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Schweinehaltung

Der Langschwanz kommt sicher

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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
04.01.2017

Ergolding - Vorträge über Ringelschwanz, Bewegungsbuchten, Besamungszentrum und Abluftreinigung hörten die Teilnehmer der Schweinefachtagung in Ergolding. Wie brisant die Themen sind, zeigte das große Interesse – der Bürgersaal war bis auf den letzten Platz besetzt.

Bewegungsbucht

Schweinehalter stehen nicht mehr nur vor den Herausforderungen, die üblichen Preis-/Kostenschwankungen mit teilweise langen Durststrecken zu meistern. Sie werden vielmehr durch die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen herausgefordert“, sagte Dr. Georg Wendl, Leiter des Instituts für Landtechnik und Tierhaltung. „In welchem Umfang dazu die heutigen Haltungssysteme verändert werden müssen, wird stark diskutiert“, so Wendl bei der Schweinefachtagung in Ergolding, die gemeinsam vom LfL-Institut für Landtechnik und Tierhaltung, der Ringgemeinschaft Bayern, dem LKV Bayern, der EGZH und der ALB Bayern veranstaltet wurde. Auch Dr. Stephan Neher, Vorsitzender der Ringgemeinschaft, sieht die gestiegenen Anforderungen an die Schweinehalter und fordert deshalb: „Wir müssen die Gesellschaft darauf hinweisen, wie weit wir gehen können und was wir leisten können.“

Bei eingeklemmten Schwänzen handeln

Eine dieser Anforderungen ist der Kupierverzicht. „Es ist sehr schwer, alles so zu optimieren, dass es nicht zum Schwanzbeißen kommt“, meinte Dr. Astrid vom Brocke. Die Leiterin der Beratungs- und Koordinierungsstelle Caudophagie der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen arbeitet bei ihren Versuchen gerne mit Praxisbetrieben zusammen, weil sie deren Erfahrungen für sehr wichtig hält. Vom Brocke rät bei Warnsignalen wie eingeklemmten oder stark wedelnden Schwänzen sofort Notfallmaßnahmen zu ergreifen. Zuallererst müssten die Tiere mit geeignetem Beschäftigungsmaterial abgelenkt werden. Noch besser wäre, wenn die Schweinehalter externe Einflüsse früh erkennen und sofort handeln. So sei es z. B. sinnvoll, wenn die Fütterung ausfällt, nicht erst den Techniker anzurufen oder die Anlage reparieren zu wollen, sondern erst den Schweinen Beschäftigung zu bieten, damit sie abgelenkt sind und nicht so schnell merken, dass es kein Futter gibt. Zu weiteren Notfallmaßnahmen gehören die vermehrte Gabe von Rohfaserfutter, von Stroh und Heu und eventuell auch von Minerallecksteinen.
Im besten Fall sollte dann der Beißer identifiziert und separiert werden. Auch verletzte Tiere müssten separiert und behandelt werden. Dafür müsse immer genügend Platz vorhanden sein.

Ein Notfallkoffer mit neuem Spielzeug

Um die Tiere schnell vom Beißen ablenken zu können, habe sich der Einsatz eines betriebsindividuellen „Notfallkoffers“ bewährt. In diesem hält der Landwirt neues, den Tieren unbekanntes Beschäftigungsmaterial vor. Das können z. B. Seile oder Leckmassen sein, organisches Material wie Heu oder Luzerne, das den Tieren normalerweise nicht zur Verfügung steht. Wichtig sei, die Materialien außerhalb des Stalls zu lagern. Denn mit Stallgeruch sind sie wesentlich uninteressanter für die Tiere.
„Bei einem Versuch habt nur ein Viertel der teilnehmenden Betriebe das Ziel 95 Prozent intakte Schwänze erreicht“, erklärte vom Brocke. Das hänge nicht nur vom Betrieb, sondern auch vom Durchgang ab. So hat Betrieb Nr. 12 beim ersten Durchgang 98 % intakte Schwänze, beim zweiten Durchgang nur 10 %, weil er einen Fütterungsausfall hatte. Bei einem anderen Betrieb führte ein hoher Mykotoxingehalt im Futter zu vermehrtem Schwanzbeißen. Auch in der Genetik gibt es Unterschiede. So könne es schon etwas bringen, den Eber zu wechseln.
Die Wissenschaftlerin wies darauf hin, dass Landwirte künftig einen höheren Zeitaufwand mit der Tierbetreuung haben werden. Da es bei Ringelschwanz-Schweinen mehr Action in der Bucht gibt, müssten die Tierbeobachtungen aufwendiger durchgeführt werden. Auch der finanzielle Aufwand werde insbesondere durch Anpassungen in den Haltungs- und Fütterungsbedingungen steigen.
Auch wenn es noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse gibt, ist sich vom Brocke sicher, dass das Verbot des Schwanzkupierens langfristig kommen wird. Sie riet deshalb den Landwirten:

  •  Sammeln Sie eigene Erfahrungen in kleinen Gruppen,
  •  Lassen Sie eine ausgiebige Betriebs-Schwachstellen-Analyse durch externe Personen wie zum Beispiel Berater durchführen,
  •  Planen Sie die Schweinehaltung mit Ringelschwänzen gut. Also nicht in Arbeitsspitzen wie zum Beispiel der Erntezeit loslegen,
  •  Schaffen Sie zusätzliche Krankenplätze.

Auf die Fragen, die aus dem Publikum gestellt wurden, antwortete Astrid vom Brocke, dass es sich bezüglich der Ringelschwänze um ein EU-Gesetz handle und Deutschland bereits angeklagt wurde. Auch andere Länder wie z. B. die Niederlande würden sich damit beschäftigen. Bei Stallungen, die wegen des Güllesystems nicht so viel organisches Material vertragen, sollte man auf die Menge des eingesetzten organischen Materials achten. „Man kann auch etwas anderes einsetzen als Heu und Stroh“, riet die Spezialistin für Caudophagie und weiter: „Der Kupierverzicht wird nicht von heute auf morgen kommen. Aber wir sollten statt zu blockieren lieber am Thema mitarbeiten und zeigen, dass es schwierig ist. Ansonsten haben wir die Rolle der Buh-Männer.“
„Der Ringelschwanz kommt mit Sicherheit. Es ist nur eine Zeitfrage“, ist sich auch Dr. Christina Jais vom LfL-Institut für Landtechnik und Tierhaltung sicher. Sie riet deshalb Landwirten, die einen Stall bauen wollen, schon jetzt so zu planen, dass in 12 bis 25 Jahren Ringelschwanz-Schweine beheimatet werden können (Wochenblatt 44/2016). Da der Einsatz von Raufutter dann unvermeidbar ist, sollte man den Stall so bauen, dass sich auf der Gülle keine Schwimmschichten bilden, die von Hand beseitigt werden müssen.

Die Lieblingsbucht im Betrieb testen

Ebenfalls zum Thema Stallbau gehören Bewegungsbuchten. „Dass es vor allem bei den Parametern ‚Öffnen‘ und ‚Schließen‘ des Ferkelkorbs deutliche Verbesserungen gibt, sah man auf der diesjährigen EuroTier“, sagte Frank Schneider. Der Wissenschaftler vom LFL Institut für Landtechnik und Tierhaltung sprach über die Versuchsergebnisse mit Bewegungsbuchten am LVFZ Schwarzenau. Die „optimale Bewegungsbucht“ wurde im Rahmen dieser Untersuchung erwartungsgemäß nicht gefunden. Je nach betrieblicher Situation und Präferenz des Betriebsleiters seien verschiedene Buchtentypen und -ausrichtungen möglich. Mindestmaße (Breite, Tiefe) für die unterschiedlichen Buchtentypen konnten jedoch beschrieben werden (Wochenblatt 23/2016). Damit stehen wichtige Planungsdaten für Investitionen in die Sauenhaltung zur Verfügung. „Suchen Sie sich die Bucht aus, die Ihnen gefällt, kaufen Sie zwei davon und testen Sie diese in Ihrem Betrieb“, riet Schneider den Ferkelerzeugern.
Über seine Erfahrungen mit Bewegungsbuchten sprach Sven Meyer aus Döhlau-Kautendorf. Als die Ferkelerzeugung aussiedelte, wurde ein neuer Abferkelstall mit 48 Bewegungsbuchten (Typ Freilauf vom Hersteller PigTek) errichtet. Meyer stellte fest, dass die Arbeit im Sauenstall angenehmer und effektiver erledigt werden kann, weil keine Tiertransporte nötig sind. Sollte Geburtshilfe erforderlich sein, kann der Kastenstand problemlos geöffnet werden. Oft reicht allein schon diese Maßnahme für den weiteren Geburtsverlauf aus. Die Sauen sind ruhig, können zusehen, wenn am Ferkel Behandlungen gesetzt werden. Der Personenschutz ist von der Gestaltung der Bucht her gegeben. Das Betreten der Bucht erfolgt stets mit einem Treibpaddel.

Breite Stände, schwere Verletzungen

Brandaktuell war der Vortrag von Prof. Dr. Steffen Hoy nicht nur aufgrund der aktuellen Bestätigung des Magdeburger Urteils durch das Bundesverfassungsgericht (Wochenblatt 48/2016 und 52/2016). Der Inhaber des Instituts für Tierzucht und Haustiergenetik an der Justus-Liebig-Universität Gießen berichtete, dass es tierschutzrelevant sei, generell breitere Einzelstände als 70 cm im Besamungsstall zu fordern, da sich in Besamungsständen ab einer Breite von 85 cm viele Sauen drehen und ein hohes Verletzungsrisiko herrscht. Zusätzlich gebe es hygienische Nachteile. „Es steht aber nicht in der Verordnung, dass es möglich sein muss, dass die Sauen die Gliedmaßen rechtwinklig seitlich ausstrecken können, ohne irgendwo anzustoßen. Damit geht Deutschland weit über das EU-Recht hinaus“, meinte Hoy.
EU-weit gilt für die Schweinehaltung die EU-Richtlinie 2008/120/EG. Danach müssen alle Sauen einen größenmäßig angemessenen Liegebereich haben, sodass alle Tiere gleichzeitig liegen können. Sie sollen normal aufstehen können. Nach der Tierschutz Nutztierverordnung § 22 müssen Haltungseinrichtungen so beschaffen sein, dass die Schweine gleichzeitig ungehindert liegen, aufstehen, sich hinlegen und eine natürliche Körperhaltung einnehmen können. Kastenstände müssen so beschaffen sein, dass die Schweine sich nicht verletzen können und jedes Schwein ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann (§ 24). Hoy wies darauf hin, dass nicht gefordert sei, dass die Schweine die Gliedmaßen in Seitenlage „rechtwinklig“ ausstrecken können.

Dann bleibt jeder zweite Stand leer

Nach dem Urteil des OVG Magdeburg sollen Sauen beim Liegen die Beine in die Nachbarbox ausstrecken können („ungehindert liegen können“). In der Konsequenz könnte es dazu kommen, dass jeder zweite Stand leer bleiben muss. Auch die bayerischen Sauenhalter seien sehr verunsichert, da diese Vorgaben deutlich von den bislang als verbindlich geltenden Ausführungshinweisen abweichen. Laut Hoy könne noch keine rechtssichere Aussage getroffen werden, ob diese Maße nach den noch endgültig zu bescheidenden laufenden Verfahren ausreichen werden.

Das kommt einem Baustopp gleich

Für bauwillige Betriebe oder auch Betriebe, die ihre Haltungsbedingungen modernisieren wollen, bedeutet das praktisch zugleich fehlende Planungssicherheit und kommt einem Baustopp gleich, da die betreffenden Veterinärämter keine rechtsverbindlichen Aussagen zu den Maßen erteilen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte im November 2016 dieses Urteil als rechtskräftig – ohne wissenschaftliche Begründung. „Man braucht aber langfristige Planungssicherheit für Sauenhalter. Alle bisherigen Stallbauten wurden schließlich auch genehmigt. Man braucht lange Übergangszeiten, damit die bisher erstellten Gebäude abgeschrieben werden können. Ansonsten sehe ich das als Enteignung an“, meinte Steffen Hoy und wies darauf hin, dass er als Gutachter viele Fotos von liegenden Sauen mitgenommen hätte. Dann wäre deutlich geworden, dass Sauen, wenn sie die Wahl haben, gerne aneinandergekuschelt schlafen. In diesen Auswertungen kam auch he-
raus, dass in Ständen mit 75 cm Breite mehr Sauen in Seitenlage liegen als in 85 cm breiten Ständen.

Dann hatten 1,8 % der Sauen Beinfrakturen

Zur Untermauerung seiner Aussagen zeigte der Gießener Professor ein Video, das auf einem Betrieb gedreht wurde, der auf Anordnung des Amtstierarztes die Kastenbreite auf 95 cm erweitern musste. Hier hörten viele Schmerzschreie der Schweine. 63 % aller dort lebenden Sauen waren verletzt, 1,8 % mussten aufgrund von Vorderbeinfrakturen getötet werden.
Mittelfristig also mit einer Übergangszeit von mindestens zehn Jahren könnte laut Hoy die Aufenthaltsdauer in den Besamungsständen verkürzt werden und die Gruppenhaltung zwei bis drei Tage nach der Besamung beginnen. Aber auch dabei müssten die 70 cm für die Breite des Besamungsstandes eingehalten werden. In Abhängigkeit von der Gruppengröße sollte dann hinter den Besamungsständen ein Freiraum mit einer Tiefe von mindestens 1,21 m bzw. 1,57 m bei einreihiger Aufstallung (bei zweireihiger Aufstallung mindestens doppelt so tief) vorgesehen werden. Die Gruppenhaltung mit Ausnahme des besamungsnahen Zeitraumes (Tag 3 nach dem Absetzen bis zum Abklingen der Brunstsyndrome) im Besamungsstall unter Verwendung von Selbstfang-Besamungsständen sei möglich. Die setze aber ein noch besseres Management als bisher voraus, um nachteilige Auswirkungen auf die Fruchtbarkeitsleistung zu verhindern.

Die Schweine haben immer Vorrang

Unter dem Titel „Mit Schweinen Geld verdienen“ berichtete Joachim Mack aus Dettelbach von seinem Betrieb. Wichtig ist den Betriebsleitern, dass die Schweine immer Vorrang vor anderen Arbeiten haben. Durch das geschlossene System bleibt die Wertschöpfung im Betrieb und die Metzgervermarktung ermöglicht höhere Schlachterlöse. Neben diesen internen Faktoren helfen professionelle Berater bei sämtlichen Fragen zu Haltung, Tiergesundheit, Tierschutz und Tierwohl sowie in Fütterungsfragen (z. B. Ringberater vom Fleischerzeugerring Unterfranken, Fachtierarzt für Schweine, Fruchtbarkeitsberatung).
Die ökonomischen Auswertungen werden im Arbeitskreis Ferkelerzeugung diskutiert und dienen als Grundlage für eine Schwachstellenanalyse. Zudem werden hier spezielle Themen weiter vertieft. Für viele aktuelle Fragen greift Joachim Mack auch immer wieder auf Berufs- und Studienkollegen zurück.

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