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Zucht

Ein starkes Zeichen für das Braunvieh

Gruppenfoto Schwayer 01
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
28.06.2018

Europäische Rassevereinigung trifft sich in Bayern, wählt neues Präsidium und besichtigt Betriebe mit interessanter Genetik für produktive und langlebige Kühe.

MR_Braunviehkollektion-Arnold

Das hat man in der Braunviehzucht und wahrscheinlich überhaupt in der bayerischen Rinderzucht so wohl noch nie gesehen: eine riesige Kollektion interessanter Zuchttiere, die stolze 60 Köpfe zählt und deren Einzeltiere allesamt vom selben Betrieb stammen. Dieses einmalige Bild bot sich nun der begeisterten internationalen Braunviehdelegation auf dem Betrieb Schwayer-Hofer GbR in Baisweil-Lauchdorf (Landkreis Ostallgäu). Grund dafür war die Zusammenkunft der Europäischen Vereinigung der Braunviehzüchter (EBSF), bei der neben den Betriebsbesichtigungen mit Nachzuchtpräsentationen und einem Besuch der Besamungsstation Greifenberg auch die Neuwahl des Vorstandes auf dem Programm stand. Denn man will sich stark aufstellen für die Zukunft der Rasse.

Den Austausch fördern

MR_Milchviehstall-Arnold

Die Vereinigung der Europäischen Braunviehzüchter wurde 1964 gegründet und dient dem internationalen Austausch zwischen den Braunviehzuchtorganisationen in Europa. Sie setzt sich aus folgenden Ländern zusammen: Österreich, Großbritannien, Frankreich, Rumänien, Deutschland, Slowenien, Spanien, Italien, Schweiz, Türkei, Ukraine und Bulgarien. Aus Deutschland ist die Arbeitsgemeinschaft Deutsches Braunvieh als Mitglied in der europäischen Vereinigung vertreten. 1989 wurde ein europäisches Zuchtziel für die Rasse Brown Swiss definiert. 2002 wurde eine gemeinsame Datenbank für Erbfehler angelegt. Seit 2003 finden regelmäßig von der EBSF organisierte Preisrichter-Workshops statt. 2007 wurde eine europäische Bewertungsskala eingeführt. Seit 2011 wird vor allem das Projekt Intergenomics unterstützt. Dieses Projekt stellt den Mitgliedern eine aktuelle genomische Zuchtwertschätzung von Vererbern auf Grundlage einer gemeinsamen Analyse aller in Europa gesammelten Genotypen zur Verfügung. Das aktuelle Projekt der europäischen Vereinigung ist das Schaffen einer gemeinsamen Marke und die Bewerbung der Rasse Braunvieh.

Vorzüge hervorheben

Familie Arnold 02

„Es ist mir eine Ehre und große Freude, dass mir das Vertrauen entgegengebracht wird, mich um die Anliegen von 30 000 Braunviehzüchtern in ganz Europa bemühen zu dürfen. Im Zentrum meiner Arbeit als Präsident der Europavereinigung wird die Harmonisierung, Zusammenarbeit und Weiterentwicklung des Zuchtgeschehens in allen zwölf Mitgliedsländern der Europavereinigung stehen. Zudem liegt mir besonders am Herzen, die Vorzüge der Rasse Braunvieh als Garant für hohe Milchqualität bei ausgezeichneter Wirtschaftlichkeit, Nutzungsdauer und Lebensleistung hervorzuheben“, betont der frisch gebackene EBSF-Präsident Thomas Schweigl aus Österreich. Bereits kommendes Jahr, im März 2019, habe man die Gelegenheit, bei der Europakonferenz mit anschließender Bundesbraunviehschau in Imst/Tirol die Fähigkeiten als Gastgeber und Repräsentant der Rasse Braunvieh unter Beweis zu stellen.

Familie Arnold 01

Reto Grünenfelder aus der Schweiz wurde als Vizepräsident im Amt bestätigt. Ebenfalls aus Tirol kommt mit Reinhard Winkler der neue Generalsekräter der EBSF. Er folgt Dr. Alfred Weidele von der Rinderunion Baden-Württemberg. Der ehemalige EBSF-Präsident Christoph Nieberle aus Deutschland wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Perfekte Präsentation

Harrison Kollektion 01

Betriebsleiter Hans Schwayer, der sich auf viele fleißige Hände bei der perfekten Präsentation der interessantesten Braunviehkühe aus dem 2012 erweiterten Stall verlassen konnte, sagt bei dem Anblick der Tiere stolz: „Die Kühe jetzt draußen zu sehen, ist noch mal was ganz anderes. Da geht uns als eingefleischte Braunviehzüchter das Herz auf.“ Die Schwayer-Hofer GbR melkt neben Braunvieh aber auch Holstein, die Herde umfasst derzeit 270 Kühe plus Nachzucht. Die Rasseverteilung liegt bei etwa 75 : 25. „Wir schätzen beim Braunvieh, dass die Kühe nicht so schnell altern wie die Holsteins, auch wenn diese zweifelsfrei eine höhere Leistung haben. Das Leistungsmaximum der Braunviehkuh wird erst später erreicht. Die Euter sind etwas weniger anfällig. Der Eiweißgehalt liegt um etwa 0,15 Prozent höher als bei den Holsteins“, erklärt Tierarzt Dr. Adi Schwayer. Sein Sohn Werni Schwayer meint dazu: „Unsere Zuchtziele sind auch Funktionalität und Langlebigkeit. Und was nutzt die schönste Kuh, wenn sie keine Milch gibt“, sagt der potenzielle Hofnachfolger.

Am Image arbeiten

MR_Vorstandschaft-Braunvieh-Neuwahlen

Hans Schwayer ist sich sicher: „Wir müssen noch stark am Image der Braunviehkuh arbeiten und auf europäischer Ebene vor allem für die Vorzüge des deutschen Braunviehs Werbung machen.“ Denn in Ländern, wo eher scharfe, sehr milchbetonte Tiere gezüchtet werden, würde man die deutsche Braunviehkuh mit einem Schmunzeln sehen. Zu vielen Betrieben würden aber genau diese im Fundement ausgeglichenen, im Stoffwechsel stabilen und gut melkenden Kühe ideal passen. Hinzu kommen die hervorragenden Inhaltsstoffe der Milch. „Wir müssen gemeinsam etwas für die braune Kuh tun, sonst kriegen wir über kurz oder lang den Stempel des Verlierers aufgedrückt“, fordert Hans Schwayer seine Züchterkollegen auf.

Schwayer Schwaigl 01

„Wir wollen nicht die großen Kühe, sondern eher mittelrahmige Kühe mit einer Einsatzleistung von über 30 Kilo Milch“, erklärt Dr. Adi Schwayer. Bei den 100 000-Liter-Kühen aus dem Betrieb, bislang waren es zehn Stück (zwei stehen derzeit noch am Betrieb), sei keine einzige Große dabei gewesen. Ein weiteres Managementziel ist es, das Erstkalbealter von 25,7 Monaten noch weiter auf 24 Monate abzusenken. „Dann kalben die Erstlingskühe leichter, sind nicht so extrem in ihrer Entwicklung und auch nicht so verfettet“, schildert der praktizierende Tierarzt die positiven Erfahrungen. Die durchschnittliche Milchleistung in der Herde liegt derzeit bei 9600 kg bei 4,36 % Fett und 3,66 % Eiweiß.

Eine Reihe an bekannten Braunvieh-Besamungsstieren konnte die Schwayer-Hofer GbR schon hervorbringen. Bei den genomischen Jungvererbern sind es zuletzt Vinley (GZW 127) und Damast (GZW 123), die von sich Reden machen. Auf der töchtergeprüften Seite stehen klangvolle Namen wie Prinz, Vegas, Joey, Pangani und Harrison. Von diesem Harley-Sohn (GZW 126, MW 114, FIT 121, FW 104, EXT 119) spricht derzeit die ganze Braunviehwelt. Er stammt aus der bekannten Kuhfamilie von Hucos Rikone, der Mutter von Vegas und Prinz. Harrison steht für ein starkes Exterieur, rahmige Kühe mit breitem Becken, sehr gute Eutergesundheit und Fruchtbarkeit und lässt eine lange Nutzungsdauer erwarten. „Am meisten freut es uns, dass Mutter und Großmutter mit 91000 und 105 000 Litern Lebensleistung noch im Bestand sind“, so die beiden Schwayer-Brüder stolz.
Und auch der Jungbulle Bloomberg (Rang 1 von 179 Halbgeschwistern), der demnächst im Prüfeinsatz starten wird, kommt aus der gleichen Kuhfamilie. Seine Mutter, die zum sechsten Kalb trächtig ist, hat sieben Generationen mit 69 Abkalbungen hinter sich aufzuweisen. „Wir mögen diese Form von Nachhaltigkeit. Gerade weil Milchviehhaltung und moderne Hochleistungszucht als auszehrend und ungesund für Milchkühe von bestimmten Leuten in der Öffentlichkeit dargestellt werden“, sagt Dr. Adi Schwayer überzeugt.

Überzeugt von Amor

Auch auf dem Betrieb Arnold in Vilgertshofen (Lkr. Landberg/Lech) setzt man ein starkes Zeichen für das Braunvieh. Aus dieser Zuchtstätte stammt der bekannte Spitzenvererber Amor. Dessen Samen setzt Betriebsleiter Josef Arnold derzeit auch verstärkt bei der Anpaarung in seiner Herde ein, die zu etwa 30 % Huray-Blut in sich trägt. „Wenn ich schon selber nicht an meinen Stier glaube, wer dann“, sagt Arnold und lacht. Der Anibal-Sohn kann mit GZW 132, MW 124 und FIT 116 aufwarten. Hauptaugenmerk bei der Bullenauswahl sind für Arnold Milchleistung und Euterqualität.
„Wir brauchen unkomplizierte Kühe, die sich stark in der Milch zeigen, damit wir mit unserer Rasse in die Schwarzbunt-Betriebe reinkommen“, ist sich Arnold sicher und gibt die züchterische Marschrichtung vor. Denn Anschluss an das Fleckvieh habe man leider schon verpasst, nicht von der Milch her, aber vor allem bei den Preisen für die Bullenkälber. „Die sind gerade bei uns im Weilheimer Zuchtverbandsgebiet eine starke Konkurrenz zum Braunvieh“, berichtet er weiter.

Die auf dem Hof der Familie Arnold ausgestellte Kollektion an Spitzengenetik zeigte allen voran die Huray-Tochter Debora, die Mutter des Bullen Amor, mit fünf Kalbungen und die Hussli-Tochter Holly (acht Kälber). Sie ist für Josef Arnold das Sinnbild einer perfekten Deutschen Braunviehkuh, an der viele Bauern eine Freude hätten. Die Mutter von Holly hat Arnold von einem Bauern im Ort kaufen können, der seine Milchviehherde auflöste. „Da wäre wertvolle Genetik verloren gegangen, die wir zum Glück retten konnten“, sagt Arnold rückblickend. Zudem präsentierte man fünf vielversprechende Amor-Rinder.

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