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Texas-Longhorn

Mutterkuh-Haltung - Ein Westerntraum auf Bayerisch

Texas Longhorn
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
12.06.2017

Altencreußen - Anne und Alexander Leichtenstern haben sich mit großem Einsatz ihre eigene Texas-Longhorn-Zucht in Oberfranken aufgebaut.

Zunächst war es ein Hirngespinst und schließlich wahre Pionierarbeit, was Anne Leichtenstern und ihr Mann Alexander auf ihrem Hof im oberfränkischen Altencreußen leisteten. Denn die begeisterten Westernfans und Quarterhorse-Züchter betraten vor gut sechs Jahren vollkommenes Neuland in der bayerischen Rinderzucht. Schon immer fasziniert von den großen Viehtrieben der Cowboys und den beeindruckenden Texas Longhorns, wollten sie ein Stück Wilden Westen auch nach Bayern holen. Zwar gab es bis dato verstreut Einzeltiere in Deutschland, die aus Embryonentransfers stammten, doch größere Herden oder gar eine Zuchtstätte waren sogar in ganz Europa Fehlanzeige.

Zwei Jahre Planung

„Dieser Traum ließ uns einfach nicht los“, erzählt Anne Leichtenstern immer noch mit einem Funkeln in den Augen. Sie planten schließlich die erste Lebendeinfuhr von Texas- Longhorn-Rindern nach Deutschland. Zwei Jahre Vorbereitungszeit sowie jede Menge Geduld und Spucke kostete sie dieses Vorhaben. „Der amerikanische Markt war aufgrund der BSE-Krise geschlossen und stand uns nicht zur Verfügung. So flogen wir nach Kanada und suchten uns dort mit einer Ranch bei Ponoka einen geeigneten Partner, der bereit war, die aufwendige Europa-Zertifizierung der Herde auf sich zu nehmen. Ein echter Glücksfall für uns! Dort grasen auf rund 500 ha Weideland 200 bis 300 Longhorns“, erzählt Anne Leichtenstern. Sie kann von den gigantischen Gesundheitsauflagen, die für ein solches Importvorhaben nötig sind, inzwischen ein Lied singen.
2011 war es dann endlich so weit. Über Luxemburg wurden die ersten 24 lebenden Longhorns, einjährige Tiere aus exzellenten kanadischen Zuchtlinien eingeflogen und fanden schließlich ihren Weg nach Franken. „Es war sehr spannend und die Tierärzte haben ganz genau hingesehen. Doch das war es einfach wert“, berichten Leichtensterns glücklich. Für den überzeugten Naturland-Betrieb gab es schlichtweg keine Alternative zur Lebendeinfuhr.

Zuchtziel Hornlänge

Heute sind es rund 50 Texas-Longhorns, die auf den 45 ha Grünland gehalten werden, Mutterkühe mit ihren Kälbern, Färsen und stattliche Zuchtbullen, wie der tonnenschwere Magic Shadow, dessen unverkennbares Markenzeichen ein nach oben und ein nach unten gebogenes Horn ist. Und ein Zuchtziel sind neben der Kondition und dem Euter bei den Texanern, wie sollte es auch anders sein, wirklich auch die Hörner.
„Bei der Kuh sollte die Spannweite von Hornspitze zu Hornspitze mindestens einen Meter, beim Bullen über 1,10 Meter betragen“, erklärt Anne Leichtenstern. Die Hörner seien durchaus auch ein Statussymbol, wie sie weiter berichtet. So können Kaufpreise für Spitzentiere aus den USA, „die sich irgendein Ölmulti in seinen Vorgarten stellen will, schon mal auf stolze 250.000 Dollar klettern.“

Zuchtziel Fellfarbe

Leichtensterns mögen das Horn gerne nach oben geschwungen. Doch mindestens genauso wichtig ist ihnen die möglichst vielfältige Fellfarbe der Kälber aus ihrer Zucht. „Das ist eine Wissenschaft für sich und doch auch immer wieder ein bisschen wie Lotto spielen“, meint Anne Leichtenstern und lacht. Ein schwarz-weiß gezeichnetes Tier kommt bei den Longhorns beispielsweise nur einmal unter 200 Tieren, ein graues Tier sogar nur einmal unter 500 Tieren vor. „Derzeit haben wir acht Zuchtbullen im Einsatz, um diese Vielfalt zu erhalten. So ist unsere Herde wirklich bunt gemischt, was bei den Kunden sehr gut ankommt“, erklärt Alexander Leichtenstern. Die Nachfrage nach Zuchttieren von den oberfränkischen Westernfans ist hervorragend. In acht verschiedene europäische Länder verkauft man das Zuchtvieh mittlerweile. Oft sind die Kälber der einzelnen Kühe schon lange vorreserviert. Die Kaufpreise liegen bei rund 4.000 €.
Die Bio-Weiderinder stehen den ganzen Sommer über auf den saftigen Wiesen in Altencreußen. Im Winter bieten ihnen die Folienhallen mit Tiefstreu Schutz vor extremer Witterung.  Nicht nur das Bayreuther Land ist durch die Leichtensterns und ihre Ranch mit den exotischen Longhorns um eine Attraktion reicher geworden. Inzwischen sind die Longhorns auch im Freistaat als heimisch anerkannt  und werden beim Fleischrinderverband Bayern als 23. Rasse in der bunten Palette der Fleisch­rinderrassen geführt.
„Jeder sagt zwar, dass das Fleisch seiner Rinder das beste ist, doch das edle Fleisch der Longhorns bietet wirklich ein vollkommen anderes Geschmackserlebnis“, sagt Anne Leichtenstern. Auch Starkoch Ale­xander Hermann, der jährlich einige Hinterviertel bezieht und ein eigenes Longhorn-Menu kreiert hat, könne dies bestätigen. In Nürnberg und Bayreuth bieten Biorestaurants das texanische Premiumfleisch an.
Wenn Sie sich jetzt die ganze Zeit gedacht haben: „Die Frau kenne ich doch“, haben Sie vollkommen Recht. Anne Leichtenstern ist nicht nur passionierte Rinderzüchterin, sie kann das Fleisch ihrer edlen Tiere selbst hervorragend zubereiten. Das brachte ihr Ende 2016 in der BR-Serie „Die Landfrauenküche“ mit dem Longhornburger als bestes Hauptgericht den Sieg ein. Das Wochenblatt gratuliert herzlich.

Ursprung liegt in Europa

Die Ursprünge des Texas Longhorn Rindes liegen in Europa. Spanische Siedler brachten zu Zeiten von Christoph Columbus erste Rinder in die neue westliche Welt. Frei und sich selbst überlassen, passten sich diese Tiere der wilden Natur von Texas, Arizona und Kalifornien an. Durch natürliche Auslese formte sich so eine sehr anpassungs- und widerstandsfähige sowie genügsame, fruchtbare und leichtkalbige Rinderrasse. Eine bestimmte Pigmentierung entstand auf der Haut, um Schäden durch Sonneneinstrahlung zu verhindern und lange Hörner bildeten sich, um der Wildnis Stand zu halten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Texas Longhorns gebranntmarkt und wegen zunehmender Fleischnachfrage in Herden zusammengetrieben.

Unter allen Rinderrassen war letztlich das Texas Longhorn das einzige, welches die weiten Viehtriebe der Cowboys mühelos überstand und sogar an Gewicht zulegte. Geschätzte 10 Mio. Texas Longhorns wurden bis 1890 in alle Richtungen der Staaten, sogar bis nach Kanada gebracht. Nachdem die Viehtriebe letztlich endeten, da die Farmer begonnen hatten ihr Land einzuzäunen, waren die Longhorns jedoch vom Aussterben bedroht. Das führte Anfang des 20. Jahrhunderts fast zu ihrer Ausrottung. Im Jahre 1927 wurde nur noch eine Handvoll Texas Longhorns mit staatlicher Hilfe in Oklahoma und Nebraska unter Schutz gestellt, um die Tiere und ihre wertvolle Genetik zu bewahren.

Heutzutage erlebt das Texas Longhorn Rind einen Aufschwung. Es wird als Fleischrind für die gesunde Ernährung sehr geschätzt. Die Kühe werden zudem oft um die Fleischqualität zu steigern zur Kreuzung herangezogen. Der ruhige Charakter und die Leichtkalbigkeit machen die Longhorns zu idealen Mutterkühen und überzeugen viele Züchter. Indem sie nun in Europa wieder einzogen, schließt sich ein Kreis.

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