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Kräftig an Fahrt aufgenommen

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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
24.08.2018

Familie Rößler hat innerhalb von zwölf Jahren zwei Stallprojekte realisiert und ein zusätzliches Betriebseinkommen aufgebaut. Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Und unterm Strich muss auch Geld für Investitionen übrig bleiben.

Der 5. Juni 1957 war ein rabenschwarzer Tag für Familie Rößler aus Naab in der Oberpfalz. Ein Feuer legte die Hofstelle in Schutt und Asche. Die Versicherung kam nur für einen Bruchteil des Schadens auf, Rücklagen gab es kaum. Was ihnen an Hab und Gut blieb, war nahezu ohne Wert, wie etwa die veralteten Maschinen. Mit einfachsten Mitteln musste die Familie den Wiederaufbau starten.

Einige Jahre später folgte der nächste Schicksalsschlag. 1963 verstarb der damalige Betriebsleiter Johann Rößler frühzeitig. Frau und die 7 Kinder mussten den Hof fortan alleine stemmen.

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Die Mutter bestimmte schließlich mit Ludwig den jüngsten Sohn zum Hofnachfolger. Mit 18 Jahren übernahm er 1982 den Hof unter schwierigsten Bedingungen. Arbeit gab es reichlich, aber das Geld war knapp. Bei allem, was der damals frischgebackene Betriebsleiter anpackte, stand er deshalb extrem unter Druck: Am Ende des Tages musste Zählbares in Mark und Pfennig herausspringen. Nur so war der Fortbestand des Hofes zu sichern. Fehler durfte er sich nicht erlauben. Das hätte fatale Folgen gehabt.

1990 heiratete er seine Frau Christiane. Mit ihr kam seine große Stütze auf den Hof. Mit vereinten Kräften gelang es dem Ehepaar, das schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen und bei der Betriebsentwicklung kräftig Fahrt aufzunehmen.

Alles Handarbeit

Der Stall auf der Hofstelle ist 1957 errichtet worden – wie damals in der Region üblich mit Anbindehaltung und Stroheinstreu. Er bietet Platz für 10 Kühe, 2 Pferde und 12 Plätze für Nachzucht. Gemolken wurde in Kannen. Damit war alles Handarbeit – Entmisten, Futtervorlage und Melken. 1992 baute Rößler eine neue Milchkammer und eine Rohrmelkanlage in den bestehenden Stall ein. 1993 kam eine Güllegrube hinzu. 1999 wurde der Stall umgebaut. Das war für ihn aus heutiger Sicht kein großer Akt. Es handelte sich nicht um eine grundlegende Modernisierung, sondern um den Einbau einiger Arbeitserleichterungen. Größte Neuerung war die Schwemmentmistung. Das erforderte einige Änderungen am Stall. Viel konnte er in Eigenleistung bewerkstelligen, was die Baukosten nach unten drückte.

Ein wichtiges Zubrot für die Familie kommt aus überbetrieblichen Maschinenringeinsätzen. Dadurch kamen im Laufe der Zeit einige Maschinen hinzu. Die Folge war, dass es allmählich eng wurde auf der Hofstelle. Deshalb beabsichtigte Rößler eine Maschinenhalle im Außenbereich zu errichten. Schritt für Schritt entstanden daraus letztendlich die Pläne für einen neuen Stall.

Laufstall für 83 Kühe

Dabei kam der Entscheidung von Sohn Mario, den Betrieb weiterzuführen, eine zentrale Rolle zu. Nach der mittleren Reife begann der heute 26-Jährige im Jahr 2009 eine landwirtschaftliche Lehre, die er im Juli 2012 erfolgreich abschloss. Den landwirtschaftlichen Weg ist er dann konsequent weitergegangen. Nach drei Semester Studium an der Landwirtschaftsschule Weiden ist er seit März 2016 staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau. Bei der Abschlussfeier wurde ihm der Ehrenpreis für besonders artgerechte Tierhaltung von der Kreisrinderzuchtgenossenschaft Weiden verliehen. Im Anschluss legte er die Meisterprüfung ab und bekam im März 2017 den Brief überreicht.

2012 startete gemeinsam mit dem Amt für Landwirtschaft in Tirschenreuth die Planung. „Mit dem Bauberater Manfred Zintl hatten wir einen guten Mann an unserer Seite“, erinnert sich Ludwig Rößler. Noch im gleichen Jahr erfolgte dann der erste Bauabschnitt. Es entstanden zwei Güllebehälter und vier Fahrsilos. Im Mai 2013 erfolgte der erste Spatenstich für den Milchviehlaufstall. Innerhalb von sieben Monaten war er fertig. Mitte November zogen die Trockensteher und die Kalbinnen ein. Eine Woche später folgten die Milchkühe.

Mehrere Roboter

Der neue Rinderlaufstall befindet sich am Ortsrand von Naab, circa 300 m von der Hofstelle entfernt. Mit Büro-, Technik- und Tankraum ist er 80 x 37 m groß. Der Kälberstall und die Fütterungshalle sind in Längsrichtung direkt angefügt. Im Stall stehen 83 Kühe und 100 Stück Nachzucht.

Die Konstruktion ruht auf Stahlträgern. Die Querträger bestehen aus Leimholz. Die Dachabdeckung übernehmen Sandwich-Platten mit Isolierfunktion. An den Längsseiten sind Curtains angebracht. Sie sorgen gemeinsam mit dem Hubfirst für die Lüftung. Sowohl Curtains als auch Hubfirst werden automatisch geregelt. Im Außenbereich gibt es einen Freilauf mit Spaltenboden für die Kühe.

Der Milchviehbereich untergliedert sich in vier Reihen mit Liegeboxen und zwei Laufgängen. Auf der Stallinnenseite schließt der Futtertisch an. Jenseits des Fressgangs befindet sich der Bereich für das Jungvieh und die Trockensteher mit zwei Laufgängen. Die Hochbuchten sind mit Gummimatten abgedeckt. Die Abkalbe- und Krankenboxen sowie der Kälberstall werden mit Stroh eingestreut.

Die Futtervorlage übernimmt ein Roboter von Wasserbauer. Er versorgt die Tiere alle drei Stunden mit den auf die verschiedenen Gruppen abgestimmten Rationen. Zusätzlich schiebt er das Futter nach und teilt das Kraftfutter zu. Seinen Nachschub erhält der Roboter aus Boxen in der Futterhalle. Sie werden alle zwei Tage befüllt. Sowohl Roboter als auch Förderbänder verfügen über Waagen für das Zusammenstellen der Ration.

Das Säubern der Spalten übernimmt ein Reinigungsroboter. Er soll für Hygiene sorgen und die Klauengesundheit verbessern. Ein Melkroboter sorgt mit gekoppelten Selektionstoren für den gelenkten Kuhverkehr. Die Wahl fiel über den regionalen Händler Zintl aus Mitterteich auf ein Modell von DeLaval. Eine angenehme Abwechslung für die Kühe ist die schwingende und rotierende Kuhbürste. Sie regt den Blutkreislauf an und wirkt positiv auf das Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft der Kuh. Eine Webcam über der Abkalbebucht überwacht die Tiere Tag und Nacht. Melk- und Fütterungsroboter können per Fernwartung bedient werden.

Im Jahr 2014 wurde auf dem Dach des neuen Stalles eine Photovoltaik-Anlage mit 20 kW Leistung für den Eigenverbrauch installiert. Sie ist in Ost-West-Richtung montiert. Jede Seite verfügt über jeweils 10 kW. Der überschüssige Strom fließt ins öffentliche Stromnetz.

Komfort gesteigert

Mit dem neuen Stall hat die Familie eine Reihe von Zielen verknüpft. Ganz oben auf der Liste stehen mehr Komfort für Mensch und Tier. Das ist im Wesentlichen geglückt. Die Tiere danken es mit einer höheren Leistung. Die Milchmenge pro Kuh und Jahr stieg von 6800 l auf 8000 l nach Bezug des Stalls.

Die Zellzahlen sind gering. Christiane Rößler sieht hier den schonenden und hygienischen Milchentzug durch den Roboter als einen wichtigen Faktor. So melkt er die Viertel einzeln. Das verhindert Blindmelken und damit Belastungen für das Euter. Wer einen Blick in den gründlich geputzten Melkraum wirft, weiß aber, dass die 47-Jährige selbst daran einen erheblichen Anteil hat. „Sauber ist der immer“, sagt der Seniorchef, „und nicht nur heute, weil einer vom Wochenblatt vorbeikommt.“

Als weitere positive Aspekte des neuen Stalls führen die Rößlers auf:
  • Die Listen des Melkroboters zu Milchleistung und Leitfähigkeit geben einen schnellen Überblick über die Tiergesundheit.
  • Die Tierarztkosten wurden um 50 % gesenkt.
  • Die Euter- und Klauengesundheit ist hoch.
  • Durch die Automatisierung des Stalls kann die Familie die Arbeitszeiten im Stall variabler gestalten, zum Beispiel bei höherem Zeitbedarf für Feldarbeiten.
  • Der Zeitaufwand pro Fütterung wurde beim jetzigen Tierbestand auf 0,75 bis 1 Stunde pro Person (3 Personen) reduziert. Im alten Stall lag der Aufwand bei durchschnittlich 25 Tieren (22 Kühe und 3 Kälber) bei 1 bis 1,25 Stunden pro Person (2 Personen) und Stallgang.
  • Die körperlich schwere Arbeit wurde auf 10 % reduziert im Vergleich zum Anbindestall, in dem das Futter noch mit Schubkarren zum Futtertisch gebracht werden musste.
  • Durch den mit Strom betriebenen Fütterungsroboter entstehen keine Abgase im Stall, wie es bei einer Fütterung mit Schlepper und Futtermischwagen der Fall wäre.
  • Die Tiere verhalten sich wesentlich ruhiger bei den Fütterungszeiten als im Anbindestall
  • Bei der Planung wurde großer Wert auf kurze Wege beim Umtrieb gelegt. So ist der Kälberstall an die Jungviehseite des Milchviehlaufstalls angebaut. Zwischen Kälberbox und Jungviehstall können die Kälber über eine Tür in den Rinderstall in die nächstgrößere Gruppe wechseln.
  • die Tiere in den verschiedenen Gruppen sind vom Futtertisch aus leicht zu überblicken.

Im Jahr 2016 haben die Milchviehhalter ihren Betrieb vollständig auf gentechnikfreies Futter umgestellt. Seit 1. November 2016 liefern sie an die Molkerei gentechnikfreie Milch.

Mit Melk- und Fütterungsroboter sind die Rößlers sehr zufrieden. Als weitere Ziele in der Milchviehhaltung hat sich die Familie noch Folgendes vorgenommen:

  • Kraftfutter einsparen durch bessere Grundfutteraufnahme;
  • Milchleistung weiter steigern;
  • höheres Lebensalter der Tiere erzielen;
  • Zwischenkalbezeiten weiter verbessern;
  • Einbau einer Kuhdusche.

Freigesetzte Zeit nutzen

Schön und gut, mag man sich denken, aber rechnet sich die Robotertechnik auch? In der Anschaffung ist sie zumindest nicht billig. Wer den Seniorchef kennt, weiß, dass er da nichts dem Zufall überlässt. Der Beitrag, den die Roboter über gesteigerte Milchmenge und -qualität leisten, ist noch zu gering, damit sie sich amortisieren. Das hat auch mit dem Milchpreis zu tun. Das ist ein Thema, bei dem Ludwig Rößler anspringt. Mit dem, was die Molkereien veranstalten, ist er unzufrieden. Dass Bauern das bekommen, was übrig bleibt, findet er nicht richtig. Außerdem ist es bei ihm im Dorf so, dass Lastwagen von zwei Molkereien unterwegs sind, über Kooperationen die Milch aber im gleichen Werk landet. „Da bleibt Geld auf der Straße“, so seine Kritik. Aber zurück zur Technik. Ihr dritter Effekt ist, dass sie Arbeitszeit freisetzt und die verwertet Ludwig Rößler konsequent im überbetrieblichen und gewerblichen Einsatz. Damit erzielt er ein für die Familie wichtiges Zusatzeinkommen. Und noch eine Sache ist ihm wichtig. Seinen Sohn Mario hat der heute 54-Jährige vollwertig in den Betrieb eingebunden. Er ist Teilhaber mit 50 %. Für Ludwig Rößler ist das selbstverständlich. Das hat neben steuerlichen Aspekten auch damit zu tun, dass er seinen Sohn bei den Entscheidungen beteiligt und im Gegenzug erwartet, dass er auch Verantwortung übernimmt. „Bei betrieblichen Entscheidungen sind wir mit Frau und Sohn zu dritt“, sagt Rößler. „Da kann ich auch einmal den Kürzeren ziehen.“ Wichtig bei allen Entscheidungen ist auch, dass die Hofnachfolge gesichert ist. Mit Careen Pfab steht die weibliche Seite bereits fest. Ihr Wissen als Steuerfachangestellte kann sie gut in den Betrieb einbringen.

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