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Tierwohl

Licht in den Label-Dschungel bringen

Matthias Qaing
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Christine Endres, Fleckvieh
am
09.03.2017

Hannover - Tierwohl-Programme können Chancen für Tierhalter bieten, vorausgesetzt der Handel spielt mit. Das wurde auf der DLG-Wintertagung deutlich.

Die Forderungen nach höheren Tierwohlstandards in der Nutztierhaltung sind nichts Neues“, betonte Matthias Quaing, Marktreferent der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), auf der  DLG-Wintertagung am 22. Februar in Hannover. Erste Programme, welche die gesetzlichen Standards in Sachen Tierwohl übertroffen haben, habe es bereits in den 80er-Jahren gegeben. „Dabei stand jedoch nicht ein deutlich höheres Tierwohl im Vordergrund, sondern vielmehr das Ziel einer integrierten, regionalen Prozesskette“, erklärte er.  
Aufgrund der zunehmend kritisch geführten öffentlichen Diskussion über die Haltungsformen in Deutschland seien in den vergangenen Jahren verschiedene Initiativen und Labelansätze gegründet worden. „Viele sind jedoch nicht über ein Nischendasein hinausgekommen oder wurden sogar wieder eingestellt“, berichtete der Experte. Um ein Wettrennen der Label zu verhindern und faire Bedingungen für möglichst viele Betriebe zu schaffen, sei 2015 die „Initiative Tierwohl (ITW)“ ins Leben gerufen worden. „Man wollte die Kosten, die entstehen, direkt vom Lebensmitteleinzelhandel abgreifen“, erklärte Quaing.

Höherer Marktanteil

Zwei Jahre gibt es die ITW schon und die Bereitschaft bei den Landwirten sei sehr hoch. „Wenn Landwirte etwas bezahlt bekommen, dann machen sie es auch“, schilderte der Fachmann. Zudem decke diese Initiative deutlich mehr Marktanteil ab als alle bisherigen Ansätze in Deutschland zusammen. „Doch es gibt auch viel Kritik“, betonte er. „Viele Landwirte sind auf der Warteliste, das führt zu Unzufriedenheit.“ Außerdem sei die Zahlungsbereitschaft des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) begrenzt und die Verbraucher seien zu wenig über die Initiative informiert.  
Ein Schweinehalter, der nach den Vorgaben der ITW, des Tierschutzlabels und der Ringelschwanzprämie produziert, ist Christoph Becker aus Niedersachsen. „Ich will nicht warten, bis der Verbraucher zahlt, ich will aktiv am Tierwohl mitarbeiten“, schilderte er. „Wir müssen raus aus der Passivität und rein in die Aktivität.“ Seine rund 1000 Mastplätze sind auf einen konventionellen Kammstall und einen Außenklimastall aufgeteilt. „Man kann die Vorgaben für die Tierwohl-Programme auch in konventionellen Stallsystemen einfach realisieren“, berichtete er. Der finanzielle Aufwand sei überschaubar, jedoch müsse das Umdenken im Kopf stattfinden.
Beckers Schweine haben nun 1,1 m2 statt 0,75 m2 zur Verfügung und es gibt Gesundungsbuchten. „Das sage ich bewusst, denn es sind keine Kranken- und Sterbebuchten.“ Das geforderte Beschäftigungsangebot stellt der Schweinehalter durch täglichen Stroheinwurf sicher. „Diese Minimaleinstreu ist bei uns im Stall auf dem Spaltenboden kein Pro­blem.“ Auch Ebermast funktioniere in seinem Stall gut. „Meiner Meinung nach ist das die wahrscheinlichste Lösung für das Kastrationsproblem“, schilderte er. Beim Thema Ringelschwänze ist der Schweinehalter zuversichtlich, gibt aber zu bedenken: „Es kommt sehr viel aufs Management an. Man muss dahinterstehen, konsequent sein und viel Zeit investieren.“ Dieses sehr sensible System könne aber auch eine Chance für kleinere Familienbetriebe sein.

Bestand darf sinken

Becker betonte, dass die verschiedenen Ansätze der Labels und Programme noch nicht ausgereift seien, aber die Richtung sei gesetzt. „Und wenn es am Ende dazu führt, dass ein Landwirt nur noch die Hälfte seiner Tiere besitzt, aber das gleiche Geld verdient, sollten wir uns diesem Weg nicht verwehren.“ Er forderte seine Berufskollegen dazu auf, offen zu sein für alternative Lösungen, stellte aber klar, dass diese ökonomisch mindestens gleichwertig sein müssten.
Dr. Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft von Vion Deutschland, erinnerte daran, dass die Schweineproduktion in den vergangenen Jahren in keinem anderen Land so sehr gewachsen sei wie in Deutschland. „Wir verkaufen keine halben Schweine mehr, wir verkaufen die einzelnen Teile in die ganze Welt“, berichtete er. „Ohne diesen Export hätten wir diesen Schweinepreis nicht mehr.“ Für den Experten ist die Tierwohl-
Diskussion ein zentrales Thema, er machte aber auch auf die oft mangelhafte Zahlungsbereitschaft der Konsumenten aufmerksam. „Was der Verbraucher fordert und was am Ende im Einkaufskorb landet, sind zwei Paar Stiefel“, stellte er klar. Besonders die Sonderangebotsstrategie erschwere den Verkauf von Schweinefleisch mit Tierwohllabel. „Wenn der Sortimentspreis für ein Kilogramm Schweinefleisch bei 8,99 Euro liegt und das mit Tierwohllabel 9,99 Euro kostet, ist der Preisabstand erklärbar.“ Anders sei es aber, wenn die Sortimentsware im Sonderangebot für 4,99 Euro verkauft werde. Der Experte ist sich sicher: „Es wird zu viel über Sonderangebote verkauft und da ist der Preisabstand einfach zu groß.“

Langfristige Verträge

Der entscheidende Punkt sei der LEH, Schweer forderte andere Strukturen: „Wir brauchen langfristige Verträge, damit wir den Landwirten Planungssicherheit geben können.“ Der Handel müsse das Label wollen und er müsse es bezahlen, betonte er. Eine Voraussetzung für den Erfolg eines solchen Labels sei die Vermarktung des ganzen Schweines. „Die Edelfleischteile müssen über den LEH und die restlichen Teile des Schweins an die Wurstverarbeitung verkauft werden.“
Schweer sprach sich zudem für die Produktdifferenzierung aus, ähnlich wie beim holländischen „Beter Leven“-Label. „In den Heijn-Märkten gibt es nur noch Fleisch mit diesem Label in verschiedenen Kategorien“, berichtete er. Eine mögliche Produktdifferenzierung in Deutschland könne aus einer vierstufigen Pyramide bestehen, bei der das QS die Grundlage bildet. In der Stufe darüber könne die ITW zu finden sein und in den beiden obersten Stufen eine Einstiegs- sowie eine Premiumstufe des geplanten staatlichen Tierwohllabels. „Der Landwirt muss probieren, was er umsetzen kann, aber der Schlüssel zum Erfolg liegt beim Handel, der muss es finanzieren“, betonte der Experte.

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