Login
Fleischmarkt

Jährlich 18,8 Öko-Ferkel pro Sau

Schweine Heigl
Thumbnail
Andrea Tölle, Wochenblatt
am
06.03.2018

Der Selbstversorgungsgrad von Ökoschweinefleisch ist in Deutschland bei Weitem nicht gesättigt. Trotzdem scheuen viele Landwirte eine Umstellung. Doch die Ferkelerzeugung kann im Biobereich gut klappen und die Ferkel sind gesucht.

Gleich zwei Bio-Ferkelerzeuger wurden 2017 mit Preisen ausgezeichnet (siehe S. 26 und S. 28). Absatzprobleme kennen die beiden Ferkelerzeuger nicht. Der Selbstversorgungsgrad für Bio-schweinefleisch beträgt in Deutschland nur 72 %. Viele Interessenten wagen den Schritt allerdings nicht. Abschreckend ist oft der Stroheinsatz und das freie Abferkeln. „Wir versuchen die Ställe so zu planen, dass keiner mehr mit der Mistgabel rumrennen muss.

Dazu gibt es heute schon viele Lösungen“, erklärt Martina Kozel, Schweinefachberaterin bei Naturland. Um die Erdrückungsverluste trotz des freien Abferkelns gering zu halten, setzt Naturland auf Genetik mit guten Muttereigenschaften. Kozel ist aber davon überzeugt, dass Erdrückungsverluste oft durch zu schma­le und zu enge Buchten entstehen. Denn die Sau geht vor dem Abliegen normalerweise im Kreis und sammelt die Ferkel.

Deshalb steht konventionellen Sauenhaltern, die auf ökologische Sauenhaltung umstellen wollen, großer Umbaubedarf bevor. Ferkelführenden Sauen müssen im ökologischen Landbau im Stallinnenbereich 7,5 m² zur Verfügung gestellt werden. Auch die Säugezeit ist mit 40 Tagen deutlich länger als in der konventionellen Ferkelerzeugung. Es werden also mehr und größere Abferkelbuchten benötigt.

Gut in Altgebäude integrierbar

In Bayern brauchen Ferkel in den ersten drei Lebenswochen keinen Auslauf. Manche Bioferkelerzeuger nutzen deshalb zum Abferkeln Altgebäude und stallen nach drei Wochen um. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, mehrere ferkelführende Sauen zusammen im Gruppensäugen zu halten. Denn dann hat sich zwischen der Muttersau und ihren Ferkeln ein ausreichend fester Bezug gebildet. Solche Buchten lassen sich auch in vorhandenen Gebäuden gut verwirklichen.

Spalten funktionieren meistens nicht

Die Kosten betragen rund 10 000 € für einen Zuchtsauenplatz und 1200 € für einen Mastplatz, inkl. Erschließungskosten. Bei Umbauten gilt es, Kompromisse zu finden. Spaltenboden darf in Bayern maximal 50 %
 an der Gesamtstallfläche (innen und außen) betragen. Wegen Stroheinsatz, zu geringem Tierbesatz und mit der notwendigen Einstreu funktionieren Spalten auch meistens nicht.

Beim Ferkelnest wäre eine Deckelheizung mit einer Wärmeplatte optimal. Damit es zu keinem Kamineffekt und zu kalten Stallungen kommt, sollte man keine Wärmelampe einsetzen. Ein Orientierungslicht unterstützt die Ferkel dabei, ihr Nest zu finden.

Das Licht hilft außerdem dabei, dass die Sau ihre Ferkel auch in der Nacht beim Abliegen sieht. Das Ferkelnest muss genügend Platz bieten (mind. 1,2 m²). Hier kann man sich nicht an konventionellen Nestern orientieren, weil die Ferkel ja 40 Tage bei der Sau sind und größer werden.

Die Ferkelbeifütterung sollte in einem Bereich erfolgen, den die Sau nicht gelangen kann, aber nicht unter der Deckelbeheizung im Ferkelnest, weil sich sonst das Futter erwärmt und verdirbt. Außerdem gilt in der ökologischen Schweinhaltung das Kupierverbot für Ringelschwänze und das Verbot des Zähneschleifens.

Zum Sauenkomfort trägt die Schaffung unterschiedlicher Klimazonen bei, die Strukturierung der Bucht, die Trennung von Kot- und Liegebereich, ausreichend Platz, die Anordnung des Fressbereichs, die Wasserversorgung, die freie Abferkelung und das Nestbaumaterial (Stroh).

Schweine sind sauber

Die Eigenschaft des Schweins, seinen Lebensraum in die Bereiche Schlafen, Fressen und Toilette zu gliedern, macht man sich bei der Stallplanung zunutze. Idealerweise koten und harnen die Schweine nur im Auslauf. Die Ausläufe werden mit dem Schlepper oder Hoftrac regelmäßig abgeschoben. Im Stall muss nur nachgestreut werden.

Damit die Schweine wirklich nur den Auslauf für ihr „Geschäft“ nutzen, darf der Tierbesatz im Maststall nicht zu niedrig liegen. Wichtig ist zudem eine hervorragende Strohqualität. Herausforderungen für Öko-Ferkelerzeuger sind

  • die passende Genetik finden. Hier sind v. a. mütterliche Sauen gefragt.
  • Optimale Umbaukonzepte für den bestehenden Betrieb finden,
  • Schaffung von Ausläufen an bestehende Stallgebäude,
  • Genehmigung durch das zuständige Landratsamt,
  • Vermeidung erhöhter Emissionen durch gezielte Auslaufbewirtschaftung,
  • Verlängerte Säugezeit (40 Tage),
  • Organisches Einstreumaterial,
  • die höhere Arbeitszeit von durchschnittlich 32 AkH/Zuchtsauenplatz; 3 Akh/Mastplatz, wofür man qualifiziertes Personal benötigt,
  • die Strohlagerung,
  • und die Seuchenprävention (seit 2014 Anzeigepflicht des Auslaufs beim zuständigen Veterinäramt); doppelte Umzäunung, Afrikanische Schweinepest.

Auch bezüglich des Medikamenteneinsatzes gibt es strenge Regelungen. So darf eine Sau maximal dreimal pro Jahr mit Mitteln aus der klassischen Schulmedizin behandelt werden. Dabei muss dann immer die doppelte Wartezeit eingehalten werden. Ferkel und Mastschweine dürfen nur einmal in ihrem Leben schulmedizinisch behandelt werden. Auch hier muss die doppelte Wartezeit eingehalten werden. Ausnahmen sind Parasitenbehandlungen und Impfungen.

100 Prozent Ökofutter ab 2021 Pflicht

Die größte Herausforderung ist die optimale Versorgung mit Aminosäuren und den damit verbundenen Eiweißfuttermitteln. Es dürfen keine synthetischen Aminosäuren zugesetzt werden. Nach der kommenden EU-Öko-Verordnung gilt ab dem 1. Januar 2021 ausschließlich eine 100 % Öko-Fütterung. Ab dann dürfen nur noch bei Ferkeln bis 30 kg Gewicht 5 % konventionelle Futtermittel eingesetzt werden. Bis dahin sind bei Naturland und den meisten Abnehmern bis zu 5 % konventionelle Eiweißfuttermittel wie z. B. Kartoffeleiweiß erlaubt.

Die Sauen können im Wartebereich bis zu 50 % Silage aus Luzerne oder Kleegras in der Ration erhalten. „Dadurch weitet sich der Magen und die Sauen können in der Säugezeit mehr Futter aufnehmen“, erklärt Martina Kozel. Wie bei der konventionellen Schweinehaltung müssen Landwirte auch bei Bioschweinen die biologischen Leistungsdaten stetig verbessern und die Futterkosten senken, ohne dass damit Qualitätseinbußen verbunden sind.

In der Bioferkelerzeugung sind die Leistungen bisher nicht immer befriedigend. Die Konzeption von verbesserten Abferkelbuchten und eine angepasste Zucht wirken sich jedoch zunehmend positiv aus. Insbesondere die auf freies Abferkeln hin gezüchtete Schweizer Genetik bringt in vielen Betrieben positive Ergebnisse. Der Durchschnitt der Ökobetriebe kalkuliert mit 18,8 abgesetzten Ferkeln/Sau und Jahr. „Da im Biobetrieb keine Hormone zur Brunstsynchronisation verwendet werden dürfen, ist es sehr schwierig, den Drei-Wochen-Rhythmus exakt einzuhalten“, meint Kozel.

In der ökologischen Ferkelerzeugung können genauso gesundheitliche Probleme auftreten wie z. B. Durchfallerkrankungen. Die Desinfektion der Ställe nach jedem Durchlauf ist deshalb auch in der Ökohaltung Pflicht. Ökologische Ferkelerzeuger können dabei nur auf eine begrenzte Zahl zugelassener Mittel und Verfahren zurückgreifen.
„Ökologische Ferkel zu erzeugen, ist sicherlich eine große Herausforderung. Die Mühen werden aber mit rund 145 Euro pro Öko-Ferkel gut entlohnt“, betont Martina Kozel.

Auch interessant