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Sembacher Hof

Soziale Landwirtschaft - ein Ort, der Kraft gibt

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Maria Goller
am
09.05.2018

Die Soziale Landwirtschaft hat viele Gesichter. Am Sembauer Hof gibt es ein breites Angebot für Kinder, Erwachsene, Kranke und Gesunde. Allein die Umgebung des Hofs wirkt beruhigend. Das nutzt die Betriebsleiterin als Konzept.

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Wer auf den Sembauer Hof kommt, wird draußen empfangen, auf dem Bankerl unter der alten Kastanie. Dichte Blätter rauschen im Wind. Hühner scharren im sandigen Boden, gackern leise vor sich hin. Ein Pferd wiehert am Reitplatz, Schwalben tschilpen im Stall. Es riecht nach Dung, frischer Erde, Frühling. Die Hofbesitzerin, Birgit Freudenstein, lächelt und sagt: „So geht das bei uns. Ich lasse den Hof wirken. Er macht schon einen Teil meiner Arbeit. Die Atmosphäre ist für unsere Besucher ein wichtiges Erlebnis.“

Die 50-Jährige hat viel verstanden von der Psyche des Menschen und dem Einfluss der Natur. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie auf dem Betrieb in Gstetten bei Pocking mit Personen, die besondere Bedürfnisse haben. Freudenstein ist Heilerziehungspflegerin, ehemals Fachlehrerin an der Fachschule für Heilerziehungspflege, Heilpädagogische Begleiterin mit dem Pferd, Erlebnisbäuerin und ein Mensch mit einem großen Herzen. Das alles kommt ihr zugute bei der täglichen Arbeit in der Sozialen Landwirtschaft.

Geld für die sozialen Dienste verlangen

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Es hat einige Jahre gedauert, bis Freudensteins Konzept so ausgereift war, wie es heute ist. Es steht auf mehreren Säulen. Angefangen bei den Kindergartengruppen und Schulklassen, die den Hof als Lernort Bauernhof nutzen, über Besuchergruppen der Caritas und anderer Einrichtungen für Menschen mit Behinderung bis zu den Klienten der Pferdetherapie. Dazu kommen die Schüler der Heilerziehungspflege und andere Fachleute aus Deutschland und Österreich, die sich von ihr Tipps holen und inspirieren lassen.

Und dann sind da noch Privatkunden, wie zum Beispiel Martin. Der 40-Jährige ist geistig beeinträchtigt und kommt einmal im Monat zum Helfen. Um das finanzieren zu können, spart er sein Taschengeld. Bezahlen, um auf dem Hof arbeiten zu dürfen? Dies ist ein wichtiger Punkt, an dem Bauern, die sich für Soziale Landwirtschaft interessieren, umdenken sollten. Sie müssen den Wert ihres Engagements erkennen. „Ich biete dem Mann eine eins zu eins Betreuung als Fachkraft. Das ist ein Service, für den ich entlohnt werde. Auch wenn ich ihn gern hier habe und er zum Beispiel beim Ausmisten hilft, ist das für mich Arbeitszeit.“ Martin macht das nichts aus. Er freut sich wochenlang auf seinen Tag auf dem Bauernhof. Den Spaß lässt er sich gerne etwas kosten.

Pferde waren der Grund für den Einstieg

Freudensteins Weg zur Sozialen Landwirtschaft verlief wie bei vielen ihrer Kollegen über Umwege. Sie wurde in den Hof hineingeboren und wuchs auf dem damaligen Schweinebetrieb auf. Als die Tiere schließlich verkauft wurden, stand der Stall leer. Bis der Vater 1991 mit einem Vieh-anhänger heimkam und zwei Haflinger auslud. „Ich war damals 24 Jahre alt und hatte von Pferden keine Ahnung. Aber die beiden reizten mich.“ Die junge Frau begann, sich mit den Tieren auseinanderzusetzen. Wie oft in ihrem Leben, ging sie die Sache mit Gefühl und Kompetenz an. „Ich habe von vorne angefangen, reiten gelernt mit kleinen Mädchen in einer Reitschule, mich da durchgebissen. Ich wollte alles können.“ Nebenbei hat sie die Tiere beobachtet, sich mit dem Verhalten beschäftigt und versucht, auch schwierige Pferde zu verstehen. Schließlich kamen kranke Pflegepferde auf den Hof, die sie für einen befreundeten Reiterhof aufpäppelte. Auch Einsteller fanden ihren Weg nach Gstetten. Es entstand ein Pensionsbetrieb. Diese Leidenschaft versuchte Freudenstein mit ihrem Beruf als Heilerziehungspflegerin zu verknüpfen.
Seit 1990 arbeitet die Bäuerin mit erwachsenen Menschen, Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung, und mit erwachsenen Menschen mit seelischer Behinderung. Da war es nur konsequent, auch die Ausbildung zur heilpädagogischen Begleiterin mit dem Pferd zu absolvieren. Nach einer zweijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung bei Monika Brossard, in Kooperation mit dem Fortbildungsinstitut der Lebenshilfe Bayern, konnte sie sich ihr Zertifikat ins Stüberl hängen und ging ganz offiziell den ersten Schritt zur Sozialen Landwirtschaft.

Die Schätze auf dem Hof wahrnehmen

Freudenstein erklärt die positive Wirkung von Pferden so: „Pferde regen die Fantasie an, sie bedeuten einen Zugang zu einer anderen Welt. Einer Welt ohne Worte, in der die Geste zählt. In dieser Welt hat jeder seinen Wert, ob er nun schön oder hässlich ist, krank oder gesund, arm oder reich. Wenn du ein Pferd streichelst, streichelst du immer auch dich selbst, du gibst dir selber Streicheleinheiten, von denen jeder weiß, wie wichtig sie sind.“ Auf dem Sembauer Hof können solche Begegnungen in aller Ruhe gemacht werden.
Die Ruhe, die Nähe zur Natur, halfen auch Menschen mit seelischen Problemen, ihren Alltag zu meistern. Diese Erfahrungen machten Birgit Freudenstein noch neugieriger. Sie begann die Ausbildung zur Erlebnisbäuerin. „Das war noch einmal besonders einschneidend für mein Leben“, erinnert sie sich heute. In der zweijährigen Ausbildung beschäftigte sie sich intensiv mit den eigenen Ressourcen. „Natürlich haben wir fachlich viel gelernt, eine Sicherheit entwickelt für den Umgang mit den Kunden, auch rechtliche Hintergründe erfahren. Für mich war aber besonders dieses Aha-Erlebnis wichtig, als mir bewusst wurde, welche Schätze ich auf meinem Hof habe. Die gibt es auf jedem Betrieb, man muss sie nur erkennen“, berichtet Freudenstein.

Tiere und Pflanzen am Hof haben eine Rolle

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Es sind kleine Schätze, die man leicht im Alltag übersieht. Aber für Kinder, für Menschen mit Behinderung, für Leute mit offenen Augen sind sie Gold wert.

Da ist die große Kastanie mit der kleinen Bank als Einstieg in die Welt des Sembauer Hofs. Dort zu sitzen, zu reden, die Ruhe zu genießen, lässt die Besucher ankommen. Die Hühner haben wiederum ihre eigene kleine Welt. Sie baden im Sand, versorgen den Nachwuchs und streiten um ein paar Körner. Sie zu beobachten, gemeinsam den Stall zu versorgen und die Eier abzutragen, das kann ein kleines Abenteuer sein. Auch Hasen gibt es, die gerne gestreichelt und gefüttert werden wollen. Dazu kommen die beiden Shetlandponys und das gutmütige Islandpferd, die als Therapiepferde im Einsatz sind.
Bei der Obstweide steht ein kleiner Palast: Ein Weidentipi, das mit einer Gruppe gebaut wurde und in dem sich die Besucher nun treffen. „Da hinten auf der Obstweide ist was ganz Besonderes“, verrät die Heilerzieherin und Erlebnisbäuerin strahlend. Was mag das sein? Ein alter Apfelbaum, den es eigentlich nicht geben kann. Der Stamm ist abgestorben, man kann durch das morsche Holz durchgreifen. Nur ein Ast scheint das zu ignorieren und trägt weiter Jahr für Jahr saftige Äpfel. „Das ist ein Überbleibsel von der Apfelplantage meines Urgroßvaters“, sagt Freudenstein stolz. Was man von diesem Baum lernen kann? „Dass man das Alte nicht unterschätzen soll. Dass auch wir Menschen älter werden und trotzdem unseren Wert haben.“

Auf jedes Klientel wird anders eingegangen

Eine große Rolle im Leben auf dem Hof spielen Hochbeete. Dort sammeln die Besuchergruppen Gartenerfahrung. Wie an allen Stationen geht die Betreuerin individuell auf die Menschen ein. „Die Methoden sind zielgerichtet und auf die Klientel abgestimmt. Im Klartext heißt das: Der eine schaufelt mit dem Spaten, der andere nimmt seine Hände dazu. Für den einen ist das Handeln wichtig, für den anderen, die Erde wahrzunehmen, zu fühlen.“
Im Zyklus „Natur im Jahreskreis“ geht es manchmal einfach nur um Gefühle: „Im Winter bin ich zum Beispiel mit einer Gruppe bei Eiseskälte spazieren gegangen. Ich hab ihnen gesagt, heute frieren wir mal gscheid. Wir haben uns danach ins Stüberl gehockt, wo der Ofen fest eingeheizt war, und dieses Gefühl der Wärme genossen. Allein diese Grundgefühle können für Menschen mit Behinderung schon wunderbar sein.“

Fachwissen, aber auch Gespür sind wichtig

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Hier wird klar, zum Angebot auf dem Sembauer Hof gehört viel Fachwissen. „Trotzdem würde ich nicht sagen, man muss für die Soziale Landwirtschaft unbedingt eine heilpädagogische Ausbildung haben. Es gibt viele Arten, auf die man mit den Menschen umgehen kann. Das Gespür ist wichtig. Ich glaube, dass viele Bäuerinnen das haben.“

Die Werbung für den Hof läuft über persönliche Empfehlungen. Wem es gefallen hat, der erzählt es weiter. So hat sich das Angebot der Heilerziehungspflegerin mit den Jahren immer erweitert. Kindergeburtstage sind zum Beispiel der Renner. Oder der Besuch von Schulklassen. Wichtig ist für Landwirte, dass sie sich ihre Angebote von Anfang an bezahlen lassen. „Wer zu uns kommt, der macht nicht nur einen Ausflug, dem wird etwas geboten. Institutionen haben Töpfe für so etwas, und wer gute Arbeit macht, der darf dafür gutes Geld verlangen.“ Was war schönste Kompliment für die Heilerziehungspflegerin? „Wenn eine Gruppe sagt: Wir fahren nicht mehr in den Bayernpark, wir kommen viel lieber zu Dir. Das geht runter wie Öl“, sagt Birgit Freudenstein.

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