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Weidemyopathie

Pferde - Tod durch Ahornsamen

Pferde Weidemyopathie
Iris Müller Klein Fachanwältin für Medizinrecht, Schwarme
am
27.11.2017

Es ist gefährlich Pferde in der Nähe von Ahornbäumen grasen zu lassen. Fressen die Tiere die Samen und Keimlinge können sie an einer Vergiftung sterben.

Der Stallbetreiber kann dazu verurteilt werden, den Wert des Pferdes zu ersetzen.

Jeder Pferdehalter hat schon einmal von der atypischen Weidemyopathie gehört. Verschiedene Studien gehen davon aus, dass alleine in den Jahren 2000 bis 2008 weltweit mindestens 750 Pferde dieser Krankheit zum Opfer gefallen sind. Der größte zeitlich begrenzte Ausbruch in Deutschland fand im Herbst 1995 statt. Diesen haben 111 von 115 erkrankten Pferde nicht überlebt.

Derzeit muss sich das Landgericht Frankfurt am Main mit einem Rechtsstreit befassen, in dem ein Pferd an einer atypischen Weidemyopathie in einem Pferde-Aufzuchtbetrieb zu Tode gekommen ist. Dem lag der folgende Sachverhalt zu Grunde: Im vergangenen Dezember starben zwei Pferde infolge atypischer Weidemyopathie, die beide in einem Pensionsstall zur Aufzucht untergebracht waren. Die Pferde standen ganztägig auf einem Auslauf, hinter einer  angrenzenden Hecke befand sich ein Ahornbaum. Das erste Pferd erkrankte und verstarb. Wenige Tage später zeigte auch das zweite Pferd entsprechende Symptome.

Keine Chance auf Rettung des Pferdes

Pferde auf Weide

Nach Auffassung des sofort hinzugezogenen Tierarztes bestand keine Chance auf Rettung des Pferdes, weshalb es eingeschläfert wurde. Das Pferd wurde in der Pathologie in der Justus-Liebig-Universität Gießen untersucht. Dort kam man zu dem Ergebnis, dass höchstwahrscheinlich eine Erkrankung an atypischer Weidemyopathie vorlag. Nach Auffassung der Pathologen handelte sich um ein Anfangsstadium der Erkrankung.

Die Eigentümerin des Pferdes machte daraufhin Schadensersatzansprüche wegen des Verlustes des Pferdes und der tierärztlichen Behandlung gegenüber dem Pensionsstallbetreiber geltend. Dieser unterhielt eine Obhutsschadenversicherung, die er umgehend informierte. 

Die Versicherung lehnte ihre Eintrittspflicht mit der Begründung ab, dass es für den Stallbetreiber nicht erkennbar gewesen sei, dass der Ahornbaum und hier speziell dessen Samen für Pferde eine Gefahr darstelle. Es wurde lediglich eine kleine Summe als Vergleichszahlung angeboten, da der Stallbetreiber eine Entschädigung der Pferdeeigentümerin wünschte.

Dem Stallbesitzer war der Vorfall nämlich höchst unangenehm. Außerdem war er der Meinung, dass er gerade für so einen Fall die nicht gerade günstige Versicherung unterhält.

Nach herrschender Auffassung in der Rechtsprechung stellt ein derartiger Pferde-Einstellvertrag, in dem sich ein Pferd zur Aufzucht in einem Betrieb befindet, einen entgeltlichen Verwahrvertrag dar. Dies gilt auch für den reinen Viehgräsungsvertrag, wenn man sein Pferd also 24 Stunden in den Sommermonaten in die Weidehaltung gibt. Die rechtlichen Folgen sind nicht unerheblich.

Eine mit dem entgeltlichen Verwahrungsvertrag verbunden Pflichten ist es, den in die Verwahrung gegebenen Gegenstand in dem Zustand herauszugeben, wie man ihn erhalten hat. Der Verwahrer (also der Pensionsstallbetreiber) ist verpflichtet nachzuweisen, dass die Unmöglichkeit der Herausgabe des Pferdes ohne sein Verschulden unmöglich geworden ist.

Stallbetreiber muss Nachweis führen

Pferde auf Koppel

Der Stallbetreiber muss sich also entlasten. Er muss den Nachweis führen, dass ihm oder seinen Angestellten keine Sorgfaltspflichtverletzung zur Last zu legen ist.

Da inzwischen in sämtlichen Pferde-Zeitschriften (auch für tiermedizinische Laien) in den letzten Jahren Berichte darüber erschienen sind, dass man die Ursache der atypischen Weidemyopathie gefunden hat, nämlich den Samen des Bergahornbaumes, dürfte in diesem Fall sehr fraglich sein, ob eine Entlastung des Stallbetreibers erfolgen kann. Denn wenn bekannt ist, dass der Samen des Ahornbaumes die atypische Weidemyopathie auslösen kann, dann muss der Stallbetreiber Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, beispielsweise den Baum weitläufig absperren, so dass die Samen nicht von den Pferden aufgenommen werden können.

Derlei war hier nicht geschehen. Vielmehr kam sogar wenige Tage später auch ein zweites Pferd zu Tode, mit identischen Symptomen.

Die rechtliche Frage wird sich also maßgeblich darum drehen, ob ein Pferde-Pensionsbetrieb entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen muss, wenn ein Ahornbaum an oder auf den Weiden steht, auf denen sich die Pensionspferde befinden. Dabei wird das Gericht auch zu entscheiden haben, ob der Inhaber eines Pferde-Pensionsbetriebes wissen muss, dass von den Samen des Ahornbaumes insbesondere in der Herbst-/Winterzeit und im Frühjahr Lebensgefahr für die Pferde droht. Diese Frage wird voraussichtlich durch einen Sachverständigen entschieden werden.

Wissen bekannt

In der Fachliteratur wurde gerade in den letzten Jahren viel über die atypische Weidemyopathie und deren Ursache publiziert. Ich gehe daher davon aus, dass man unterstellen muss, dass ein Pferde-Pensionsbetrieb sich entsprechend informiert und dafür Sorge trägt, dass Giftpflanzen generell auf dem für Pferde zugänglichen Areal nicht vorhanden sind. Hier ist meines Erachtens nach zu fordern, dass regelmäßige Kon­trollen stattfinden und die Angestellten entsprechend geschult sind, Giftpflanzen jeder Art zu erkennen und fachgerecht zu eleminieren.

Die hinter dem Stallbetreiber stehende Haftpflichtversicherung hatte ihre ablehnende Haltung auch damit begründet, dass bis heute nicht erwiesen sei, dass der Samen des Ahorns Ursache der atypischen Weidemyopathie sei.

Außerdem seien schon Generationen von Pferden auf den Weiden in unmittelbarer Nähe des Ahornbaumes großgeworden, ohne dass es zu Vergiftungserscheinungen gekommen sei. Auch dies spreche dagegen, dass der Samen des Ahorns Ursache für die atypische Weidemyopathie sei. Der Pferde-Eigentümerin blieb daher nur die Klage.

Sofern auch in diesem Verfahren bestritten wird, dass Ursache der atypischen Weidemyopathie der Samen des Ahornbaumes ist, wird dazu ein Sachverständigengutachten eingeholt werden müssen. Schenkt man den vielfachen Publikationen der letzten Jahre Glauben, dürfte daran kein Zweifel mehr bestehen, im Ergebnis wird dies aber ein tiermedizinischer Sachverständiger klären müssen.

Auch wird der Pathologiebericht des verstorbenen Pferdes vom Sachverständigen ausgewertet werden müssen. Erst wenn wirklich feststeht, dass das streitgegenständliche Pferd an atypischer Weidemyopathie verstorben ist und Ursache der atypischen Weidemyopathie der Samen des Ahornbaumes ist, kommt es im nächsten Schritt zur Klärung der Frage ob der Betreiber des Pensionsbetrieb dies hätte wissen und entsprechende Vorkehrungen hätte treffen müssen.

Giftpflanzen möglichst schnell entfernen

Pferde Winter

Jedem Pensionsstallbetreiber sollte die Pferdeweiden regelmäßig auf Giftpflanzen untersuchen und diese zeitnah entfernen. Im Hinblick auf die vielfachen Publikationen und Studien ist es ratsam, Ahornbäume für die Pferde unzugänglich und auch weitläufig abzusperren.

Kommt es dennoch zu entsprechenden Todesfällen, sollte man als Tierhalter unbedingt das Pferd obduzieren lassen. Denn im Streitfall muss man den Nachweis führen, dass tatsächlich die atypische Weidemyopathie bei dem verstorbenen Pferd vorgelegen hat und Ursache für eine Euthanasie oder das Versterben war. Kann man als Tierhalter nicht den Nachweis führen, woran das Pferd verstorben ist, kann dies im Streitfall zu erheblichen Beweisproblemen führen.

Ist die Hürde geschafft, nämlich der Nachweis, dass die Todesursache die atypische Weidemyopathie ist und sieht das Gericht zusätzlich eine Haftung des Stallbetreibers, sind von diesem sowohl die Kosten für die tierärztliche Heilbehandlung zu tragen als auch der Wert des Pferdes zu ersetzen.

Um den Wert zu ermitteln wird durch die Gerichte in der Regel ein öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung eingeschaltet. Dieser ermittelt dann den Marktwert des Pferdes zum Zeitpunkt des Versterbens. Dies erfolgt unter anderem anhand der Abstammung, der Sportleistung, des Gesundheitszustandes sowie des Ausbildungsstandes.

Es wird der Wert ersetzt, den das Pferd zum Zeitpunkt seines Versterbens im Falle eines Verkaufes realistisch am Markt gehabt hätte. Um diesen zu ermitteln werden in der Regel Vergleichspferde herangezogen, die vom Alter, Ausbildungsstand, Abstammung etc. geeignet sind. Je nach Pferd können zum Vergleich die Ergebnisse der Auktionen der Zuchtverbände hinzugezogen werden, aber auch Verkaufsanzeigen in den entsprechenden Medien.

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