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Schlachtbranche

Wir nehmen Tierschutz ernst

Dieser Artikel ist zuerst im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt erschienen.

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Rinderschlachthälften
© imago/blickwinkel
von , am
18.05.2017

München - In Schlachthöfen gibt es strenge Regelungen, die von mehreren Stellen überwacht werden. Trotzdem überschlagen sich die Medien mit Berichten über angebliche Verstöße. Ist dieses System so einfach zu hintergehen?

"Wir nehmen den Tierschutz sehr ernst“, meint Bettina Kraus, technisch-technologische Beraterin beim Fleischerverband Bayern auf Nachfrage des Wochenblattes. Der Fleischerverband Bayern veranstaltet deshalb zusammen mit dem Institut bsi Schwarzenbek (Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung) Sachkundeschulungen. Dieser Sachkundenachweis ist für alle Tätigkeiten erforderlich, die im Zusammenhang mit der Schlachtung durchgeführt werden, also z. B. für die Ruhigstellung von Tieren zum Zweck der Betäubung, Tötung oder die Bewertung der Wirksamkeit der Betäubung. Als zweites Element gibt es den sogenannten „Leitfaden Schlachten“. Dieser Leitfaden (Herausgeber und Verfasser DFV) dient als Standardarbeitsanweisung für alle Schlachtbetriebe. Als letzter Punkt, der zeigen soll, wie ernst der Tierschutz genommen wird, wurde nun in der Änderung der Ausbildungsverordnung „Fleischer“ das Thema Tierschutz noch weiter im Ausbildungs- und Rahmenlehrplan verstärkt. „Ebenso finden bei den handwerklichen Schlachtbetrieben einzelbetriebliche Beratungen statt“, erklärte Kraus.
Auch bei der Arbeitsgruppe Tierschutz des Verbandes der Fleischwirtschaft gibt es je einen Leitfaden über bewährte Verfahrensweisen für eine tierschutzgerechte Schlachtung von Schweinen und Rindern. Demnach sind die Schlachtunternehmen aufgefordert, die am jeweiligen Standort angewandten Arbeitsvorgänge systematisch und schriftlich zu erfassen.
Laut dem Leitfaden sollen die Tiere nach dem Eintreffen so schnell wie möglich abgeladen und ohne ungerechtfertigte Verzögerung geschlachtet werden. Tiere, die nicht direkt nach ihrer Ankunft zu den Schlachtplätzen geführt werden, sollen in den Wartebereich gebracht werden. Wenn sie nicht innerhalb von zwölf Stunden nach ihrem Eintreffen geschlachtet werden, müssen sie gefüttert und dann in regelmäßigen Abständen weiter mäßig mit Futter versorgt werden.

Elektrik nur wenn sonst nichts geht

Den Bereich für die Zuführung der Tiere zur Betäubung und Entblutung nennt man Zutrieb. Dieser Bereich ist laut Philipp Reiners vom Bayerischen Vieh- und Fleischhandelsverband beim Schlachthof in Fürstenfeldbruck baulich problematisch, weil v. a. bei den Rindern sehr enge Verhältnisse herrschen. Der Schlachthof Fürstenfeldbruck hat aufgrund von Vorwürfen seinen Betrieb Anfang Mai eingestellt (Wochenblatt 19/2017). Der dortige Treiber soll den Kühen den Schwanz eingedreht sowie elektrische Treibhilfen unnötig oft eingesetzt haben. Damit die Tiere nicht unnötig zögern, werden im Leitfaden der Arbeitsgruppe Tierschutz des Verbandes der Fleischwirtschaft mögliche Hindernisse beschrieben, die es zu beseitigen gilt, z. B. lose aufliegende Ladeklappen, starke Steigungen oder Gefälle, blendendes Licht, Verengungen oder schlagende Geräusche.
Im Leitfaden ist zum Treiben geregelt: „Die Treiber arbeiten unter Einsatz der Stimme (ruhig und gleichmäßig) und verwenden angepasste Treibhilfen (Treibschilde, Klatschen, Paddel, weiche Stöcke). Die Treiber setzen die Treibhilfen gezielt ein und vermeiden lautes, hektisches Treiben (z. B. andauerndes Schlagen gegen die Treibgangwände). Elektrische Treibhilfen werden weitestgehend vermieden (Einsatz nur im Bereich der Vereinzelung oder vor der Fixierungseinrichtung; sie werden erst angesetzt, wenn andere Treibhilfen nicht mehr zum Erfolg führen. Sie werden nur bei gesunden, unverletzten, ausgewachsenen Tieren (Schweine über vier Monate) eingesetzt und nur auf den Hintervierteln. Die Stromstöße dauern maximal eine Sekunde. Sie werden nicht wiederholt, wenn die Tiere nicht reagieren.)
„In Fürstenfeldbruck wurde ein vollkommen ungeeignetes Gerät verwendet. Die Fehlleistung des dortigen Mitarbeiters ist nicht zu rechtfertigen und allenfalls durch Überforderung zu erklären“, kritisiert Reiners. Für die Einhaltung der öffentlich-rechtlichen Vorschriften ist auch hier das örtliche Veterinäramt zuständig. Es gibt allerdings auch unangemeldete Sonderkontrollen beispielsweise durch die Regierung von Oberbayern, die sehr streng erfolgen.
Die Betäubung erfolgt in größeren Schlachthöfen meistens mit CO2, in kleineren Schlachthöfen – wie dem in Fürstenfeldbruck – in Form von Einzeltierbetäubung mit Bewegungseinschränkung. In den Leitlinien ist folgendes geregelt: „Die Bewegungseinschränkung zur Betäubung kann relativ locker erfolgen. Dabei hat der Kopf des Tieres oder das Tier selbst noch etwas Spiel zu Bewegungen, und der Betäuber muss sich Zeit nehmen, um den richtigen Moment zum Ansetzen des Betäubungsgerätes abwarten zu können. Bei hohen Schlachtgeschwindigkeiten, wenn diese Zeit nicht zur Verfügung steht, muss das Tier/der Kopf enger fixiert werden … Die Betäubungswirkung muss in jedem Fall so lange anhalten, bis die Tiere infolge der fortgeschrittenen Entblutung nicht mehr wiedererwachen können.“
Je nach dem Verhalten der Tiere kann man die Betäubung in „o.k.“ (sofortiges Zusammenbrechen mit gebeugten Beinen, Augapfel nach kurzem Wegdrehen starr mit geweiteter Pupille, keine Atmung), „fraglich“ (keine oder untypische Verkrampfung, Augapfel bewegt sich, 1 bis 3 Atemzüge (Maul, Brustkorb))oder „nicht o.k.“ (Tier stürzt nicht zusammen, richtet sich auf oder steht wieder auf, Tier zeigt gerichtete Bewegungen des Auges oder spontanen Lidschluss, vier und mehr Atemzüge oder Vokalisation).

Lieber nochmal nachschießen

Als „fraglich“ oder „nicht ok“ eingestufte Tiere werden laut Leitlinien nachgeschossen. Betäuber oder Entbluter sollen bei jedem Tier auf eine effektive Betäubung achten, solange bis keine Bewegungen mehr wahrzunehmen sind. Die übergeordnete Kontrolle der Betäubungswirkung erfolgt durch den Tierschutzbeauftragten oder eine von ihm beauftragte Person. „Die Frage, wann eine CO2-Betäubung sinnvoll ist, hängt vor allem an den baulichen Möglichkeiten. Es ist umstritten, welche Betäubung tierfreundlicher ist. Die Betäubung von Schweinen mit der Elektrozange ist tierschonend, wenn sie richtig ausgeführt wird“, erklärt Reiners.
Christian Kagerer von der  Landwirtschaftliche Qualitätssicherung Bayern GmbH meint, dass grundsätzlich der Tierschutzbeauftragte der Schlachtstätte für den Tierschutz zuständig ist. Dafür habe er eine Ausbildung absolviert. Bezüglich der gesetzlichen Normen des Fleischhygienerechts überprüfen amtliche Tierärzte stichproben- und risikoorientiert bei der Schlachttier- und bei der Fleischuntersuchung. Das Veterinäramt überprüft die amtlichen Tierärzte und die Schlachthöfe. Der Schlachthof in Fürstenfeldbruck wurde auch von staatlichen Kontrolleuren überprüft. Des Weiteren gibt es auch privatwirtschaftliche Kontrollen wie bei QS. Hier wird im Schwerpunkt die Herkunftserfassung mit der Rückverfolgbarkeit der Schlachttiere und zum Teil stichprobenartig die Betäubung und Schlachtung überprüft. Die Einhaltung der gesetzlichen Normen wird grundsätzlich von den amtlichen Tierärzten kontrolliert.

Tierschutz hat nichts mit dem Lohn zu tun

Den Vorwurf, dass in Schlachthöfen häufig billiges Personal im Akkord arbeiten muss, was Missstände fördere, kann Heike Harstick vom Verband der Fleischwirtschaft mit Sitz in Bonn nicht nachvollziehen und entgegnet: „Das ist ein uralter Vorwurf der nicht zutrifft. Zudem hat die Einhaltung von Tierschutzvorschriften und deren Kontrolle nichts mit Entlohnung zu tun.“
„Der Wert von 2/3 Betäubungsmängeln bei allen geschlachteten Tieren kann von uns nicht nachvollzogen werden. Uns liegen vielmehr Erkenntnisse vor, aus denen sich ergibt, dass eine ordnungsgemäße Betäubung die Regel ist und bei wenigen Ausnahmefällen in erster Linie falsches Personal und nur in zweiter Linie falsche Geräte zum Einsatz kommen“, meint Philipp Reiners.
Da Landwirte an ihren Tieren hängen und nicht möchten, dass sie qualvoll geschlachtet werden, gibt Reiners folgenden Tipp: „Wir empfehlen, dass die Landwirte mit ihren Viehkaufleuten darüber sprechen, zu welchem Schlachthof die Tiere verbracht werden. Der Viehkaufmann kann in der Regel darüber Auskunft geben, welche Maßgaben hinsichtlich des Tierschutzes beim jeweiligen Schlachthof vorliegen. Eine Faustregel, dass kleinere Schlachthöfe mehr Tierschutz praktizieren, ist nicht angebracht. Entscheidend ist neben der Verantwortlichkeit des Tierschutzbeauftragten vor allem auch die Einstellung der Schlachthofleitung zum Thema Tierschutz.“

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