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Auszeichnung

Mit Herzblut zum Titel

Hähnchen Dinkelspelzen
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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
12.01.2018

Picksteine, Strohballen und Wintergarten: Für ihre tierfreundliche Hähnchenmast erhielten Carolin und ihr Vater Hans-Joachim Belzner den Ceres-Award.

Als Gespann managen die 25 Jahre alte Carolin und der 62-jährige Hans-Joachim Belzner zwei Ställe mit Platz für insgesamt 33.000 Hähnchen. Die Tiere werden nach den Kriterien des Labels „Für mehr Tierwohl“ nach den Vorgaben des Deutschen Tierschutzbundes gehalten und unter dem Markennamen „Privathof“ vermarktet.

„Für einen Stall bin ich verantwortliche, für den anderen mein Vater“, erzählt Carolin Belzner und lacht. Denn so wird jeder neue Durchgang zum familieninternen, partnerschaftlichen Wettstreit. Entscheidend ist jedesmal, wer seine Hähnchen besser aufzieht. Und Vater Belzner gibt unumwunden zu: „Meist gewinnt Caro.“ Man merkt sofort, dass die beiden auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Nachdem die 25-Jährige vor zwei Jahren ihren Bachelor in Agrarwissenschaften in Triesdorf abgeschlossen hatte, stieg sie in den elterlichen Betrieb ein.

Die beiden sprechen sich über alles ab.

Hähnchen Belzner Carolin

Als ihr Berater von Wiesenhof den beiden vor fünf Jahren von dem Privathof-Label erzählte, entschlossen sie sich dazu, ihre Ausrichtung in der Mast zu ändern. Carolin Belzner sagt: „Ich bin seit meiner Geburt zwischen den Hähnchen unterwegs. Jetzt, nachdem wir umstrukturiert haben, kann ich mich noch besser mit unserem Tun in der Hähnchenmast identifizieren.“

1993 baute Hans-Joachim Belzner seinen ersten Hähnchenstall. 1997 folgte der zweite Stall und er gab die Milchviehhaltung auf. Beide Ställe wurden 2001 erneuert. 2012 begann Familie Belzner mit der Produktion nach dem Label des Tierschutzbundes, 2013 wurden die dazugehören Wintergärten fertig. Jeder der beiden Wintergärten ist so lang wie der jeweilige Stall und vier Meter breit. Die Kosten für beide Wintergärten betrugen 160.000 €. Ab dem 20. Lebenstag dürfen die Hähnchen in die Wintergärten.

Die Tiere sollen sich im Stall wohlfühlen

Belzner Hähnchen

Ihr Gespür für das Federvieh zeichne die Sieger in der Kategorie Geflügel aus, so die Jury in der Begründung. Erklärtes Ziel sei es, dass sich die Tiere so wohl wie möglich fühlten. So stallten Belzners die langsam wachsende Rasse Ranger Classic auf und gaben den Hähnchen mehr Platz. Der Stallinnenraum wurde mit Sitzstangen und Strohballen ausgestaltet.

Ab dem 20. Lebenstag dürfen die Tiere in den Wintergarten. „Bei Sonnenaufgang dürfen sie raus. Die meisten gehen selbst rein, wenn es dämmert, die anderen muss man reintreiben, was wesentlich mehr Arbeit macht. In warmen Sommernächten dürfen die Tiere auch draußen bleiben“, berichtet Carolin Belzner.

Damit Spaziergänger und Schulklassen einen Blick auf die Tiere werfen können, haben die Außentore der Wintergärten Glasfenster. Carolin Belzner und ihr Vater wissen, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit ist. „Aber wir können ja nicht jeden in den Stall lassen, gerade bei Hähnchen dürfen mit der Sockentupferprobe nicht mal DNA-Fragmente von Salmonellen gefunden werden“, erklärt Hans-Joachim Belzner.

Tiere fühlen sich wohl

Hähnchen Wärmetauscher

„Dass sich die Küken wohlfühlen, sehen wir zum Beispiel daran, dass die Küken in der dicken Einstreu aus Dinkelspelzen anfangen, sich Nester zu bauen“, sagt Carolin Belzner. „Ich habe so eine Freude an meiner Arbeit und würde gerne den Verbrauchern vermitteln, wie viel Herzblut in unserer Arbeit steckt.“

Dass man Tieren Respekt entgegenbringen muss, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, hat Preisträger Hans-Joachim Belzner nach eigener Aussage in 40 Jahren Landwirtschaft gelernt. „Das Tierschutzlabel passt für uns wie die Faust aufs Auge: Den Respekt für die Tiere können wir tagtäglich mir unserer Arbeit zum Ausdruck bringen.“, sagt er.

Obwohl die Belzners nur noch 60 % der Hähnchen auf derselben Fläche halten wie früher, fahren sie finanziell nicht schlechter und haben zudem mehr Freude an der Arbeit. „Man sieht, dass die Hähnchen vor allem den Wintergarten genießen – hier ist meistens mehr los als im Stall“, berichtet Belzner. Der beliebteste Platz der jungen Küken sei an den Strohballen. „Von hier aus erkunden sie den übrigen Stall.“ Das Stroh dient ebenso wie die Picksteine der Beschäftigung.

Gewinn blieb gleich

Hähnchen Belzner Hans Joachim

Auf den Gewinn hat die Umstellung keinen Einfluss. Zwar werden für die Privathof-Hähnchen 30 % höhere Erlöse erzielt, allerdings sind die Produktionskosten pro m² höher. So dauern z. B. die Kontrollgänge durch die Stallungen zweimal täglich eineinhalb Stunden pro Stall.

Wenn die Hähnchen ausgestallt sind, folgt die arbeitsintensivste Zeit. Jetzt müssen beide Ställe gründlich gereinigt werden. Hierfür haben sich Belzners einen Teleskop-
lader mit Waschkorb angeschafft. Vom Waschkorb aus kann Carolin alle Leitungen auch von oben reinigen. „Mit den beiden Ställen sind wir dann zwei Tage lang voll beschäftigt“, erklärt Carolin Belzner.

Die beiden produzieren nach der vertikalen Integration für Wiesenhof. „Das ist für den Landwirt ein Riesenvorteil. Ich arbeite seit 25 Jahren für Wiesenhof. Das sind faire Partner“, meint Hans-Joachim Belzner.

Die Landwirte alleine hätten seiner Meinung nach die Privathof-Marke keinesfalls auf die Beine stellen können. Besonders fair verhielt sich Wiesenhof vor der Umstellung des konventionellen Betriebes auf die Privat­hof-Hähnchenmast. Wenn Privathof keine zehn Jahre gehalten hätte, wären die noch nicht abgeschriebenen Baukosten zu 75 % von Wiesenhof getragen worden.

Außerdem sei der Vertragspartner Wiesenhof kompetent und liefere Küken mit guter Qualität. Diese werden in der Brüterei Süd in Regenstauf erzeugt. Belzner könnte zwar seinen selbst erzeugten Weizen zufüttern, die Auswertungen zeigten jedoch, dass sich daraus kein Vorteil ergibt. „Wir machen seit Jahren eine genaue Auswertung von jedem Durchgang. Seit Jahren füttere ich deshalb keinen ganzen Weizen mehr zu“, erklärt Hans-Joachim Belzner.

Dass Hans-Joachim Belzner Tierwohl wichtig ist, zeigt sich auch darin, dass er wissen möchte, wie seine Tiere geschlachtet werden. Und so hat er extra die Schlachterei Donautal Geflügelspezialitäten in Bogen besichtigt. Die angelieferten Tiere verweilen erst einmal 45 bis 90 Minuten in ihren Transportkisten in einem mit dunkelblauem Licht abgedunkeltem Raum.

Hier gibt es kein Flügelschlagen

Hähnchen Nippeltränke

Das Licht wirkt stressreduzierend. In der Tat wirken die Broiler mit ihren meist halbgeschlossenen Augen so, als würden sie jetzt gerne schlafen. So entspannt kommen sie in den Raum, in dem sie mit CO2 betäubt werden. Auch hier geschieht alles ruhig. „Mir ist es wichtig, dass ich gesehen habe, dass die Betäubung funktioniert, man sieht weder aufgerissene Schnäbel noch Flügelschlagen. Die Tiere sterben angst- und schmerzfrei“, berichtet Belzner. Dem Gas ist Sauerstoff beigesetzt, damit die Tiere das CO2 nicht riechen.

Hans-Joachim Belzner arbeitet zudem als Lehrer an der landwirtschaftlichen Berufsschule in Triesdorf für Land- und Geflügelwirte. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem im Meisterprüfungsausschuss für Landwirte und für Geflügelwirte. Seine Gattin Helga ist als Lehrerin in der Grund- und Hauptschule tätig. Carolin Belzner arbeitet seit zwei Jahren bei der LBV Buchstelle. „Das gefällt mir gut, weil ich gerne mit Landwirten zusammenarbeite. Außerdem komme ich so auf andere Betriebe und sehe immer wieder was anderes“, berichtet Carolin Belzner.

Hähnchenfleisch-Markt wächst

Hähnchen Pickstein

Kein Wunder, dass Carolin und Hans-Joachim Belzner arbeitswirtschaftlich sehr gut organisiert sind. Die 85 ha landwirtschaftliche Nutzfläche werden in enger Zusammenarbeit mit einem benachbarten Biogasbetrieb bewirtschaftet. Dadurch ist die Bewirtschaftung ernorm effizient. Denn der Betrieb verfügt über eine sehr moderne Technik.

„Wir sehen unseren Erfolg als Erfolg für alle Privathof-Betriebe“, meint Carolin Belzner. Dass diese Produktionslinie hoch angesehen ist, sah man auch in Berlin: Unter den Finalisten beim Ceres-Award war auch der Privathof-Landwirt Florian Schemmer aus Wurmannsquick, Lks. Rottal-Inn. „Ich habe mich selten so gefreut wie bei unserem Gewinn beim Ceres-Award. Denn es ist gerade in unserem Bereich schön, Anerkennung zu bekommen“, meint Carolin Belzner.

Schließlich werde ihr oft die Massentierhaltung vorgeworfen und sie sei dadurch gezwungen, sich zu rechtfertigen. Dabei habe man erst ab einer gewissen Größe die Möglichkeit, die Technik zu verwenden, mit der es den Tieren gut geht. „Wir können uns in unseren Ställen z. B. für 30.000 Euro Wärmetauscher leisten, die das Stallklima so gut machen, dass die Einstreu trocken ist“, ergänzt Hans-Joachim Belzner.

„Der Hähnchenfleischmarkt ist der einzige Markt, der wächst. Die Nachfrage der Verbraucher nach diesem Fleisch wird immer produziert und befriedigt. Die Frage ist allerdings, wo auf der Welt“, meint Hans-Joachim Belzner. Das sei ein Markt, der von bäuerlichen Familien zu wenig gesehen und damit leider auch zu wenig besetzt werde.

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