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Digitalisierung

Der Herr der fleißigen Bienen

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Max Riesberg, Wochenblatt
am
04.04.2018

Im Stall von Bernhard Haimmerer läuft vieles automatisch, aber sicher nicht von selbst. Trotz technischer Helfer und jeder Menge Daten, die er von seinen Kühen bekommt, steckt viel Arbeit im Betrieb, damit es so rund läuft wie derzeit.

Bildschirm

Es war ein regelrechter Sprung in der Betriebsentwicklung, den Familie Haimmerer aus Anzing im Landkreis Ebersberg 2014 hingelegt hat. Vom einstigen Anbindestall mit 50 Kühen sind sie im September an die neue Hofstelle nahe Oberasbach ausgesiedelt. 85 Kuh- und knapp 100 Jungviehplätze gibt es dort. „180 Stück Vieh sind heute für unseren Milchviehbetrieb die ideale Bestandsgröße“, sagt Haimmerer überzeugt. Von Überbelegung hält er nichts. Es gibt viel Luft und Licht im neuen Stall für seine Tiere sowie einen Melk-, Fütterungs-, Einstreu- und Spaltenreinigungsroboter. Sie erleichtern dem Betriebsleiter und seiner Familie die Arbeit enorm. Dafür gibt es heute im digitalen Zeitalter andere Aufgaben bei der Stallarbeit.

„Ich habe mir einige technisierte Ställe im Vorfeld des Baus angeschaut und war fasziniert von der Ruhe der Tiere dort“, berichtet der Landwirt rückblickend. „Die Automatisierung haben viele gelobt und einmal muss man einfach selbst auch den nächsten Schritt gehen, sonst ist man vielleicht irgendwann zu spät dran“, meint Haimmerer. Zwei bis drei Personen schaffen die Stallarbeit  heute in einer guten Stunde. Dass diese nicht mehr so körperlich anstrengend ist, begrüßt jedes Familienmitglied. Dabei ist jeder für seinen ganz speziellen Bereich im Stall zuständig.

Immer auf Stand-by und trotzdem frei

Melkroboter

Betriebsleiter Bernhard ist der Chef für die Technik und den Computer. Er weiß, wie sich die Roboter ihren Weg bahnen müssen, wann sie Futter vorlegen oder Stroh über den Liegeboxen abwerfen sollen. Das läuft wie von Geisterhand, ist aber alles am Computer einprogrammiert und wird täglich kontrolliert. Wenn es einmal eine Störung gibt, dann wird der Landwirt über sein Smartphone alarmiert. „Früher war im Regelfall um 19 Uhr Schluss mit der Stallarbeit. Heute bin ich quasi immer auf Stand-by. Das war anfangs schon gewöhungsbedürftig. Doch heute kann ich ganz gut damit leben“, erzählt Haimmerer. Schließlich warte auch nicht mehr die ganze Arbeit in der Früh auf ihn, denn die Roboter arbeiten dann längst schon, wenn er den Stall betritt.

„Und die Kühe nehmen das System inzwischen gut an und arbeiten wie fleißige Bienen. Es ist eine wahre Freude ihnen dabei zuzusehen. Zudem weiß ich jetzt viel mehr über sie“, betont Haimmerer. Er könne nicht bestätigen, dass man die Kühe in der modernen Laufstallhaltung schlechter kennt, als im Anbindestall. „Man kennt sie anders. Erhält eine Fülle von Daten zu jeder einzelnen. Freilich muss man damit erst einmal umgehen können“, räumt der Landwirt ein. Aber man sehe an den übersichtlichen Grafiken am Monitor z. B. gleich, wenn eine Kuh in der Milch einbricht. Die Aktivitätsmessung via Pedometer gibt ihm zudem schnell Hinweis auf ein mögliches Brunstgeschehen.

Für die Anpaarung seines Fleckviehs nimmt er das LKV-Programm OptiBull zu Rate. „Ich will meine Kühe mit den zehn bis fünfzehn besten Besamungsstieren im aktuellen Angebot belegen“, sagt Haimmerer, der züchterisch viel Spaß hat seine Herde weiterzuentwickeln. Diese bewegt sich zwar heute schon auf einem hohen Leistungsniveau, doch es stecke noch Potenzial drin, wie er sagt. „In der Umstellungsphase von Anbinde- auf Laufstallhaltung zieht man einfach auch die leistungsschwächeren Kühe mit. Aber heute ist jede Besamung praktisch eine gezielte Paarung“, erläutert der Fleckviehzüchter aus dem Mühldorfer Verbandsgebiet.

Zwischenkalbezeit um gut 20 Tage gesenkt

Strohroboter

Besonders stolz ist er darauf, dass die Zwischenkalbezeit von früher 385 Tagen um gut 20 Tage gesenkt werden konnte. Das sei auch wirtschaftlich gesehen kein Pappenstiel. „Aber, wenn man die Aktivitätskurven der Kühe im Blick hat, gibt es meist keinen Zweifel, ob eine rindert oder nicht“, berichtet Haimmerer. Denn die Grafiken am Monitor seien meist eindeutig. Und wenn sich auch eine Kuh mal nicht so deutlich zeigt und es nur einen geringeren Kurvenausschlag gibt, sehe man sofort ob dieser in den dreiwöchigen Zyklus passt.
„Natürlich braucht es eine gewisse Eingewöhungszeit, damit alle Maschinen laufen und man auch mit den Daten wirklich etwas anfangen kann“, hält Haimmerer klar fest. Die ersten drei Wochen im neuen Stall seien ziemlich nervenaufreibend gewesen. „Aber heute kenne ich jedes Geräusch und jede Kuh. Ich kenne ihren Charakter besser, als früher im Anbindestall und weiß zu jeder eine Geschichte zu erzählen.“ Der überzeugte Milchviehhalter arbeitet viel mit und für seine Herde. Auch wenn die Tiere meist nicht mehr direkt mit ihm in Kontakt stehen. Aber die Ruhe hat sich auch in Haimmerers 75 auf 26 Meter langen Roboterstall längst breit gemacht. Und wenn es mal eine Störung gibt, sei es oft nur ein Knopfdruck, damit alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

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