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Seltene Nutztierrassen

Die Königin der Ziegen

Walliser Ziegen
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
03.08.2017

Partenkirchen - Die Brüder Bernhard und Sepp Gröbl haben sich mit großer Leidenschaft der Zucht von Walliser Ziegen und deren seltenen Farbvarianten verschrieben. Für sie gibt es keine edleren Tiere. Doch ihre Mühen könnten bald vergebens sein.

Walliser Ziegen

Mitten in Partenkirchen steht ein uriges Anwesen mit zwei Häusern und zwei Ställen, ringsum moderne Wohnhäuser. Direkt daneben bahnt sich die Partnach mit lautem Getose im eingezwängten Bachbett ihren Weg. Auf einem Wiesenfleck am Ufer oberhalb des Flusses grasen drei stattliche, zottelige Gesellen mit ausladenden Hörnern. Einer schneeweiß, der andere vorne schwarz und hinten weiß und der Dritte mit grauem Zottelfell. Diese drei Prachtkerle sind der ganze Stolz der Zuchtherde von Sepp und Bernhard Gröbl. Die Brüder haben sich der Zucht und der Haltung der Walliser Ziegen verschrieben. Das verrät auch schon die grüne Tafel mit Edelweiß und Ziegenbild am Hoftor. „Walliser Schwarzhalsziegenzuchtbetrieb“ steht darauf geschrieben.

Ziege statt Smartphone

Kupferziege

Vor gut 15 Jahren startete das für das Werdenfelser Land eher exotisches Unterfangen. Doch ihre Zuchttiere sind heute sehr begehrt in der Region, in ganz Bayern und darüber hinaus. Die zahlreichen Schauerfolge sprechen längst Bände und auch die Brüder selbst haben einige Anekdote aus ihrem bisherigen jungen Züchterleben zu berichten.
„Heute wollen Kinder mit zwölf Jahren ein Handy oder Smartphone“, sagt Sepp, der ältere der Gröblbrüder, „ich wollte eine Ziege“. Er lacht. „Und wie es häufig so ist – die kleinen Brüder eifern den großen nach und wollen unbedingt das Gleiche haben“, ergänzt Bernhard, der heute 28 Jahre alt ist und mit  zwölf Jahren die erste eigene Ziege bekam.
Bei einem Familienausflug zur Messe Interalpin in Innsbruck haben Gröbls erstmals mit den Walliser-Schwarzhalsziegen Bekanntschaft gemacht. Sie haben dann Kontakt zu einem Züchter im Tiroler Ehrwald aufgenommen, ihn besucht und dort schließlich die erste Ziege und den ersten Bock gekauft. Das war im Jahr 2000. Die Herde fing langsam an zu wachsen. Fünf Jahre später ist man dann sogar zum Bockmarkt nach Natters im Schweizer Wallis gefahren und war von den Zuchttieren dort und auch dem Ambiente drum herum überwältigt. „Wir haben vor Ort von einem Züchter vier Ziegen und einen Kitzbock erstanden und nach Deutschland eingeführt. Ein richtiger Glücksfall! Doch das mit dem Import mussten wir alles selber managen und als Neulinge auf diesem Gebiet haben wir Blut und Wasser geschwitzt“, erzählt Bernhard. 2005 sei überhaupt ein sehr prägendes Jahr in ihrer Züchterlaufbahn gewesen, denn sie sind außerdem dem Verein zur Förderung der Walliser Schwarzhalsziegen in Tirol beigetreten. Sie haben auch an ihrer ersten Ausstellung teilgenommen, wo sie gleich einen zweiten Platz holen konnten. Bis dahin war ihre Herde immerhin schon auf rund 30 Zuchttiere angewachsen.

Züchterphilosophie

„Jeder von uns hat seine eigene Züchterphilosophie“, schildert Bernhard Gröbl. Darum hat jeder der Brüder auch seinen eigenen Stall, Bernhrad beim Elternhaus, wo schon Vater Sepp sen. Schafe gehalten hat, und Sepp jun. mit seiner Familie am neugebauten Haus. Natürlich hilft man sich gegenseitig aus wo Not am Mann ist, und auch den Sommer über hat man die Herde der Ziegen mit den Kitzen gemeinsam auf den Weideflächen bei Grainau, im Winter will jeder dann aber die Stallarbeit für sich bewerkstelligen.
„Für mich ist die Walliser Schwarzhalsziege die Königin der Ziegen“, betont Bernhard. Das Besondere ist, die Tiere werden mit ihrem langen Fell auch alle im Frühjahr und im Herbst gewaschen. Darum wird ein regelrechter Kult betrieben, besonders im Ursprungsgebiet. „In der Schweiz ist das Standard“, berichtet er weiter und nur so könnten die Ziegen auch in ganzer Schönheit erstrahlen. „Eine Ziege mit verfilztem Fell schaut nichts gleich. Und das lange, möglichst bis zum Boden hängende Haarkleid ist schließlich auch ein wichtiges Zuchtziel der Rasse.“ Wichtig ist zudem die Klauenpflege, damit der Bock auch seinen Bocksprung machen kann, sonst helfe die ganze Zuchtplanung nichts, sind sich die Brüder einig.
Etwa 2500 Stück Walliser Schwarhalsziegen gibt es heute im Kernzuchtgebiet der Schweiz noch. „Die Rasse sticht einfach ins Auge mit ihrer schwarz-weißen Farbteilung und dem senkrecht nach unten hängenden Haarkleid und den relativ großen Hörnern. Die Leute bleiben an unseren Weiden stehen und fragen nach, was das für schöne Tiere sind. Wenn eine Herde Walliser Ziegen am Berg marschiert und von oben majestätisch herunterschaut – etwas Schöneres und Urigeres gibt es für mich einfach nicht“, schildert Bernhard Gröbl.

Gefragte Raritäten

Aber die beiden Brüder aus Garmisch haben sich auch dem Erhalt der seltenen Farbvarianten der Walliser Ziegen verschrieben, nämlich der „Grüenochte Geiss“ oder „Grüenochti“. Im Walliser Dialekt wird so die vorne grau gezeichnete Walliser Ziege bezeichnet. Die Kupferhalsziegen weisen eben ein kupferfarbenes Fell im vorderen Bereich auf und die Capra Sempione oder Simplonziege ist die einfarbig, schneeweiße Variante. Allesamt gehören sie zur Gruppe der Walliser Ziegen.
„Die Population der Simplonziegen wird derzeit noch auf 50 bis 100 Tiere geschätzt“, erklärt Bernhard Gröbl. Die Brüder hatten das Glück, einen Bock und zwei Geißen abermals direkt in der Schweiz zu erstehen. Betreut wird die Herdbuchführung und das Zuchtprogramm von der Schweizerischen Stiftung für kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, Pro-
SpecieRara, die in Basel angesiedelt ist. Zum Glück werden gerade auch diese stark gefährdeten Varianten der Walliser Ziege vor allem in jüngster Zeit immer häufiger nachgefragt. „Deren Zucht gestaltet sich aber sehr schwierig und die Vererbung der reinen Fellfarben ist nicht immer gegeben. Da muss man schon den ein oder anderen Rückschlag hinnehmen“, meint Gröbl. Fellfarbe hin oder her, das Wichtigste sei ohnehin das Berechnen der Inzucht bei der Anpaarungsplanung und dies übernehme die ProSpecieRara zum Glück kostenlos.
Mit ihren Walliser Zuchtziegen und -böcken finden die Brüder inzwischen richtig viele Käufer. „Die Nachfrage ist extrem gut und wir gehen nach dem Motto vor: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Teils seien Liebhaberpreise von 1000 € und mehr zu erzielen. Zwischen zehn und 20 Tiere werden jährlich verkauft. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass die Grenzen seit 1. 1. 2015 für den In- und Export mit den vielen Schweizer Züchterfreunden dicht sind. Grund dafür ist die Eindämmung zur Schaf- und Ziegenseuche Scrapie (Traberkrankheit). Aus Österreich dürfen noch Ziegen gekauft, allerdings keine mehr ins Land eingeführt werden. „Das ist eine Katastrophe für uns in Bayern und im Hinblick auf die Inzucht gleicht es einem Spießrutenlauf. Wir brauchen dringend Zugang zu frischer Genetik“, fordern Gröbls.

Angst vor dem Wolf

Und noch ein zweites Problem macht den gestandenen Züchtern das Leben schwer, nämlich die Angst vor dem Wolf. „Unsere Tiere sind teure Zuchttiere mit Familienanschluss. Wir können sie auf den vielen verschiedenen Weiden definitiv nicht  effektiv vor dem Wolf schützen, weder mit Zäunen, noch mit sogenannten Schutzhunden. Dieser Aufwand ist für uns Hobbyhalter und die vielen kleiner strukturierten Bauernhöfe in unserer Region, die sich der Schaf- und Ziegenzucht verschrieben haben, schlichtweg utopisch. Da spielt keiner mit!“ sagt Sepp Gröbl. Gerade Ziegen oder Schafe weiden alpine Regionen ab, wo sonst kein Rind oder Pferd mehr hinkommt. Für die Flächen sei das extrem wichtig. Dort könne man auch keinen Zaun errichten. Gröbls hatten ihre Herde bis vor Kurzem auch noch den Sommer über auf einer Verbandsalm im Stubaital. „Für jeden Züchter ist es das Grausamste, wenn der Wolf seine besten Tiere reißt. Die Befürworter des Wolfes wissen nicht, was sie uns da antun. Mit Tierschutz hat das auf alle Fälle nichts zu tun“, mahnt Bernhard Gröbl enttäuscht.

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