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Milchviehhaltertag

Konzept muss in sich stimmig sein

Kälber
Brigitte Früh
am
03.01.2019

Praktiker berichten über ihre Kälberaufzuchtsysteme

Dietmannried/Lks. Oberallgäu Beim Unternehmertag in Dietmannsried stellten am Nachmittag drei Praktiker ihre Kälberaufzuchtmodelle vor – Milchaustauscher, Vollmilch und Muttertier. Alle drei sind erfolgreich damit auf ihren Betrieben. Fazit: Es kommt weniger auf die Methode an, sondern darauf, dass es ein durchdachtes Konzept gibt, das zum Betrieb passt und konsequent umgesetzt wird.

Diet-Koegel

Den Anfang machte Hubert Kögel aus Nesselwang-Thal. Er bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb mit 60 ha Grünland, 55 Milchkühen und ebensoviel Nachzucht. Die Herdenleistung liegt bei 9500 kg, die der Erstlaktierenden bei rund 8500 kg. Die Kälberaufzucht sieht Hubert Kögel umfassend: Sie beginnt für ihn bei den trächtigen Kühen, die er bei 250 Tagen Trächtigkeit trockenstellt, und reicht bis zum ersten Kalb des Jungrindes. Die Kühe kalben in einer Abkalbebox mit Liegebuchten ab, die im alten Stall eingerichtet wurde. Die Beobachtung erleichtert eine Kamera, die aufs Handy überträgt. Der Nabel des Kalbes wird nicht desinfiziert. Das Kalb kommt nach der Geburt sofort in eine frische Kälberbox, die zuvor nach Möglichkeit eine Zeitlang leer war und in der Sonne stand. Es erhält so schnell wie möglich 3 l Biestmilch; falls nötig, wird auch gedrencht.

Ab dem zweiten Tag stellt Kögel auf Milchaustauscher (MAT) um und tränkt in der ersten Lebenswoche verhalten (6 l pro Tag). Jedes Kalb bekommt einen eigenen Eimer mit einem frischen Zapfen. Unter den Einzelboxen wird regelmäßig sauber gemacht. Der beschichtete Boden mit Ablaufrinne im Kälberstall erleichtert die Reinigung. „Wir verringern so den Keimdruck. Seit ich Eigenbestandsbesamer bin und der Tierarzt nicht mehr regelmäßig kommt, ist die Kälbergesundheit auch wesentlich besser“, stellte Kögel fest. Bei Durchfall gibt er sofort einen Puffer-Bolus, Elek-trolytlösung und zusätzlich Wasser zur Tränke.

Nach zwei bis drei Wochen ziehen männliche Kälber ins Iglu um, weibliche in eine Tiefstreubucht. Von der 4. bis 12. Woche erhalten die Kälber 8 l MAT und Vollmilch am Tag und die Kuhkälber zusätzlich Grummet und zweimal täglich Milchleistungsfutter 18/4 (MLF) wie die Kühe.

Ab dem 3./4. Monat bis zum 6./7. Monat hält Kögel die Kälber auf gummibelegtem Spaltenboden und Hochboxen, sie bekommen Grummet und MLF. Etwa ab dem 7. Monat geht es auf Spaltenboden ohne Gummibelag und Hochboxen weiter. Gefüttert wird mit Grundfutter, wie es auch die Kühe bekommen, zur freien Aufnahme. Im 1. Jahr dürfen die Kälber bei Kögel nicht auf die Weide. Der Landwirt besamt die Tiere ab ca. 16 Monate und füttert dann etwas verhaltener mit Silage und Heu. Im Herbst lässt er gegen Rindergrippe impfen. Im Sommer dürfen die Jungrinder über einem Jahr von April bis Oktober auf die Weide. Das Erstkalbealter liegt im Betrieb bei 26 bis 27 Monaten. Zwei Wochen vor der Kalbung kommt das Rind zu den laktierenden Kühen, um sich an den Melkroboter zu gewöhnen.
Kögels Konzept ist langfristig ausgelegt. „Schlimmer als in der ersten Woche durch restriktive Tränke ein paar Gramm Tageszunahme zu verlieren ist es, die weitere Aufzucht bis zum 14./15. Monat zu vernachlässigen“, lautet seine Überzeugung.

Familie Metz in Bad Wörishofen-Kirchdorf bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb mit 80 ha (je 40 ha Acker und Grünland) und 130 Milchkühen plus 70 Stück Nachzucht. Seit auf dem Betrieb Metz die Kälberaufzucht hinsichtlich Tränke und Haltung optimiert wurde und sich die Kälbergesundheit dadurch deutlich verbessert hat, hat Michael Metz nach eigenem Bekunden „wieder viel mehr Freude an der Kälberaufzucht“.

Diet-Metz

„Vorher war die Situation deprimierend“, räumte der 25-jährige Landwirtschaftsmeister ein. Zwar wurde schon Vollmilch getränkt, es gab aber nur wenige Eimer und zu wenig Kälberplätze. Eine insgesamt unbefriedigende Situation, gekennzeichnet durch viel Kälberdurchfall in den ersten Wochen, hohe Tierarztkosten, den einen oder anderen Tierverlust, hohen Arbeitsaufwand und eine nicht zufriedenstellende Kälberqualität. Deswegen hat Metz die Kälberaufzucht auch als Thema für seine Meisterarbeit gewählt. Ein ganzes Bündel an Verbesserungsmaßnahmen war die Konsequenz aus seinen Erkenntnissen:

  • Mehr Kälberiglus und Tränkeeimer wurden angeschafft, so dass jedes Kalb einen Platz für sich und einen eigenen Eimer und Zapfen hat. „So konnte auch mal ein Iglu leer in der Sonne stehen, das ist in meinen Augen die beste Desinfektion“, betonte Metz. Jedes Iglu wird gewaschen und desinfiziert.
  • Ein Milchtaxi wurde gekauft, „eine enorme Arbeitserleichterung und daher gut angelegtes Geld“, denn auf dem Betrieb stehen die Kälberiglus im etwas entfernten alten Fahrsilo.
  • Nach der Geburt in einer geräumigen Strohbox wird sofort Kolos-trum gemolken und schnell getränkt, „auch vier bis fünf Liter, wenn das Kalb will“.
  • Ab der nächsten Mahlzeit bekommt das Kalb 5 l pro Mahlzeit - fünf Tage lang Biestmilch, danach Vollmilch. Ab dem 2. Tag wird die Tränke angesäuert, „so gewöhnen sich die Tiere besser und schneller an den sauren Geschmack“. Vertränkt wird mit 20° Celsius.
  • Kuhkälber erhalten bis zur 5. Woche 10 l pro Tag, bei Bullenkälbern wird schnell auf bis zu 14 l gesteigert. Außerdem gibt es ab der ersten Woche eine Kälber-TMR und frisches Wasser. Für die Kälber-TMR nimmt Metz sehr klein geschnittenes Gerstenstroh, außerdem Mais, Zuckerschnitzel, Sojaschrot in Mehlform und 10 % Melasse.
  • Ab der 3./4. Woche werden die Kuhkälber in Gruppeniglus gehalten. Ab der 5. Woche reduziert Metz die Milchmenge um 1 l pro Woche. Getränkt wird „eher zwölf als zehn Wochen“. „Die Kälber entwickeln sich noch besser und fallen beim Absetzen nicht in ein Loch, sondern ziehen voll durch und fressen sofort viel.“
  • 60 % der Kühe werden mit Weißblauen Belgiern besamt. Die männlichen Kälber verkauft Metz ab 4 Wochen mit 80 bis 85 kg und erzielt damit deutlich überdurchschnittliche Preise. „Der hohe Aufwand zahlt sich aus.“
  • Gegen Rindergrippe wird zweimal geimpft (in der 2. – 4. Woche und 6. – 8. Woche).
  • Im Rahmen seiner Masterarbeit hat Metz auch die Joghurttränke getestet. „Sie funktioniert auch sehr gut“, so der junge Landwirt. Wegen des höheren Arbeitsaufwands wurde sie aber zugunsten der Sauermilchtränke wieder aufgegeben.
„Seit einem Jahr hatten wir keinen Tierarzt mehr bei den Kälbern“, berichtete Metz über die stark verbesserte Kälbergesundheit. In den letzten zwei Jahren verlor der Betrieb nur ein Kalb. Wenn doch Durchfall auftrete, sei er nicht mehr so stark. „Mit der Umstellung auf Vollmilch ad libitum haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, lautete das Fazit des Landwirts.
Diet-Rutschmann

Seit 2005 wird am Hof Gasswies KG in Klettgau-Rechberg die muttergebundene Kälberaufzucht betrieben. Über seine Erfahrungen damit berichtete Betriebsleiter Alfred Rutschmann. Der Hof Gasswies ist seit 2016 als Demonstrationsbetrieb Mitglied im „Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Auf dem Biobetrieb (seit 1998, zuerst Bioland, seit 2017 Demeter) werden 120 ha bewirtschaftet (55 ha Acker, 60 ha Grünland, 4 ha Obst, 1 ha Wald) und 50 Milchkühe sowie 100 Stück Jungvieh, Rinder und Ochsen gehalten. Seit 2003 wird Tag- und Nachtweide der Kuhherde sowie seit 2007 saisonale Abkalbung praktiziert.

„Wir haben seit Beginn der muttergebundenen Kälberaufzucht viel gelernt“, schickte Rutschmann voraus, das System wurde mehrfach geändert und optimiert. Mit dem jetzigen Modell komme man gut zurecht. Die Kuh kalbt in einer separaten Abkalbebox auf Stroh ab. Mutter und Kalb bleiben dort für eine Woche zusammen. Die Kuh wird gemolken, so lernen die beiden auch die zeitweise Trennung. Danach kehrt die Kuh in den Herdenverband zurück und das Kalb kommt in die zentral im Stall gelegene Kälbergruppe.

Am Hof Gasswies ist diese „Kälberbucht“ der komplette alte Futtertisch. Durch den Bau einer Außenfressachse wurde diese Lösung möglich.

Hier im Stroh dürfen die Kälber maximal 14 Tage lang zweimal täglich nach dem Melken bei der Mutter trinken. Das Stelldichein dauert jeweils eine Stunde. Danach lösen sich Mutter und Kalb gut voneinander, so die Erfahrung des Betriebsleiters. Sicht- und Körperkontakt, z. B. Beschlecken, aber nicht Saugen, ist mit dem Futtertisch als Kälberschlupf ganztägig möglich. Später dürfen die Kälber dann nur noch einmal am Tag und schließlich nur noch jeden zweiten Tag bei der Mutter trinken.

Beim Absetzen haben Mutter und Kalb noch Sichtkontakt – so gelingt die Trennung relativ sanft. Danach werden die Kälber in altershomogenen Gruppen mit Ammenkühen auf die Weide gebracht.
„Die Kunst bei der muttergebundenen Kälberaufzucht ist es, die Milchmenge richtig zu steuern“, resümierte Rutschmann. Ganz wichtig sei es auch, dass die Tiere von Anfang an lernen, sich zu trennen. Freilich erfordert dieses System einen hohen Einsatz an Muttermilch.
Am Demeter-Betrieb Gasswies liegt die Herdenleistung bei rund 5000 l (rein aus Grundfutter). Das Kalb trinkt davon ca. 1000 l.
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