Login
Tierseuchen

Schweinepest: Da drohen lange Sperrzeiten

Fritz Arnold
am
24.10.2017

Allein schon ein Seuchenbefall bei einem Wildschwein könnte eine Sperre von Exporten in Drittländer bewirken.

Für die Problematik der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ist die gesamte Bevölkerung zu sensibilisieren. Denn die Einschleppung kann über Reisegruppen, Arbeitskräfte aus dem Osten, den Frachtverkehr, aber auch durch den Jagdtourismus über das Mitbringen von Jagdtrophäen erfolgen. Stephan Neher, Vorsitzender der Ringgemeinschaft aus der Fleischbranche, mahnte auf einer Veranstaltung Ende September in Herrieden-Schernberg im Landkreis Ansbach zu allergrößter Vorsicht. Denn sobald ein infiziertes Wildschwein in Deutschland festgestellt wird, könnte dies das Ende der Schweinehaltung in dieser Region bedeuten. Denn Sperrzeiten bis zu zwei Jahren würde kein Betrieb aushalten.

Bedrohlicher als andere Seuchen

Dr. Norbert Rehm vom Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz erläuterte, dass ASP weitaus bedrohlicher sei als andere Schweineseuchen, auch wenn davon der Mensch nicht betroffen werde. Zunächst sei die Erkrankung in Europa und Sardinien und im Kaukasus aufgetreten. 2014 hätten russische Soldaten die Erreger im Weihnachtsurlaub aus Georgien in das Gebiet von Petersburg eingeschleppt.

Inzwischen seien die baltischen Länder massiv betroffen. Polen habe an der Grenze zu Weißrussland Desinfektionsschleusen eingerichtet, die Fahrzeuge zu durchfahren hätten. In Polen ist die Virusinfektion erstmals in einem Krankenhaus einer Kleinstadt aufgetreten, berichtete Rehm. Es habe sich herausgestellt, dass das Virus über Reinigungspersonal aus dem Osten hierher gelangt sei und über in den Wald geworfene Essensreste Wildschweine angesteckt wurden. Inzwischen hat die Seuche den weiten Sprung ins Grenzgebiet von Tschechien und der Slowakei geschafft. Hierher gelangten die Erreger über Arbeitskräfte aus der Ukraine.

Schonzeiten aufgehoben

Rehm berichtete, dass die Tschechen ganz konsequent vorgehen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Es wurde ein „gefährdeter Bezirk“ von mehr als 1.000 km² sowie eine „Pufferzone“ von 15.000 km² festgelegt, was der doppelten Größe von Mittelfranken entspricht. Von hier dürfen nicht nur keine Haus- und   Wildschweine nach außerhalb gebracht werden. Vor allem werden die Wildschweine konsequent abgeschossen. Dem Ziel die Seuche wieder auszurotten, werden dabei alle jagdlichen Grundsätze wie Schonzeiten oder keine führenden Bachen zu erlegen, aufgehoben.

Auch die Polizei hilft beim Abschuss, der von außen her nach innen erfolgt, damit keine Tiere aus dem gefährdeten Bezirk heraus kommen. So sei es dort gelungen, 90 % der Wildschweine zu erlegen. Sollte bei uns ein Fall auftreten, würde auch hier der Seuchenschutz ganz konsequent vor jagdlichen Vorschriften gehen, sagte der Sprecher des Umweltministeriums.
Gegen die ASP gibt es keine Impfung und keine Behandlungsmöglichkeiten. Infizierte Tiere bekommen rasch hohes Fieber, zeigen Teilnahmslosigkeit und verenden innerhalb von zwei bis zehn Tagen. Die Sorge ist auch deshalb besonders groß, weil die Erreger äußerst widerstandsfähig sind und beispielsweise in Rohwurst mehr als ein Jahr überleben können sowie viele Jahre in tiefgefrorenen Schlachtkörpern.

Dramatische Folgen für die Betriebe

Welch dramatischen Folgen eine Einschleppung der ASP auf den Markt, Schlachtbetriebe und auch Futtermittellieferanten haben könnte, erläuterte Dr. Albert Hortmann-Scholten. Allein schon ein Seuchenbefall bei einem Wildschwein könnte eine Sperre von Exporten in Drittländer bewirken.

Der Experte von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen befürchtet, dass in der Öffentlichkeit dann wieder die „Massentierhaltung“ als angebliche Ursache an der Pranger gestellt werde. Dabei zeige sich, dass von den Seuchenfällen in Polen meist Bestände mit nur fünf Tieren betroffen sind. Er erinnerte an die Schweinepest im Jahr 1992, als 1,5 Mio. Schweine gekeult werden mussten und die Preise abstürzten. Doch war damals die Seuche relativ rasch getilgt. Dies würde bei der ASP ein oder auch zwei Jahre dauern, meinte Stephan Neher.

Den Ertragsausfall versichern

„In einem unmittelbar betroffenen Betrieb würde zwar die Tierseuchenkasse Entschädigungen für die gekeulten Tiere zahlen, nicht aber für die Tiere im Sperrgebiet, für die ein ‚Verbringungsverbot‘ erlassen würde“, sagte Hortmann-Scholten. Deshalb stelle sich die Frage nach einer Ertragsausfallversicherung. Die vier auf dem Markt agierenden Unternehmen verlangen derzeit Preise von 70 bis 90 ct pro Mastplatz.

Auf der Tagung waren sich alle einig, dass alles getan werden müsse, dass es zu keinem „ersten Fall“ kommt. Zu den Vorbeugemaßnahmen gehören unter anderem auch die Verteilung von Informationsblättern an den Autobahnen, über die der Transitverkehr aus dem Osten läuft. Bei den Veterinärverwaltungen finden zur Vorbereitung auf den Ernstfall bereits seit 2014 Simulationsübungen statt, berichtete Dr. Norbert Rehm.

Inzwischen hat auf der Agrarministerkonferenz der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus die Landwirte, Jäger und Forstleute, aufgefordert, die Wildschweinebestände drastisch zu reduzieren. Denn deutschlandweit drohe bei einem Ausbruch der Pest rund 21 000 tierhaltenden Betrieben das Aus.

Auch interessant