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Alpsommer

Früh hoch mit genug Vieh

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Redaktion Wochenblatt, Wochenblatt
am
24.05.2017

Kempten - Ein früher Auftrieb und ausreichender Viehbestoß beugt der Verunkrautung auf den Bergweiden vor und steigert die Qualität des Grünfutters.

Mit dem Auftrieb der ersten Rinder hat in den vergangenen Wochen die Alpsaison 2017 begonnen. 694 Alpen, und damit zwei mehr als im Vorjahr, werden die Älpler bis Juni mit knapp 2700 Kühen, über 31 000 Stück Jungvieh, 300 Pferden, 250 Schafen, knapp 200 Ziegen und weit über 500 Schweinen bestoßen. Rund 45 000 ha Fläche, davon 21 000 ha Lichtweide werden von den Älplern und ihrem Vieh gepflegt und offen gehalten.
Über die (noch) gute Situation bei den Auftriebszahlen freut sich auch Dr. Michael Honisch, Leiter des Fachzentrums Alpwirtschaft am AELF Kempten und Geschäftsführer des Alp­wirtschaftlichen Vereins im Allgäu e.V. (AVA): „Unsere Züchter schätzen die Sömmerung vor allem wegen der Gesundheit ihrer zukünftigen Milchkühe.“ Zudem begünstigen die über das Kulap gewährte Weideprämie, Flächenknappheit und die Düngeverordnung den Alpviehbestoß. Während in den Jahren 2014 und 2015 nur gut 28 000 Rinder aufgetrieben werden konnten, waren es im vergangenen Jahr bereits wieder 31 235 Tiere.
Doch zur Euphorie bestehe kein Anlass, mahnt Honisch: Der Strukturwandel mache sich zunehmend bemerkbar: „Gerade kleine Betrieb, die aufhören, sind unsere klassischen Alpviehbeschicker.“ Moderne, durchrationalisierte Stallhaltungen stünden der Älpung eher entgegen.
Für alle, die heuer wieder ihr Vieh in den Berg bringen, hat Honisch folgende Empfehlungen: „Bitte bringen Sie nur gesunde und Weide gewohnte Tiere auf die Alpen. Das Vieh muss frei von Parasiten und mit sämtlichen notwendigen Impfungen ausgestattet sein.“ So werde beispielsweise durch das Friedrich Löffler-Institut und die Veterinärverwaltungen die Impfung gegen die beiden Serotypen  4 und 8 des Blauzungenvirus empfohlen. Für beide Serotypen bestehe in Deutschland eine hohe Eintragswahrscheinlichkeit. Der Serotyp 4 wanderte während des Jahres 2016 400 km weiter nördlich und hat inzwischen Norditalien erreicht. Der Serotyp 8 tritt derzeit bis in den Norden Frankreichs auf. Baden-Württemberg liegt hier bereits im Restriktionsradius von 150 km. Welcher der beiden Serotypen Deutschland als erstes erreicht, sei nicht voraussagbar.
BHV1-Status rechtzeitig prüfen
Zuletzt unverändert ist dagegen die Lage zur Bovinen Herpesvirus Typ 1-Infektion (BHV1): Sowohl Bayern als auch Baden-Württemberg haben den Status als BHV-1-freie Region. Das Verbringen von Rindern in andere freie Regionen innerhalb Deutschlands und auch im Rahmen des Alpenweideviehverkehrs ist somit möglich. Die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen über die Tankmilch oder das Blut müssen aber durchgeführt werden und jeder Landwirt müsse prüfen, ob noch Tiere untersucht werden müssen, bevor sie auf eine Alpe aufgetrieben werden. Die letzte serologische Untersuchung am Betrieb dürfe dabei nicht älter als sechs Monate sein. Für Rinder, die nach Österreich verbracht werden, genüge das amtstierärztliche Zeugnis für den Alpenweideverkehr.  
Bezüglich des Bovinen Virusdiarrhoe-Virus (BVDV) müssen alle Rinder, die auf Gemeinschaftsweiden aufgetrieben werden, in der HI-Tier-Datenbank unverdächtig sein. Wenn dort kein Status hinterlegt ist, muss der Landwirt den negativen Befund für diese Tiere vorlegen. Ansonsten darf das Tier weder mit anderen Alprindern transportiert, noch aufgetrieben werden. Die selbe Regelung gelte für die Verbringung auf österreichische Alpen. Trächtige Tiere mit Kalbung während der Sömmerung müssen zusätzlich nach dem 150. Trächtigkeitstag mit negativem Ergebnis auf BVD-Antikörper untersucht worden sein oder vor dem Belegen einen Antikörper-positiven Befund aufweisen.
Ruhig zeige sich die Lage in Sachen Tuberkulose. Deutschland gelte als tuberkulosefrei, so Honisch, weswegen keine generelle Untersuchung der Weiderinder vorgeschrieben ist. Der Landkreis Oberallgäu führe ein risikobasiertes Untersuchungskonzept in den Talbetrieben durch, im Ostallgäu und in Baden-Württemberg finden Abtriebs-Untersuchungen statt. Bei einer Sömmerung auf Ostallgäuer Alpen sei für das Jahr 2017 ein negatives Untersuchungsergebnis für Tiere erforderlich, die im Jahr 2016 in Österreich oder im Gemeindebereich Oberstdorf gesömmert worden waren. Mit negativem Ergebnis auf Tuberkulose müssen vor dem Auftrieb alle milchgebenden Rinder untersucht werden, die auf Gemeinschaftsweiden oder Alpen gesömmert werden, die Rohmilch und oder Rohmilcherzeugnisse abgeben. Für den Alpenweideviehverkehr mit Österreich gelten die Regelungen aus dem Sommer 2016 unverändert.

Keine Schäden durch Lawinen und Frost

Hornisch

Witterungsbedingt sieht AVA-Geschäftsführer Honisch keine Schäden auf den Alpen: „Durch den verhältnismäßig schneearmen Winter rechnen wir mit wenig Lawinenschäden.“ Auch die empfindlich kalten Frostnächste Ende April und Anfang Mai hätten keine Folgen für die Alpwirtschaft: „Auf den Mittelalpen bis 1400 Meter Höhe war die Vegetation noch nicht so weit oder lag noch unter Schnee. Hier hat die kalte Witterung keine Schäden im Grünland verursacht und wir erwarten einen normalen Futteraufwuchs.“ Mit den aktuell warmen Temperaturen komme aber nun auch in den Höhenlagen das Gras rasch ins Wachstum.
Speziell Frühblüher wie Kamm- und Borstgras seien hier zu beachten: „Die Älpler müssen jetzt die Vegetation im Auge behalten und sollten grundsätzlich möglichst frühzeitig bestoßen, damit dem Vieh das Futter ins Maul wächst.“ Speziell Bestände mit einem hohen Anteil an Gräsern würden sonst schnell verholzen. Borstgras beispielsweise werde nur bis zur Blüte gut gefressen. Bei Aufkommen von Borstgras, Klappertopf und Farn empfiehlt Honisch, auch für ausreichend Viehbestoß zum Beginn des Alpsommers zu sorgen. „Um das Unkraut am Versamen zu hindern, sollten die Flächen beim ersten Umtrieb großflächig überweidet und während dem Sommer dann gründlich abgefressen werden.“ Futterüberschüsse müssten weggemäht und bei Futterknappheit das sogenannte Halbzeitvieh vorzeitig abgetrieben werden. 

Alpwege als wichtige Lebensadern

Ebenso wichtig wie die Pflege der Weiden ist das Erschließen der Alpen, denn nur so können die Alpen dauerhaft bewirtschaftet werden und ihre Leistungen für die Landwirtschaft im Allgäu, den Naturschutz und für den Tourismus erbringen. „Auch wenn viele Alpen zumindest zu einem Teil erschlossen sind, bedürfen die vorhandenen Wege auch weiterhin einer regelmäßigen Erneuerung, damit sie erhalten bleiben“, weiß Honisch, der bedauert, dass sich die Fördermittelsituation in den Jahren 2015 und 2016 verschlechtert habe. Aktuell aber bestehe eine stabile Versorgung mit Fördermitteln. Honisch rechnet für den Alpwegbau mit einer Förderhöhe von bis zu einer Million Euro.
Ein weiteres wichtiges Förderin­strument ist das bayerische Bergbauernprogramm. Die rein bayerische Förderung sei derzeit noch geschlossen, die Freigabe durch das Ministerium wird laut Honisch aber in Kürze erwartet. „Über 80 potenzielle Antragsteller haben sich in diesem Jahr bereits beim AELF gemeldet“, weiß Honisch. Auch im letzten Jahr wurden die Programme sehr gut angenommen: Für investive Förderungen wurden in 2016 über 194 Anträge (+ 11 % gegenüber 2015) mit insgesamt 1,3 Mio € (+ 21 %) bewilligt (knapp 4 Mio. € Investitionen), für das Schwend-Programm wurden im vergangenen Jahr die zur Verfügung stehenden Mittel voll ausgeschöpft.
„Den aktiven Älplerinnen und Älplern gebührt unser Dank und Anerkennung. Sie sind es, die unter Verzicht auf die Annehmlichkeiten im Tal und eines geregelten Acht-Stunden-Tags Verantwortung für das ihnen anvertraute Vieh übernehmen und mit deren Beweidung und ihrer Hände Arbeit unsere Alpen pflegen“, richtet Honisch zu Saisonbeginn seinen Dank an die Hunderte Hirten und Sennen, die in den kommenden Monaten den Sommer in den Bergen verbringen: „Ich wünsche allen einen ertragreichen Alpsommer sowie ein verlust- und unfallfreies Alp­wirtschaftsjahr 2017.“

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