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Aujeszkysche Krankheit

Die Gefahr ist vor der Stalltür

Stalltuer
Dr. Lisa Louis, TGD Bayern
am
23.05.2018

Zwar sind die Hausschweinebestände in Deutschland frei von der Aujeszkyschen Krankheit. Bei Wildschweinen werden die Erreger aber regelmäßig nachgewiesen. Wichtig ist es deshalb im Betrieb immer auf eine gute Biosicherheit zu achten.

Unsere Hausschweinebestände sind seit 2003 frei von Aujeszkyscher Krankheit (AK). Dieser Status wurde über eine lange Zeit mühevoll erarbeitet. Damit darf das Thema AK allerdings nicht ad acta gelegt werden, denn die Wildschweine in Bayern sind nach wie vor Träger des Erregers (Suides Herpesvirus 1 (SHV 1)). Und die Einschleppung dieser anzeigepflichtigen Krankheit in den eigenen Betrieb ist einfacher möglich, als man denkt.

Die ältere Generation der Schweinehalter wird sich noch gut daran erinnern: Die Befreiung der Schweinebestände von AK begann mit der Verpflichtung zur Impfung der Tiere durch den Tierarzt. Als nächster Schritt folgten die mühevollen jährlichen Blutentnahmen bei (zunächst) allen Zuchtschweinen und einem bestimmten Teil der Masttiere.

Inzwischen ist die Blutentnahme nur noch auf Anordnung des Veterinäramtes notwendig. Gemäß der ‚Verordnung zum Schutz gegen die Aujeszkysche Krankheit‘ (AK-VO) müssen Kontrolluntersuchungen auf Antikörper gegen AK nunmehr stichprobenartig in einem Teil der Betriebe und nur bei einem Teil der Schweine erfolgen, um den Status der AK-Freiheit in Deutschland aufrecht zu erhalten.

Viele Wildschweine tragen das Virus noch

Trotzdem ist AK eine der Krankheiten, die als Ursache für Bestandsprobleme immer in Betracht zu ziehen ist. Denn ausgerottet ist die Seuche hierzulande nicht. Im Rahmen des Monitorings bei Wildschweinen wird in Bayern je nach Gegend jede fünfte bis zehnte Probe positiv auf Antikörper gegen SHV1 getestet.
Dies zeigt deutlich, dass das Virus einen ernstzunehmenden Verbreitungsgrad hat. In den Wintermonaten (November 2017 bis Januar 2018) ist zudem in jedem Monat mindestens ein Hund an Aujeszkyscher Krankheit gestorben (Tierseucheninformationssystem des Friedrich-Löffler-Instituts). Infektionsquelle für diese Tiere war der Kontakt zu infizierten Wildschweinen bzw. ihrem Blut im Rahmen der Nachsuche auf Schwarzwild.
Bei allen Haussäugetieren außer dem Schwein verläuft die Infektion mit SHV1 innerhalb weniger Tage tödlich. Typische Symptome sind dabei ein unstillbarer Juckreiz, zentralnervöse Symptome und auch aggressives Verhalten. Der Krankheitsname „Pseudowut“ zeigt die Ähnlichkeit zu den Symptomen der Tollwut, die allerdings durch ein anderes Virus hervorgerufen wird.

Ältere Tiere haben mildere Symptome

Beim Schwein hängen die Symptome stark vom Alter der Tiere und vom Erregerstamm ab. Grundsätzlich kann man sagen, dass mit fortschreitendem Alter die Symptome milder und damit auch unspezifischer, d.h. schwieriger zu erkennen sind. Fast alle Tiere entwickeln zu Beginn der Erkrankung Fieber, das allerdings auch unbemerkt bleiben kann.
Bei Saugferkeln beobachtet man in der Regel deutliche zentralnervöse Störungen wie z.B. Teilnahmslosigkeit, Kreisbewegungen, Zittern, ungerichtetes Zucken der Augen sowie streckende oder zuckende Krämpfe der Rumpf- und Gliedmaßenmuskulatur mit Überstrecken des Kopfes. Saugferkel sterben meistens innerhalb einiger Tage.
Läufer und Mastschweine haben oft nur Atemwegssymptome wie Niesen, Husten und Atemnot. Zusätzlich können sie schläfrig wirken, weniger fressen und krampfartiges Leerkauen mit Speicheln und Schaumbildung zeigen. Ältere Tiere erscheinen nach einigen Tagen wieder gesund.

Milchmangel und Atemwegsprobleme

Sauen fallen meist nur durch Fruchtbarkeitsprobleme auf: Umrauschen, Spätaborte, Mumien, lebensschwache Ferkel oder Totgeburten gehören auch bei AK zum Krankheitsbild. Milchmangel und Atemwegsprobleme sind weitere mögliche Symptome.
Es gibt eine große Auswahl anderer Erkrankungen, die gleiche oder ähnliche Symptome hervorrufen. Dazu gehören z. B. relativ weit verbreitete Erkrankungen wie Hirnhautentzündung bei Ferkeln, Septikämien (Blutvergiftungen), PRRS oder verschiedenste Infektionen der Atemwege.
Wichtig ist es daher, die eigenen Beobachtungen mit dem Hoftierarzt zu besprechen. Er kann als Außenstehender das Gesamtbild besser betrachten und eine Diagnostik zur Ursachenklärung einleiten.

Wie kommt es zur Einschleppung?

Das Virus SHV1 gehört zu den Herpesviren. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass eine Infektion lebenslänglich bestehen bleibt. Schweine, die keine Symptome mehr zeigen, bleiben Virusträger und können das Virus immer wieder ausscheiden. Dies gilt gleichermaßen für Haus- und Wildschweine.
SHV1 findet man massenhaft im Nasensekret und im Speichel. Blut, Milch, Sperma und Vaginalsekrete sind ebenfalls infektiös. Das Virus ist sehr widerstandsfähig und übersteht Frost genauso wie Temperaturen bis zu 60 °C. Das führt zu einer Überlebensdauer in der Umgebung von ca. 40 Tagen bei 25 °C und mehreren Monaten bei 4 °C Außentemperatur. Aufgrund der weiten pH-Toleranz wird SHV1 bei der Fleischreifung nicht inaktiviert und bleibt in (Wild-)Schweinefleisch wochenlang unversehrt.
Die Infektion kann direkt von Tier zu Tier oder über belebte und unbelebte Vektoren übertragen werden. Auch eine Übertragung über die Luft (Aerosole) wird diskutiert. Eine direkte Übertragung sollte durch geschlossene Stalltüren und die Absicherung von Ausläufen oder Freilandhaltungen nahezu unmöglich sein.
Auch das Risiko der indirekten Übertragung durch belebte Vektoren (wie z. B. Schadnager oder Menschen) und unbelebte Vektoren (wie z. B. Schuhwerk, Gerätschaften oder Einstreu) kann über eine konsequente Schadnagerbekämpfung und die Einhaltung der Biosicherheitsvorgaben der Schweinehaltungshygieneverordnung (SchwHaltHygVO) minimiert werden. Diese Verordnung bezweckt neben der Früherkennung von Ausbrüchen von Europäischer Schweinepest natürlich die grundsätzliche Vermeidung des Krankheitseintrags in Schweinebestände.
Maßnahmen wie Schuh- und Kleidungswechsel bei Betreten des Schweinestalles, die wildschweinsichere Lagerung von Futter und Einstreu und die Nutzung von Gerätschaften wie Schaufeln oder Besen ausschließlich im Schweinestall sind nicht nur gesetzlich verankert, sondern sollten für jeden Schweinehalter selbstverständlich sein.

Konsequente Schwarz-Weiß-Trennung

Besonderes Augenmerk ist außerdem auf Kontaktbereiche zwischen Stall (Weißbereich) und dem restlichen Betrieb (Schwarzbereich) zu richten: Besteht in der Hygieneschleuse eine konsequente Schwarz-Weiß-Trennung? Gibt es Kreuzungen zwischen Wegen, die während der Stallarbeit benutzt werden mit Bereichen (oder Strecken), die z.B. mit Fahrzeugen befahren werden (gerade in Betrieben, die aufgrund ihrer Größe nur eine Umkleidemöglichkeit benötigen)? Wie und mit welchem Schuhwerk werden tote Schweine aus dem Stall gebracht? Wer bringt in welcher Kleidung/mit welchen Schuhen die Kadavertonne zur Abholstelle (hoffentlich außerhalb der Hofstelle)? Mit welchen Schuhen wird unter dem Transportfahrzeug an der Verladerampe gewaschen – und werden sie wirkungsvoll desinfiziert, bevor man den Stall wieder betritt? Mit welchen Gerätschaften werden Futter oder Einstreu in die Stallabteile befördert? Wo befindet sich, wenn vorhanden, der Misthaufen?

Auch die Jägerschaft ist im Umgang mit der AK-Prävention gefordert. Neben der Bereitstellung von Probenmaterial fallen der sorgsame Umgang mit erlegten Wildschweinen und die fachgerechte Entsorgung von Innereien in die Zuständigkeit der Jäger. Im Zuge des Näherkommens der Afrikanischen Schweinepest sind hierzu ja von verschiedenen Seiten bereits zahlreiche Informationen herausgegeben worden.

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