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Fütterung

Heu - da steckt viel mehr drin

Heu Braunvieh
Stefan Thurner, Dr. Juliana Macuhova, LfL Tierhaltung, Freising
am
28.02.2018

Das Füttern von Heu war lange Zeit aus der Mode gekommen. Doch die Heumilch macht das Verfahren angesichts besserer Auszahlungspreise für manchen Betrieb wieder interessant. Wie kann man dieses Potenzial für sich nutzen?

Der Einsatz von Heubelüftungsanlagen zur Erzeugung von hochwertigem Belüftungsheu wird für immer mehr Milchviehhalter interessant. Ziel ist dabei das Herstellen des Premiumprodukts Heumilch, das sich in einer wachsenden Nische mit einem attraktiven Milchpreis verkaufen lässt. Der Umstieg auf die Belüftungsheuerzeugung bringt aber auch Änderungen beim Arbeitsablauf auf dem Betrieb mit sich. Doch auf was muss man sich dabei im Detail einstellen?

Die Konservierung des Grundfutters vom Grünland durch die Trocknung verlor in den vergangenen Jahrzehnten auch wegen des hohen Energieaufwands stark an Bedeutung und war nur noch in Teilen des Allgäus und des Voralpengebietes gängige Praxis. Die Milchpreiskrise in den vergangenen Jahren war jedoch für viele Landwirte der Anstoß, sich mit dem vonseiten der EU geschützten Premiumprodukt „garantiert traditionelle Spezialität Heumilch“, kurz „g.t.S. Heumilch“, und der Heutrocknung wieder auseinanderzusetzen.

Für  Heumilch bezahlen einige Molkereien einen Heumilchaufschlag in der Größenordnung von rund 6 ct. Damit der Landwirt seine Milch als  g.t.S. Heumilch verkaufen darf, muss er sich im Gegenzug an das Heumilchregulativ halten. Wichtigster Punkt ist dabei die Fütterung der Kühe ohne Silage. Weiterhin müssen Grund- und Raufutter 75 %
der Trockenmasse der Jahresration ausmachen. In der praktischen Umsetzung bedeutet das die Fütterung von frischem Grünlandaufwuchs (meist in Form von Weidegang) im Sommer und von Heu im Winter.

Heutrocknung und Futterumstellung

Heubelüftung

Darüber hinaus sind nur bestimmte Kraftfuttermittel zugelassen und einige weitere Auflagen bei der Bewirtschaftung des Betriebes einzuhalten wie z. B. im Bereich Pflanzenschutz und Düngung. Zusätzlich muss sich der Landwirt beim Institut für Ernährungswirtschaft und Märkte (IEM) der LfL registrieren und wie im ökologischen Landbau von einer Kontrollstelle jährlich überprüfen lassen. Jüngst kommt zu den bereits genannten Argumenten für eine Umorientierung des Betriebs noch die Neugestaltung der Anforderungen an Siloanlagen mit der aktuell erschienenen „Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV)“ dazu. Diese Verordnung führt dazu, dass auch für Siloanlagen die Auflagen steigen und diese künftig somit teurer in der Anschaffung und im Unterhalt werden.

Heutrocknung und Vermarktungschancen

Die Umstellung auf die Grundfutterkonservierung mittels Trocknung kommt meist nur für Betriebe infrage, die vor einer Aufstockung stehen mit einem dadurch notwendigen Neubau oder Zubau bei den Siloanlagen. Oder für Betriebe, deren Siloanlagen in die Jahre gekommen sind und daher erneuert werden müssen. Vor der Investition in eine Heubergehalle sollte man sich daher genau über die Auswirkungen und Chancen dieser Umstellung für den gesamten Betrieb informieren und sich auch intensiv mit den Kosten einer solchen Investition auseinandersetzen.

An erster Stelle sollten dabei die möglichen Vermarktungschancen für g.t.S. Heumilch sowie die Auswirkungen auf die Liquidität und auf die Arbeitswirtschaft des Betriebes stehen. Erst relativ weit hinten sollten dann zusätzliche Anreize wie Investitionsförderprogramme wie z. B. das Bayerische Sonderprogramm Landwirtschaft (BaySL) oder Prämien wie z. B. die Heumilchprämie im Kulap für die Entscheidungsfindung herangezogen werden.

Heutrocknung und Arbeitsaufwand

Anstelle der Silageernte, die je nach Lage des Betriebs zwischen drei- und fünfmal im Jahr erfolgt, tritt dann die Heuernte. Dabei ist die Belüftungstechnik in der Regel nicht so dimensioniert, dass die gesamte Erntemenge von allen Flächen pro Schnitt auf einmal getrocknet werden kann. Das heißt, dass mindestens der erste und zweite Schnitt in bis zu drei Chargen und der dritte und ggf. vierte Schnitt in bis zu zwei Chargen geerntet werden muss. Das bedeutet also mehr Erntekampagnen, meist sechs bis zehn Heuernten pro Jahr. Daher ist für die Heuernte nach ersten Ergebnissen mit rund vier Stunden pro Hektar und Schnitt in etwa der doppelte Zeitaufwand im Vergleich zur Silageernte anzusetzen. Darin enthalten ist der Aufwand für die Belüftung des Heus sowie für das Umlagern des Belüftungsheus aus der Belüftungsbox in eine andere Box bzw. zu einem separaten Lagerplatz.

Positiv für die Familie ist dabei, dass die Heuernte bis zur Dämmerung abgeschlossen sein muss, um Taubildung auf dem Erntematerial zu vermeiden und um den Heustock mithilfe der häufig in einer Unterdachabsaugung mithilfe der Sonne erwärmten Luft bis dahin aufgeheizt zu haben. Nachts übernimmt dann die Heutrocknung die weitere Konservierung und die Familie kann sich zu einem gemütlichen Grillabend zusammensetzen.

Heutrocknung und Ernteschlagkraft

Damit hochwertiges Belüftungsheu als Grundfutter erzeugt werden kann, ist es entscheidend, dass das eingefahrene Anwelkgut mit rund 60 % Trockensubstanzgehalt innerhalb von 40 bis 60 Stunden auf einen Zieltrockensubstanzgehalt von 87 % getrocknet werden kann. Dazu wird neben einer Unterdachabsaugung, mit deren Hilfe bei schönem Wetter die günstigste Form der Luftanwärmung, nämlich über die Sonnenenergie, realisiert wird, eine schlagkräftige Trocknungstechnik für die Nachtstunden und Schlechtwettertage benötigt. Zunächst sollte jede Form von Wärme, die am Betrieb verfügbar ist, herangezogen werden. So kann z. B. die in einer Hackschnitzelheizung erzeugte Wärme oder die Abwärme eines biogas- oder holzgasbetriebenen Blockheizkraftwerks (BHKW) genutzt werden.

Pro Quadratmeter Boxenfläche ist mit einem Wärmebedarf von rund 1,5 kWh zu rechnen, wobei sich die Boxengröße (meist größer als 100 m²)
am Viehbestand bzw. der erforderlichen Winterfuttermenge orientiert. Die vorhandene Wärmemenge lässt sich mithilfe einer Wärmerückgewinnungsanlage effizienter nutzen. So ermöglichen es z. B. 75 kWh Abwärme aus einer Biogasanlage in Kombination mit einer Unterdachabsaugung für den Tag und einer Wärmerückgewinnungsanlage, für die Nacht eine Box mit 100 m² zu trocknen.

Heutrocknung und Energieverbrauch

Ist auf dem Betrieb keine Wärme oder Abwärme verfügbar, kann auch mit einem Wärmespeicher gearbeitet werden, der beispielsweise  mithilfe der Unterdachabsaugung vor dem Einfahren des Anwelkguts aufgeheizt wird. Alternativ besteht die Möglichkeit einen Luftentfeuchter für den Nacht- und Schlechtwetterbetrieb einzusetzen. Dafür ist jedoch der nötige, hohe Stromanschlusswert zu beachten, der unter Umständen nicht bei jedem Betrieb im Außenbereich verfügbar ist und daher den Einsatz eines z. B. heizölbetriebenen BHKWs mit Stromgenerator notwendig macht. In diesem Fall steht die vom BHKW erzeugte Abwärme zusätzlich zur Trocknung zur Verfügung.

Um den höheren Zieltrockenmassegehalt bei der Bergung zu erreichen, muss das Grasanwelkgut für die Belüftungsheuerzeugung zusätzlich zum Zetten je nach Wetterlage ein bis mehrmals gewendet werden. Das Einfahren kann beim Belüftungsheu, anders als bei der Silage, nur mit dem Ladewagen erfolgen. Weiterhin wird empfohlen, keine modernen Kurzschnittladewagen einzusetzen, da diese das Anwelkgut beim Schneiden und Laden, das beides durch einen großen Rotor erfolgt, zu stark verdichten und es somit in der Belüftungsbox nicht mehr gleichmäßig locker eingebracht werden kann und schlechter trocknet. Daher eignen sich Ladewägen mit speziellen Doppel-Rotorladeaggregaten (ein Rotor zum Schneiden und der zweite Rotor zum Laden) oder mit Schwingenförderer oder Kettenförderer für die Belüftungsheubergung. Für das Einlagern in die Belüftungsbox ist ein schlagkräftiger Heukran erforderlich. Dieser kann bei günstiger Anordnung der Heubergehalle auch für die Futtervorlage auf den Futtertisch verwendet werden.

Heutrocknung und Kontrollaufwand

Der Trocknungsfortschritt muss vom Landwirt in den Tagen nach dem Einlagern laufend überwacht werden. In der Regel bieten die Hersteller der Heubelüftungstechnik eine automatische Steuerung der Belüftungsanlage an, die dem Landwirt die meiste Arbeit beim Trocknen abnimmt, sodass er nur im Bedarfsfall nachregulieren muss.

Die Mühen bei der Ernte, Einlagerung und Konservierung von Belüftungsheu werden mit einer höheren Milchleistung aus dem Grundfutter entlohnt. Durch den hohen Anteil an pansenstabilem Eiweiß (UDP) – Belüftungsheu meist wie Trockengrün oder Grascobs einen Anteil von 40 %
UDP auf – erhöht sich die Passagerate durch den Pansen, was eine höhere Grundfutteraufnahme zur Folge hat. So kann mit 1 bis 2 kg höherer Trockenmasseaufnahme beim Belüftungsheu im Vergleich zur Silage gerechnet werden. Somit lässt sich der Kraftfuttereinsatz entsprechend reduzieren. Beim notwendigen Arbeitszeitbedarf für die Fütterung zeigt sich bislang kein Mehraufwand im Vergleich zur Silage.

Die Arbeit geht aber beim Heu leichter von der Hand, da es zum einen mit der Gabel leichter verteilt und nachgeschoben werden kann und zum anderen wird gutes Belüftungsheu komplett gefressen, so dass nahezu keine Futterreste übrig bleiben. Die Futtervorlage erfolgt meist nur einmal pro Tag und wenn der Landwirt mit dem Heukran direkt zum Futtertisch kommt, benötigt er auch keine zusätzliche Technik wie z. B. einen Futtermischwagen, der bei Silagefütterung heute zur Standardausrüstung gehört.

Ein weiterer Vorteil bei der Produktion von Heumilch scheint eine verbesserte Herdengesundheit zu sein, das berichten zumindest die meisten Landwirte, die umgestellt haben. Die ersten ökonomischen Betrachtungen zur Umstellung eines Milchviehbetriebs von Silagefütterung auf Heufütterung zeigen, bezogen auf die Vollkosten pro produziertem kg Milch, keine Mehrkosten. Je nach Inanspruchnahme der verschiedenen Investitionsförderprogramme sowie weiterer Fördermöglichkeiten und dem erzielten Aufpreis bei der Vermarktung als g.t.S. Heumilch kann somit für den einzelnen Betrieb sogar ein Kostenvorteil im Vergleich zur Silagefütterung entstehen.Gleichwohl muss man sich natürlich bewusst sein, dass die CO2-Bilanz für die Erzeugung von Belüftungsheu aufgrund des höheren Energieeinsatzes schlechter ausfällt als bei Silage, aber noch etwas besser ist als für Trockengrün bzw. Grascobs aus der Heißlufttrocknung. In den Betrachtungen sind bisher weitere Aspekte wie die Kostensteigerung beim Bau von Siloanlagen durch die neue AwSV, geringere Tierarztkosten durch eine bessere Herdengesundheit oder Vorteile bei weiteren Betriebszweigen wie z. B. Urlaub auf dem Bauernhof noch nicht eingerechnet. Somit kann die Umstellung auf Heufütterung für den einzelnen Betrieb noch attraktiver sein.

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