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Wissenschaftliche Analyse

Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungs- und Futtermitteln

aiz
am
04.11.2016

Wien - Nutztiere wandeln nicht essbare Substanzen in wertvolle Lebensmittel um.

Rind auf Weide

Wissenschafter der Universität für Bodenkultur Wien haben in Zusammenarbeit mit der HBLFA Raumberg-Gumpenstein die Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungs- und Futtermitteln in Österreich auf Basis von Daten der Statistik Austria unter die Lupe genommen. Untersucht wurde auch, wie effizient verschiedene Nutztierkategorien hierzulande Lebensmittel produzieren. "Tierhaltungssysteme stehen sehr oft in der Kritik, dass sie aus Sicht der Lebensmittelproduktion sehr ineffizient seien und dass Nutztiere den Menschen Nahrung smittel wegfressen würden. Der Vorwuf beruht zumeist darauf, dass Tiere generell nur 10% bis 20% der aufgenommenen Futterenergie in tierische Produkte (Milch, Eier sowie Fleisch) umwandeln und lässt aber außer Acht, dass vieles von dem, was Nutztiere fressen, nicht direkt für die menschliche Ernährung geeignet ist", betonte Werner Zollitsch, Dozent am Institut für Nutztierwissenschaften der BOKU.

Den Untersuchungen zufolge zeigen sich hinsichtlich der Konkurrenz zwischen Futtertrog und Teller sehr große Unterschiede zwischen Wiederkäuern (Rinder, Schafe sowie Ziegen) und Nicht-Wiederkäuern (Schweine sowie Geflügel). Während nur rund 10% der in Österreich an Wiederkäuer verfütterten Rationen für Menschen direkt essbar wären, liegt dieser Anteil bei den Nicht-Wiederkäuern bei knapp 50%. "Dies liegt vor allem daran, dass das Verdauungssystem von Nicht-Wiederkäuern dem des Menschen von Natur aus sehr ähnlich ist, während Wiederkäuer auch sehr faserreiche pflanzliche Substrate (z.B. Gras) über ihr komplexes Verdauungssystem für sich nützen können", erklärten die beteiligten Wissenschafter.

Bilanz bei Milchkühen am besten

Milchkühe erreichten bei der Netto-Lebensmittelproduktion (Energie bzw. Protein in den tierischen Produkten abzüglich der potenziell essbaren Energie bzw. des potenziell essbaren Proteins im Futter) die günstigsten Ergebnisse: Sie produzierten 1,4-mal mehr Energie und zweimal mehr Protein in Form von Milch und Fleisch, als sie über potenziell essbares Futter aufnahmen. "Wichtig ist dabei aber auch, zusätzlich zu berücksichtigen, dass das Eiweiß in tierischen Lebensmitteln im Vergleich zu pflanzlichem - durch die bessere Verdaulichkeit und das günstigere Verhältnis der Aminosäuren zueinander - generell eine höhere Qualität für die menschliche Ernährung hat, informierten die Forscher. Werden diese qualitativen Unterschiede in die Betrachtung miteinbezogen, so liefern zusätzlich zu Rindern auch Ziegen, Schafe und Legehennen einen positiven Netto-Beitrag zur menschlichen Eiweißversorgung.

Tiere machen 50% der Grünlandflächen nutzbar

"Die oftmals geäußerte Pauschalkritik an der schlechten Lebensmittel-Bilanz der Tierhaltung ist daher nicht zulässig und muss differenzierter betrachtet werden. Durch die Umwandlung von nicht für uns Menschen essbaren Bestandteilen - wie Gras und ähnliche Futtermittel, Nebenprodukte aus der Lebensmittelverarbeitung oder Industrie - liefern Nutztiere einen sehr wertvollen Beitrag zur Bereitstellung von Nahrungssmitteln", betonte Zollitsch. So stammt das Futter von Wiederkäuern in Österreich beispielsweise zu 50% von Grünlandflächen, welche ohne die Umwandlung über die Nutztiere nicht für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden könnten.

Im Sinne der Hauptaufgabe der Landwirtschaft, nämlich der Erzeugung von Nahrungsmitteln für den Menschen, sollte es das Ziel sein, den Anteil an potenziellen Lebensmitteln in Rationen von Nutztieren möglichst gering zu halten und sich soweit möglich auf die Verwertung von nicht essbaren Futtermitteln zu konzentrieren, lautet die Empfehlung der Wissenschafter. Im Jahr 2015 konsumierte der durchschnittliche Österreicher rund 65 kg Fleisch, 235 Eier und 76 l Trinkmilch.

Die Arbeit mit dem Titel "Net food production of different livestock: A national analysis for Austria including relative occupation of different land categories" ist in "Die Bodenkultur: Journal of Land Management, Food and Environment", 67/2: S. 91-103, erschienen und online unter http://dx.doi.org/10.1515/boku-2016-0009 frei zugänglich.

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