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Postfaktisch

Schizophrenie

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Max Riesberg, Wochenblatt
am
03.08.2017

München - Die Sommerzeit ist Hochsaison, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern vor allem auch bei den Erholungssuchenden: den Wanderern, Mountain- und E-bikern sowie Feriengästen und Touristen. Sie strömen in die Natur und ganz besonders gerne in die Berge. Gerade dort ist der Fremdenverkehr über Jahrzehnte gewachsen, meist auch wegen der landwirtschaftlichen Pionierarbeit.

Max Riesberg

Doch in einer Welt, in der ein Großteil der Gesellschaft zwar die Vorzüge und die Schönheit dessen auskosten will, was die Bauern vor allem mit der Viehwirtschaft geschaffen haben, wendet man sich andererseits speziell von der Tierhaltung mehr und mehr ab. Diese Schizophrenie ist bezeichnend für unsere Gesellschaft und wird gerne mit dem Begriff „postfaktisch“ beschrieben. Die Ausmaße des Ausblendens von Fakten ist für die bäuerliche Lebens- und Arbeitsweise jedoch verheerend.

Ein Beispiel: Vor wenigen Wochen stellte die Landwirtschaftskammer Tirol einen Aufklärungsfilm vor unter dem Motto: „Die Alm ist kein Streichelzoo“. Grund dafür sind wiederholte Zusammenstöße von Erholungssuchenden mit Alm- und Weidevieh, leider vereinzelt sogar mit tödlichem Ausgang. Der Mensch hat sich so sehr von der Natur entfernt, dass er nicht mehr weiß, wie er sich draußen richtig zu verhalten hat.

Einige Zeitgenossen wünschen sich andererseits, dass der Wolf wieder durch deutsche Wälder streift – was ohnehin schon der Fall ist. Doch was das für die Personen und Tiere bedeutet, die mit ihm leben müssen, kann sich scheinbar nicht einmal das zuständige Bundesministerium vorstellen. Die Katastrophe ist vorprogrammiert. Die Indizien dafür, dass die Weidewirtschaft in unseren kleinstrukturierten Landschaften mit großen Beutegreifern nicht möglich ist, sprechen Klartext. Die vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen klingen wie blanker Hohn. Bauern und Hobbyzüchter werden es sich überlegen, dann noch Tiere zu halten.

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