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Kälberaufzucht

Wieder Kontakt zur Kuh?

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Kerstin Barth
am
08.08.2019

Die muttergebundene Kälberaufzucht liegt vor allem im Bio-Bereich zunehmend im Trend. Noch stehen individuelle, betriebliche Überlegungen im Vordergrund, doch der gesellschaftliche Druck wächst. Wie lässt sich das Verfahren umsetzen?

  • Immer mehr Betriebe, vor allem im ökologischen Landbau, setzen sich mit dem Thema mutter- bzw. kuhgebundene Kälberaufzucht auseinander.
  • Es ist davon auszugehen, dass der gesellschaftliche Druck auf die Milcherzeugung bezüglich des emotionalen Themas „Trennung von Kalb und Kuh“ wächst.
  • Im Hinblick auf Kontakthäufigkeit, Kontaktdauer, Absetzen und Trennung gibt es erste Erfahrungswerte aus den Pionierbetrieben und der Wissenschaft, allerdings noch keine offiziellen Beratungsempfehlungen.
  • Vor allem auf die Kolostrumversorgung, die regelmäßige Gesundheitskontrolle sowie das Einrichten eines geeigneten Kälberschlupfs ist zu achten.
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Was vor 100 Jahren noch üblich war, ist für viele Milchviehbetriebe heute ein ungewohntes Bild: Kälber laufen mit den Kühen auf der Weide und im Stall und diese Kälber dürfen an den Kühen saugen. Denn üblicherweise werden sie heute kurze Zeit nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und mit Tränkeeimer oder am -automat aufgezogen. Im Ökolandbau geschieht das mit Vollmilch, in konventionell wirtschaftenden Betrieben manchmal mit Milchaustauschern. Eine konsequente Kontrolle über die aufgenommene Milchmenge und den Zustand der Kälber bei jeder Tränkemahlzeit sowie das Unterbrechen der Infektionskette von der Kuh zum Kalb bieten dem Landwirt viele Vorteile im Betriebsablauf. Zudem zeigen Kuh und Kalb bei einer sehr frühzeitigen Trennung innerhalb der ersten 24 Stunden deutlich weniger Anzeichen von Trennungsstress.

Natürliches Verhalten

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Neuere Forschungen zeigen allerdings, dass bei diesem Vorgehen auch etwas verloren geht. Die Kälber haben meist nur noch Kontakt zu annähernd gleichaltrigen Tieren und die Fürsorge der Kuh kann nur begrenzt durch den Kontakt zum Menschen ausgeglichen werden. Wie kanadische Studien zeigen, wirkt sich die frühe Haltung der Kälber in Gruppen auf das Verhalten der Kälber aus – sie sind bedeutend neugieriger und probieren ungewohntes Futter eher aus, als wenn sie allein aufwachsen.

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Für die Entwicklung des Sozialverhaltens bietet der Kontakt zu erwachsenen Kühen aber noch mehr. Das Belecken durch die Mutter dient nicht nur der Fellpflege und Hygiene sondern stellt auch eine soziale Verhaltensweise dar, die für die spätere Beziehung der Tiere in einer Herde als sogenanntes soziales Lecken von Bedeutung ist. Zudem lernt das junge Kalb im Umgang mit der Mutter und anderen Kühen schon früh, auch Anzeichen aggressiven Verhaltens zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren, wie eine Schweizer Studie gezeigt hat. Kälber ohne Kontakt zu erwachsenen Kühen verhielten sich in den Tests respektloser.

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Für einige Landwirte ist die Entwicklung des Sozialverhaltens der Tiere aber nicht unbedingt der Grund, ihren Kälbern wieder einen längeren Kontakt zur den Muttertieren oder anderen Kühen zu gestatten. Im Vordergrund stehen oft eher das Verbessern der Kälbergesundheit, ein Einsparen an Arbeitszeit für das Tränken aber auch die wiederholte Nachfrage der Kunden nach dem Umgang mit den Kälbern auf Betrieben, die direkt vermarkten.

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Denn über die Haltungsbedingungen auf Milchviehbetrieben wird zunehmend – und leider nicht nur sachlich – diskutiert und berichtet. Konsumenten erfahren so von Haltungspraktiken, die sie nicht erwartet haben und zum Teil auch als nicht akzeptabel empfinden. Die frühzeitige Trennung der Kälber von den Kühen wird bei Umfragen meist als nachteilig für die Tiere angesehen. Einige Konsumenten fragen inzwischen ganz bewusst nach Milch von Kühen, die ihre Kälber „behalten dürfen“. Für manche Veganer ist die Trennung von Kuh und Kalb sogar ein Grund, gänzlich auf den Verzehr von Milch zu verzichten.

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Inzwischen praktiziert eine steigende Anzahl an Milchviehbetrieben die muttergebundene Aufzucht auf ganz unterschiedliche Weise. Aus Mangel an standardisierten Empfehlungen aus der Beratung und der Wissenschaft, haben die Betriebe ganz eigene Verfahren für diese Aufzuchtform entwickelt (siehe Seite 42). Bisher existiert auch keine Vorgabe, was unter kuh- bzw. muttergebundener Aufzucht zu verstehen ist. Trotzdem lassen sich einige Kriterien beschreiben, die das Vorgehen charakterisieren:

Dauer bis zur Trennung

Es existiert keine Vorschrift, wie lange Kühe und Kälber zusammenbleiben sollen, bevor sie endgültig getrennt werden. In der Natur würde das Entwöhnen im Lauf der neuen Trächtigkeit der Kuh stattfinden. Es kann aber auch erst nach der erneuten Kalbung auftreten. Da bei einer solch langen Phase kaum noch Milch von den Kühen für den Verkauf gewonnen werden könnte, trennen die meisten Betriebe deutlich früher. Für Biobetriebe ist eine dreimonatige Vollmilchtränke gesetzlich vorgeschrieben. Die meisten Betriebe orientieren sich an diesem Wert und trennen nach diesem Zeitraum.

Von einer reinen muttergebundenen Aufzucht kann man sprechen, wenn nur die eigene Mutter die Versorgung des Kalbes übernimmt. In der Ammenhaltung werden die Kälber frühzeitig auf eine Ammenkuh umgewöhnt. Weit verbreitet ist eine Mischform aus beiden Verfahren. Dabei wird das Kalb zuerst von der Mutter gesäugt, anschließend kommen beide in eine Gruppe, in der weniger Kühe als Kälber vorhanden sind, sodass auch fremde Kühe die Versorgung mit übernehmen. Die Zahl der Kälber je säugender Kuh richtet sich dabei nach der Milchleistung, übersteigt das Verhältnis von 3:1 aber in der Regel nicht.

Kontaktzeit am Tag

Bei Dauerkontakt dürfen die Kälber den gesamten Zeitraum zu den Kühen, wobei dieser Zeitraum durch die Melkzeiten oder auch andere Arbeitsgänge, z. B. Liegeflächenpflege unterbrochen sein kann. Der Halbtagskontakt erlaubt den Kälbern einen Zugang am Tag oder in der Nacht. Da Kälber bevorzugt während der Lichtstunden säugen, entspricht der Kontakt über Tag eher den natürlichen Bedingungen. In jedem Fall bedingt die Kontaktunterbrechung für eine gesamte Zwischenmelkzeit eine größere Euterfüllung, die in der Melkzeit dann auch zu mehr ermolkener Milch führen kann.
Dies gilt auch für Verfahren, die den Kontakt noch weiter reduzieren und die Kälber nur zweimal am Tag zum Saugen zulassen. Dies entspricht dann mehr der zweimaligen Eimertränke. Mit Bezug zur Melkzeit kann der Zeitpunkt des Zusammentreffens dann auch noch unterschiedlich gestaltet werden. Ein Zulassen vor dem eigentlichen Melken soll helfen, die Störungen der Milchejektion auszugleichen, die in der kuhgebundenen Aufzucht meist sehr offensichtlich sind. Ein Zulassen nach dem Melken dient einer guten Entleerung des Euters, bedingt allerdings auch, dass die Kälber deutlich fettreichere Milch erhalten.

Absetzen von der Milch

Das Absetzen und Separieren stellt für Kälber und Kühe einen starken Einschnitt dar. Durch den verlängerten Kontakt hat sich eine tiefe Bindung zwischen den Tieren aufgebaut, die nun aufgebrochen wird. Das führt zu Stress bei den Tieren und oft auch bei den Landwirten, da die Trennung von heftigem Rufen begleitet wird. Um die Vorteile des Kuh-Kalb-Kontakts nicht durch das Absetzen zunichte zu machen, sollte es möglichst schonend und auch gestuft erfolgen. Das heißt, dem Kalb werden das wichtigste Futtermittel, die Milch, und der wichtigste Sozialpartner, die Kuh, nicht gleichzeitig entzogen. Kälber, die schon während der Säugezeit Zugang zu einer anderen Milchquelle hatten, nutzten den angebotenen Tränkautomaten während des Absetzens deutlich häufiger, wie eine Studie aus Kanada gezeigt hat. Allerdings dürfte dieses Vorgehen aus ökonomischen Gründen derzeit für die wenigsten Betriebe in Frage kommen.
Stattdessen bietet sich die Verringerung der Kontaktzeit zu den Kühen an, um die Möglichkeit der Milchaufnahme schrittweise zu reduzieren bevor dann die endgültige Trennung erfolgt. Kühe und Kälber verbringen so nach und nach immer weniger Zeit miteinander. Aus der Fleischrinderhaltung stammt ein Saugentwöhner, der nicht mit Stacheln besetzt ist und nur den Zugang des Kalbes zu den Zitzen unterbinden soll, ohne die Kühe zu Abwehrbewegungen anzuregen. Diese sogenannten nose flaps wurden bisher ganz erfolgreich auf einigen Betrieben eingesetzt, allerdings ist der Sitz der Saugbremse stets zu kontrollieren, um Verletzungen in der Nase zu vermeiden.
Zudem ist darauf zu achten, dass die Kälber trotz eingesetztem nose flap guten Zugang zu allen anderen Futtermitteln haben. Vor allem die Abstände der Heuraufen müssen ein ungehindertes Entnehmen des Futters ermöglichen. Das Saugen unterbinden auch Euternetze. Hierbei ist jedoch der Arbeitszeitaufwand beim Melken zu bedenken und auch die Stallhygiene sollte vorbildlich sein, um das Risiko für Euterinfektionen gering zu halten.

Baukastenprinzip

Ausgehend vom beschriebenen Baukastenprinzip kann jeder Betrieb das für ihn passende System zusammenstellen. Dabei sollten jedoch einige Punkte immer beachtet werden:
  • Kolostrumversorgung: Es gibt einige wissenschaftliche Studien, die gezeigt haben, dass unabhängig von der Rasse, einige Kälber es nicht schaffen, frühzeitig ausreichend Kolostrum aufzunehmen. Deshalb gilt auch für die kuhgebundene Aufzucht, dass für eine Kolostrumaufnahme zu sorgen ist. Eine betriebseigene Kolostrumbank bestückt mit hochwertigem Kolostrum von Mehrkalbskühen sollte auch hier Standard sein.
  • Kälberschlupf: Unter natürlichen Bedingungen bilden die Kälber gern einen Kindergarten aus. Das kann man nutzen und den Kälbern einen Bereich anbieten, in den sie sich zurückziehen können und der von Kühen nicht betreten werden kann. Auch wenn Kälber beim Fressen neben der Mutter frühzeitig mit dem Probieren des Raufutters beginnen, können in einem solchen Kälberschlupf auch Futtermittel angeboten werden, die nur für die Kälber gedacht sind. Auch die Wasserversorgung kann in diesem Bereich kalbgerecht gestaltet werden. Wenn die Kälber an diesen Schlupf gewöhnt sind, ist auch das Separieren von den Kühen viel einfacher.
  • Gesundheitskontrolle: Die Kühe umsorgen die Kälber in der Regel sehr intensiv, trotzdem sollte auch die tägliche Gesundheitskontrolle durch die Betreuungsperson selbstverständlich sein. Bei der Eimertränke ist die Milchaufnahme ganz leicht zu kontrollieren. Saugen die Kälber an den Kühen, dann braucht es eine gute Beobachtungsgabe und den Blick auf das Einzeltier, um Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Zusätzlich bietet die tägliche Kontrolle auch die Gelegenheit, mit den Kälbern stärker in Kontakt zu kommen. Das ist wichtig, wenn die späteren Milchkühe auch umgänglich und leicht zu führen sein sollen.
Und natürlich gilt es zu beachten, dass die Kühe auch Erkrankungen auf die Kälber übertragen können. Ein guter Gesundheitsstatus der Milchviehherde ist deshalb auch in der kuhgebundenen Aufzucht die Voraussetzung für gesunde Kälber, die später leistungsfähige Milch- bzw. Masttiere werden sollen.

Wirtschaftlichkeit

Bisher gibt es leider nur sehr wenige Studien zur Ökonomie der kuhgebundenen Kälberaufzucht. Sicher ist, dass bei unbeschränktem Kontakt der Kälber zu ihrer leiblichen Mutter deutlich mehr Milch in die Kälbermägen gelangt als herkömmlicherweise vertränkt wird. Diese Mengen können durchaus 16 l Milch pro Kalb und Tag ausmachen. Die Kälber zeigen dabei Tageszunahmen von mehr als einem Kilogramm. Diese Milch steht nicht zur Vermarktung zur Verfügung und bei konventionell wirtschaftenden Betrieben, die die Milch durch Austauscher ersetzen könnten, schlägt das besonders zu Buche. Auf der anderen Seite können Betriebe, die den direkten Kundenkontakt haben, auch auf ihr besonderes Aufzuchtverfahren verweisen und die notwendige Kompensation über den Milchpreis kommunizieren. Um es Neueinsteigern zukünftig leichter zu machen, erarbeiten derzeit Praxisbetriebe mit teilweise jahrelanger Erfahrung gemeinsam mit der Wissenschaft und der Beratung einen Leitfaden, der im nächsten Jahr interessierten Test-Betrieben zur Verfügung gestellt werden soll.

Mehr Infos zum Thema im Internet unter: www.bit.ly/Kuh-Kalb-Kontakt

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