsführer des Tiergesundheitsdienstes Bayern. Die Betäubung mit dem Wirkstoff Lidocain ist nach seinen Erkenntnissen schneller: Bereits drei bis fünf Minuten nach der Applikation kann die Operation beginnen.

Doch Lidocain ist für die lokale Anästhesie bei Schweinen in Deutschland noch nicht zugelassen – im Gegensatz zu der bei Hunden, Katzen, oder Pferden (sogar in der Humanmedizin wird Lidocain eingesetzt).

Da bis jetzt bei der europäischen Arzneimittelagentur in Brüssel für Lidocain noch keine „Rückstandsbewertung bei Schweinen“ vorliegt, steht die Zulassung des Betäubungspräparates für diese Tierart noch aus. Es bleibt also zu hoffen, dass die noch verbleibenden rund 15 Monate ausreichen, um diese Zulassung einzuholen.

An einer solchen Zulassung für Lidocain müsste eigentlich die Arzneimittelindustrie sehr interessiert sein. Von den rund 30 Mio. männlichen Schweinen, die jährlich in der Bundesrepublik geschlachtet werden, sind sicher 80 % kastriert. Die Nachfrage nach diesem Präparat zur lokalen Betäubung bei Schweinen ist vermutlich groß.

Tierärzte sind dagegen

Dass die Kastration unter lokaler Betäubung nicht den Vorstellungen der Tierärzte entspricht, erscheint zunächst nicht verwunderlich. „Jede Anästhesie – das gilt auch für die lokale Betäubung – ist eine anspruchsvolle und risikobehaftete, tierärztliche Tätigkeit“, schreibt der Präsident der Bundestierärztekammer Dr. Uwe Tiedemann in einer Presseaussendung vom 6. Juli dieses Jahres.

Er hält diesen sogenannten „4. Weg“ der Ferkelkastration, der ja die lokale Betäubung durch den Ferkelerzeuger voraussetzt, für einen Irrweg. Der Sauenhalter könne die Folgen seines Tuns gar nicht umfassend abschätzen, argumentiert Tiedemann unter anderem.

Auch dass der Ferkelerzeuger die doch sehr komplizierte Applikation des Betäubungsmittels immer zuverlässig in den Hodensack injiziert, davon sei laut Tiedemann nicht ohne weiteres auszugehen. Die Verletzung eines Hodens wäre in jedem Fall tierschutzrelevant.

Landwirtschaftsminister Schmidt will Lidocain

Trotz dieser Vorbehalte scheinen die Chancen für die Ferkelkastration unter Lokalanästhesie nicht schlecht. Das lässt sich jedenfalls aus den Äußerungen des deutschen Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt schließen. In einem Interview, das dieser kurz vor der Wahl mit dem Wochenblatt geführt hat, hob der Minister heraus, dass er sich für die Kastration unter örtlicher Betäubung einsetzen werde.

Sobald feststeht, dass sich Procain oder Lidocain als geeignete Mittel erweisen, stehe einer Zulassung nichts mehr im Wege. Dann könne der Ferkelerzeuger die lokale Betäubung selbst vornehmen.

Auch für BBV-Präsident Walter Heidl ist der 4. Weg bei der Ferkelkastration das Verfahren der Wahl. Wie BBV-Fachreferent Johann Ertl berichtet, fordert mittlerweile die gesamte Branche diesen 4. Weg. Und Ertl weiter: „Natürlich laufen bei uns Gespräche mit den Tierärzten, um zu einer Einigung zu kommen.“

Nordrhein-Westfalen als Vorreiter

Solche Gespräche dürften in Nordrhein-Westfalen schon erfolgreich gelaufen sein. So wird berichtet, dass die Arbeitsgemeinschaft Schwein bei den Tierärztekammer dort dafür plädieren, die Untersuchungen zur Kastration unter Lokalanästhesie bei männlichen Ferkeln voranzutreiben. Die Tierärzte dort halten es für vertretbar, den Landwirten bei nachgewiesener Sachkunde eine lokal eingegrenzte  Betäubung am Ferkel zu übertragen.

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