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BBV-Fachausschuss

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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
27.10.2016

München - Stalleinbrüche durch sogenannte Tierschützer, Ferkelkastration und die Schlachtung hochträchtiger Rinder waren einige der Themen der jüngsten Sitzung des BBV-Fachausschusses tierische Erzeugung und Vermarktung.

BBV-Fachausschuss

Bestürzt über die Fälle von Stalleinbrüchen durch sogenannte Tierschützer waren die Teilnehmer der jüngsten Sitzung des Landesfachausschusses tierische Erzeugung und Vermarktung am 14. Oktober im BBV-Generalsekretariat. Der letzte bekannte Fall geschah Ende September auf dem Betrieb Kirchmaier in Maitenbeth, Lks. Mühldorf. Einig waren sich die Mitglieder des BBV-Landesfachausschusses darin, dass es in jedem Stall auch mal weniger schöne Bilder geben kann. Das Problem sei allerdings, dass hier pauschaliert wird und Kampagnen gefahren werden, ohne dass diese Tierrechtler beachten, was sie damit an Schaden verursachen. So kamen auf dem Betrieb Kirchmaier einige Puten aufgrund des Einbruchs ums Leben und viele waren verletzt. Die Ausschuss-Mitglieder forderten, dass die Branche sich für derartige Fälle besser aufstellen müsste.

Zählt der Einbruch denn gar nicht?

„In was für einem Rechtsstaat leben wir?“, fragte Vorsitzender Gerhard Stadler, der sich wunderte, dass hier am wenigsten über den Einbruch an sich geredet wird. Wenn jemand vermutet, dass auf einem landwirtschaftlichen Betrieb tierschutzwidrig gearbeitet wird, könne er beim Veterinäramt Anzeige erstatten. Es dürfe doch nicht sein, dass Einbruch in diesem Fall rechtmäßig ist. BBV-Präsident Walter Heidl ergänzte: „Es hat nichts mit Tierschutz zu tun, Bilder ein Jahr lang aufzuheben und dann rauszuholen, wenn es gerade medienwirksam ist. Damit verstoßen die Tierrechtler gegen den Tierschutz.“ Skandalös sei, dass die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) als gemeinnützig anerkannt ist und deshalb bei Behörden alle Unterlagen bekommt. Dadurch liegen der Organisation Baupläne etc. vor und sie wissen genau, wo sich im Stallgebäude was befindet. Immerhin hat das Landgericht Hamburg am 11. Oktober in einer einstweiligen Verfügung gegen den NDR entschieden, dass der Sender die unrechtmäßig auf dem Betrieb von Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, gemachten Bilder und Videos nicht weiter verbreiten darf.
Trotz aller berechtigter Emotionen sei es jetzt wichtig, mit den Vorfällen nüchtern umzugehen, sie zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. „Dieses Thema soll im nächsten Landesfachausschuss detailliert behandelt werden“, versprach Stadler.
Ein weiteres Thema, das den Ausschuss beschäftigte, ist das von der Politik geplante staatliche Tierwohl-Label. Diesem Ansatz steht der Ausschuss sehr reserviert gegenüber, weil zu befürchten ist, dass dadurch bisherige freiwillige Tierwohlverbesserungen (z. B. Initiative Tierwohl) so verwässert werden, dass sie dem Wettbewerb zum Opfer fallen und nicht honoriert werden. Nach intensiver Diskussion entschied sich der Ausschuss dafür, die Entwicklung aufmerksam und kritisch zu begleiten.

Dammbruch durch Genom Editierung

Hornloses Braunvieh, Ödemkrankheit bei Ferkeln, stabil größere Würfe beim Schwein – Themen, die aktuell in der Diskussion sind. Lösungen könnte die Genom Editierung bieten. Die Chance, dass die Bevölkerung diese Technik akzeptiert, wäre jetzt da, meinte Prof. Ruedi Fries. Der Wissenschaftler von der TU München-Weihenstephan erklärte, was sich hinter der Genom Editierung verbirgt: „In jüngster Zeit wurden neue Techniken entwickelt, mit denen gezielt Gene an- und abgeschaltet werden können. Diese Techniken erlauben es, Abschnitte in der DNS präzise zu variieren, ohne die übrigen Eigenschaften des Organismus zu verändern.“ Die rasante Entwicklung dieser neuen Technologie lasse allerdings derzeit noch viele Fragen offen und der Handlungsdruck sei groß. Denn es gebe international  bereits erste Anwendungen, die eine technologische Führerschaft bei international tätigen Großunternehmen begünstigen.
Diese Entwicklung schreitet trotz unklarer Rechtslage in Europa und fehlender ethischer Einordnung rasant voran. Es besteht daher großer Bedarf, die Methode, deren Anwendungsgebiete und die Auswirkungen besser kennenzulernen. Mögliche Risiken und Nebeneffekte müssen untersucht und unter ökonomischen und ethischen Gesichtspunkten sowie im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit analysiert werden. Heidl plädierte dafür zu forschen: „Es ist hilfreich, wenn wir die Kompetenz in München haben, um beurteilen zu können, was in der restlichen Welt passiert. Es nützt nichts, wenn wir uns künstlich dumm halten.“
Über die Schlachtung hochträchtiger Säugetiere sprach Janne Richelsen, BBV-Referentin für Tiergesundheit, Tierhaltung und Vermarktungsfragen. Eigentlich handelt es sich um ein Randthema, denn es betrifft bei den Rindern laut einer Auswertung an bayerischen und baden-württembergischen Schlachthöfen nur 0,6 % der in Bayern geschlachteten weiblichen Rinder. Dennoch hat dieses Thema Brisanz, denn es kann wieder benutzt werden, um Tierhalter in Verruf zu bringen. Derzeit liegt bei den Regierungsfraktionen in Berlin ein Entwurf zur Änderung des Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetzes vor. Demnach soll die Abgabe hochträchtiger „Säugetiere“ zum Zweck der Schlachtung verboten werden, mit Ausnahme aus Tierseuchengründen.
Die Frage ist, wer verantwortlich dafür ist, wenn ein hochträchtiges Tier zum Schlachter gebracht wurde. Denn trotz Trächtigkeitsuntersuchungen kann es durchaus zu Fehldiagnosen kommen. Richelsen berichtete, dass von 602 Fällen mit Trächtigkeitsuntersuchung bei 191 (31,73 %) eine „Nichtträchtig-Diagnose“ gestellt wurde. Sicherer ist die Trächtigkeit durch die Untersuchung von Milch und Blut auf sogenannte PAG nachzuweisen. Ist die Kuh trächtig, können von der Gebärmutter gebildete Glycoproteine (PAG) nachgewiesen werden. Der Test wird zum Beispiel vom TGD Bayern (Blut) sowie dem Milchprüfring und dem LKV (Milch) angeboten. Der Milchtest kann im Rahmen der Milchleistungsprüfung durchgeführt werden.
Die Trächtigkeitsuntersuchung geht zu Kosten des Landwirts, was vor allem für die Besitzer von Schafen und Ziegen zu einer sehr hohen Belastung führt.

Es gibt keine 100 % Schmerzausschaltung

Aktuelle Infos zur Ferkelkastration gab Johann Ertl, Referent für Tierhaltung und Tierschutz. Im Sommer 2015 hatten Aldi und Rewe angekündigt ab 1. Januar 2017 unter den Eigenmarken nur noch Frischfleisch von nicht oder nur unter Betäubung kastrierten Schweinen zu verkaufen. Das setzt die Erzeuger unter Druck. Zudem fordert das Bundeslandwirtschaftsministerium eine 100%ige Schmerzausschaltung, was nach Meinung des BBV nicht im Gesetz begründet ist. Und die Narkose bereitet ja auch Schmerzen. Zudem wachen  nicht alle Ferkel danach wieder auf, andere schlafen bis zu vier Stunden nach. Das hat gravierende Folgen, denn ein Ferkel muss in den ersten Tagen alle 20 Minuten saufen. Zudem bekommt die Sau dadurch einen Milchstau. Bis Ende Oktober soll eine Studie zur Folgenabschätzung für Süddeutschland durch die Landesanstalten in Bayern und Baden-Württemberg vorliegen. Bis Mitte November soll außerdem ein Rechtsgutachten fertiggestellt sein, das vom BBV und weiteren Akteuren der Branche in Bayern in Auftrag gegeben wurde. Es soll die vielen noch offenen rechtlichen Fragen klären.
Dass es weiterhin viel für den Ausschuss zu tun gibt, zeigt auch die Forderung von Gerhard Stadler: „Man merkt, dass die anderen Landesverbände froh sind, dass wir so hartnäckig sind. Wir brauchen eine Lösung außer Immunokastration und Ebermast, wenn wir keine Marktanteile verlieren und unsere Strukturen erhalten wollen.“

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