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Betriebsentwicklung

Praxis muss man einsaugen

Schießl
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
09.03.2017

Lengenfeld - Familie Schießl rüstet ihren Betrieb für die Zukunft und stellte diesen bewusst auf mehrere Standbeine, von der traditionellen Milchwirtschaft über mobile Legehennenhaltung und seltene Mutterkühe bis hin zur Ferienwohnung.

Eines steht fest, an Ideen mangelt es dem jungen Betriebsleiterehepaar auf dem Betrieb Schießl in Lengenfeld bei Oberostendorf im Landkreis Ostallgäu nicht. Hier findet man das, was man im Volksmund wohl unter einem modernen und gut aufgestellten, bayerischen Familienbetrieb versteht. Dabei ist der Betriebsleiter Andreas selbst gar kein Bauernsohn. Sein Vater betreibt ein Bauunternehmen, und als gelernter Koch und Maurer ist der gebürtige Bronner in der Landwirtschaft ein totaler Quereinsteiger. Allerdings war ihm die Leidenschaft für die Tierhaltung schon in die Wiege gelegt. Der Opa hatte selbst noch Kühe gemolken und Andreas hat auch immer Kleintiere gehalten, bis er schließlich mit Grauvieh Sandra 2007 seine erste eigene Kuh kaufte. Für sie pachtete er damals sogar einen Stall. Heute ist daraus eine kleine Mutterkuhherde gewachsen.
Seine Begeisterung für die Landwirtschaft wuchs weiter, auch oder gerade in der Beziehung mit seiner Carolin. Beide mussten gemeinsam einen schweren familiären Schicksalsschlag meistern. Doch das schweißte sie erst recht zusammen. Den Betrieb übernahmen sie schließlich im Jahr 2013 von den Schwiegereltern Alfred und Marianne. Seither entwickeln sie von Tag zu Tag mit großem Einsatz und Ideenreichtum das Betriebskonzept weiter und möchten,  gerade im Hinblick auf die derzeit schwierige wirtschaftliche Lage, den Betrieb auf ein breites, vielseitiges Fundament stellen.

Ziel: Kreislaufwirtschaft

„Für uns ist nicht das Wachstum entscheidend. Unser Ziel ist vielmehr eine ausgeglichene Kreislaufwirtschaft am Hof“, schildert der 30-jährige Betriebsleiter. Die Viehzahl müsse zur Fläche passen. Zu den 25 ha Grünland  bauen Schießls auf 15 ha Acker noch Winterweizen und -gerste sowie Silomais an. Rapsschrot und Zuckerschnitzel kauft man zu. „Unsere Erzeugnisse kommen wiederum unseren Tieren zugute“, sagt Schießl, der zudem auf die hohe Qualität des eigenen Grünfutters setzt, das in der Futtertrocknung in Ketterschwang nochmals aufgewertet wird.
Den Laufstall für das Milchvieh baute Seniorchef Alfred schon 1978. „Damals war das eine Sensation in ganz Südbayern. Etwa 50 Busse kamen an den Hof um den neuen Vorzeigestall mit neuester Technik zu besichtigen“, wie Andreas berichtet. Heute ist der Stall natürlich schon längst in die Jahre gekommen, erfüllt aber immer noch seinen Zweck. Denn die baulichen Maßnahmen, die inzwischen anstanden, dienten vor allem der Optimierung des Tierwohls. So erfolgte beispielsweise die Anpassung der Liegeboxen auf 1,80 m,
die Nasenrohre wurden rausgenommen, das Fressgitter erhöht, der Spaltenboden aufgeraut und Gummiboden im Melkstand verlegt. „Wir versuchen immer das Beste für unsere Tiere herauszuholen. Dazu gehört auch eine regelmäßige Klauenpflege und zwar dreimal im Jahr. Schießl hat auch die Separation der Gülle zum Einstreuen der Liegeboxen ausprobiert. „Das hat mir gut gefallen und kommt unserem Kreislaufdenken zugute, weil wir Stroh einsparen können und weniger Gülle auf die Fläche fahren müssen“, sagt er.

Ziel: Lebensleistung

„Wir wollen die durchschnittliche Lebensleistung unserer Kühe auf 30 000 kg steigern“, betont Schießl. Momentan bewege man sich um die 22 000 kg. Ist das schon ein beachtlicher Schritt, wenn man bedenkt, dass man vor fünf Jahren mit 14 000 kg begonnen hat. „Wenn man mit Fleckvieh 9000 kg melken will, dann muss man einfach dahinter sein. Ich füttere meine Herde so, dass das stimmt, was rauskommt beziehungsweise das, was in den Milchtank fließt. Soll heißen die Milchinhaltsstoffe sollten mindestens 4,2 Prozent Fett und über 3,6 Prozent Eiweiß erreichen, bei Zellzahl um die 150000 und Harnstoff unter 250 Milligramm pro Liter.“
Die Kälber werden seit drei Jahren, nach der ersten Versorgung mit Biestmilch, mit einer Ad-libitum-Sauertränke versorgt. „Früher hatten wir mehr Probleme mit Durchfall. Das ist viel besser geworden. Zudem erreichen wir höhere tägliche Zunahmen und können die Tiere früher verkaufen. Außerdem wollten wir weg vom Milchaustauscher, denn der passt nicht zu unserem Kreislaufdenken“, erklärt der junge Landwirt.

Ziel: Wertschöpfung

In den betrieblichen Kreislauf passen auch die Hühnermobile hervorragend. „Das erste haben wir uns im Oktober vergangenen Jahres angeschafft. Das zweite kam dann vor ein paar Wochen“, erzählt Andreas, der schon immer Hühner am Hof wollte. Hinzu kommt, dass ihm und seiner Frau Carolin das Vermarkten der Eier viel Spass macht. „Wir haben ein eigenes Glücks-Ei-Konzept entwickelt, das gut bei den Kunden ankommt“, erklärt Carolin. Bei den Eiern funktioniere die Direktvermarktung einfach noch. „Denn wir wollen produzieren und als Produzenten auch den Preis unser Qualitätsprodukte mitbestimmen“, betont das junge Betriebsleiterehepaar. Auch bei ihren zwei neuen Ferienwohnungen, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet sind, kann Familie Schießl diese Wertschöpfung und Wertschätzung erfahren.
„Man muss sich immer fragen was geht? Und nicht fragen was geht nicht!“ so Schießl, für den die Ausbildung an der Technikerschule in Landsberg eine prägende Zeit war. So verwundert es nicht, dass auch er den jungen Auszubildenden einige Gedankenanstöße mit auf ihren beruflichen Weg geben möchte (siehe Kasten). „Die Praxis muss man einfach einsaugen“, so Schießl, dann profitiere man auch für den eigenen Betrieb.

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