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KTBL-Tagung

Nutztierhaltung: Steigende Fleischnachfrage und hohe Auflagen

Mastschweine in der Bucht
pd
am
04.04.2017

Berlin - Wie geht es weiter mit der Nutztierhaltung in Deutschland? Das war das Thema der KTBL-Tage 2017 in Berlin. Referenten zeigten Lösungsansätze für die Produktion auf regionalen, nationalen und globalisierten Märkten auf.

„Es wird weiter Veränderungen geben, diese sind aber nicht das Ende der Tierhaltung“, stellte Sven Guericke, COO Big Dutchman, fest. „Wie ernähren wir die Welt?“, laute die Kernfrage, um die sich alles drehe. Eine steigende Weltbevölkerung hat einen steigenden Eiweißbedarf zur Folge. Bis 2050 rechnet die Welternährungsorganisation FAO mit einem Anstieg um 70 %. Die Nahrungsmittelproduktion wurde in den letzten Jahrzehnten enorm gesteigert, das Ergebnis sind steigende Nachfrage und weiter- wachsende Märkte, erläuterte Guericke.

Die prognostizierten Wachstumsraten für den Schweinefleischverzehr seien beispielsweise für China, Ostasien, die Ukraine und Brasilien steigend. Während aber China seine Schweinefleischproduktion etwa nach Afrika und Südostasien auslagere, investiere Russland vermehrt in den Ausbau der inländischen Schweinehaltung, erklärte Guericke. Gleichwohl werde Deutschland in Zukunft nicht mehr Exportweltmeister sein, prognostizierte er. „Gesellschaftliche Veränderungen werden weiterhin die Wettbewerbsfähigkeit ein- schränken“, sagte er, die Rückverfolgbarkeit sei dagegen ein Pfund, mit dem es zu wuchern gelte. Ob sich der Fokus künftig neben Geflügel und Schweinen auch auf andere Eiweißquellen wie Insekten-Protein oder maritimen Eiweißquellen richte, sei eine spannende Zukunftsfrage.

Erheblicher Strukturwandel

Den Strukturwandel in der Nutztierhaltung in Deutschland beleuchtete Peter Spandau, Leiter Unternehmensberatung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: Die Zahl der Milchkühe hat seit 1997 um etwa 20 % abgenommen. Um 60 % deutlicher gesunken ist hingegen die Zahl der Milchviehhalter. Dramatisch ist die Entwicklung in der Ferkelerzeugung. Seit 1999 hat sich der Bestand von fast 2,7 Mio. Sauen auf wenig mehr als 1,9 Mio. Sauen reduziert. Die Zahl der Sauenhalter ist dabei von knapp 64.000 auf 9.000 zurückgegangen. Etwa 10-15 % der in Deutschland gemästeten Schweine stammen inzwischen von importierten Ferkeln. „Bei der Bewertung dieser Zahlen müssen wir immer im Hinterkopf haben, dass hinter den Viehbeständen Menschen stehen, die auf ihren Höfen mit der Nutztierhaltung den Lebens- unterhalt für ihre Familien erwirtschaften müssen“, betonte Spandau. Im Mittel sei die wirtschaftliche Entwicklung der Haupterwerbsbetriebe in den letzten 20 Jahren sehr verhalten gewesen. „Nur durch den erheblichen Anstieg in den produktionstechnischen Leistungen und einen massiven, einzelbetrieblichen Bestandsaufbau waren die Betriebe in der Lage, das Familieneinkommen zu sichern. Dabei stehen die Ferkelerzeuger wirtschaftlich am stärksten unter Druck, während die Schweinemast insgesamt eine positive Entwicklung verzeichnen kann. Künftige Tierwohlmaßnahmen und die Novelle der TA Luft werden die Nutztierhaltung in Deutschland weiter beeinflussen, erklärte Spandau. Diese Maßnahmen seien aber nicht zum Nulltarif zu bekommen, so der Berater. Ein Direktzahlungssystem könnte sich an das Vergütungsverfahren anlehnen, das derzeit im Rahmen der „Initiative Tierwohl“ praktiziert wird. Eine Vergütung der Maßnahmen ausschließlich über höhere Produktpreise scheint hingegen bei den derzeitigen Marktbedingungen eher unrealistisch zu sein, stellte Spandau fest.

Abnahmeverträge zu gesicherten Preisen für Öko-Produkte

Die Markt- und Einkommenspotenziale der ökologischen Tierhaltung waren das Thema von Naturland-Berater Jürgen Herrle. Der Öko-Markt wachse fast jedes Jahr im zweistelligen Bereich. 2016 wurden in Deutschland 9,5 Mrd. Euro mit Öko- Lebensmitteln umgesetzt. Spitzenreiter sind die Eier mit 11,7 %, gefolgt von 6,8 % bei Konsummilch. Fleisch- und Wurstwaren hinken dagegen mit 1,3–1,8 % hinter- her, Geflügel und Tiefkühlfleisch haben hier den stärksten Anteil. „Mit steigendem Marktanteil wird die Nachfrage nach Fleischwaren weiter steigen“, ist sich Herrle sicher. Während bei den konventionellen Betrieben bei tierischen Produkten hohe Preisschwankungen zu verzeichnen seien, sei der Preis für Öko-Produkte deutlich stabiler, erklärte der Berater. Doch auch wenn in Deutschland die Produktion hinter dem Absatz herhinke, so sei eine dem Markt nicht angepasste Umstellung von Be- trieben nicht zu raten, denn sie würde sich verheerend auf den Öko-Markt auswir- ken. „Wenn in Deutschland die Umstellung unterstützt werden soll, muss man den europäischen Ökomarkt im Blick behalten“, erklärte Herrle, „da die Landwirte in an- deren europäischen Ländern oft schneller auf Marktveränderungen reagieren können.“ Erfolgversprechend sei deshalb eine Umstellung nur mit garantierten langjährigen Abnahmeverträgen zu gesicherten Preisen.

Nationale Nutztierstrategie

„Die Tierhaltungsbetriebe stehen zunehmend vor der Herausforderung, in der Bevölkerung und in der Nachbarschaft Akzeptanz zu finden. Sie sollen ihre Tiere in emissionsarmen und zugleich möglichst tiergerechten Ställen halten, wenn sie sich weiterentwickeln wollen“, stellte Ewald Grimm vom Team Tierhaltung, Standortent- wicklung, Immissionsschutz im KTBL fest. Darüber hinaus müssen sie steigende Anforderungen von EU-Richtlinien wie NERC, NEC und IED sowie die Ansprüche der TA Luft erfüllen. Die Umsetzung der Immissionsvorgaben sei für die Betriebe mit großen Kosten verbunden, die bisher nicht durch höhere Erzeugerpreise kompensiert werden. Dabei seien die Strukturen in der Nutztierhaltung nicht einheitlich, es gibt eine regionale Konzentration, so Grimm, ein integrativer Ansatz zur Lösungsbewältigung in einer nationalen Nutztierstrategie in der das Zusammenwirken der verschiedenen Rechtsbereiche analysiert werde, dränge sich daher förmlich auf.

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