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Wolfsriss

Unsere Tiere kann man nicht ersetzen

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Max Riesberg, Wochenblatt
am
07.08.2017

Südtirol - Bergbauern verlieren wertvolle Passeirer Zuchtziegen durch Wolfsriss

reiterer, Bergbauern, Ziegenzucht

Was für viele in Bayern noch wie ein Schreckgespenst in weiter Ferne klingt, das ist ein paar Autostunden vom Freistaat entfernt, über den Brenner drüber, leider heute schon traurige Realität für die Bergbauern. Familie Reiterer vom Neu-Schötzerhof im Südtiroler Mölten züchtet seit 15 Jahren die seltenen und heute umso begehrteren Passeirer Gebirgsziegen. Eine stolze Zuchtherde von 28 Stück konnte man sich inzwischen aufbauen. Vor allem Sohn Julian hat sich der Ziegenzucht verschrieben und sich schon über so manchen Zuchterfolg freuen können, so zuletzt auf der Gebietskörung, wo er den besten Bock stellte. Und auch auf der Landesausstellung holte er mit einem Muttertier eine hervorragende Auszeichnung.
Den Sommer verbringen die Tiere auf der Alm, der Malga Costoni im Passubio-Gebiet. Die Bauern vom Tschögglberg bewirtschaften diese Hochalm bereits seit 1981 und schicken die Sommermonate über gut 150 Rinder, 30 Pferde und eben auch 30 Ziegen ins Trentino; früher waren auch Schafe mit dabei.
In der Nacht vom 3. 5. auf 4. 5., kurz nach dem Almauftrieb, geschah dann das schreckliche Ereignis. Neun hoffnungsvolle Zuchtkitze und drei Geißen fielen mindestens einem Beutegreifer zum Opfer. Dass es sich dabei um den Wolf handelt, daran besteht heute kein Zweifel mehr. „Wir haben zwar gewusst, dass ein Wolf im Gebiet zirkuliert“, erklärt Bauer und Alm-
obmann Hans Reiterer, „aber das müssen gleich mehrere gewesen sein“, ist er sich sicher. „Von unseren Kitzen haben die Wölfe nichts mehr übrig gelassen. Die drei Geißen haben wir alle gefunden, zerfleischt bis zur Unkenntlichkeit. Das war ein grausamer Anblick. Wir konnten sie aber anhand der Ohrmarken identifizieren“, erzählt Reiterer. „Alle Tiere der Herde, die bei diesem Massaker verschont geblieben sind, hatten noch nach Tagen einen Schock und am ganzen Körper geschlottert“, wie er weiter berichtet.

Jahrelange Arbeit wurde in einer Nacht zunichte gemacht

Passeirer Ziegen

„Der Verlust unserer Zuchttiere ist ein enormer Schaden für uns. Wir füttern, züchten und arbeiten für und mit unseren Ziegen, um unser Zuchtziel zu erreichen und die Rasse weiter voranzubringen. Das kann es doch nicht sein, dass diese jahrelangen Bemühungen in einer Nacht zunichte gemacht werden, nur weil sich das einige so einbilden, ohne an die Konsequenzen zu denken“, mahnt Reiterer und weiter: „Der Wolf lässt sich mit der Almwirtschaft und Viehhaltung im Berggebiet einfach nicht vereinbaren.“ Die Vorstellung, extrem hohe und viele Zäune zu installieren oder Herdenschutzhunde anzuschaffen, sei gerade in stark vom Menschen frequentierten Gebieten  für ihn schlichtweg unrealistisch.
„Wir hatten auch in der Vergangenheit einzelne Risse bei Schafen zu beklagen, die wir jetzt schon seit zwei Jahren nicht mehr auftreiben. Da hieß es damals von den Behörden immer, es handle sich um wildernde Hunde. Das habe ich aber damals schon nicht geglaubt. Jetzt haben wir die Gewissheit“, sagt der besorgte Bergbauer.
Auch wenn das erst der Anfang ist, der Schaden ist jetzt schon sehr groß für die einzelnen Betroffenen und die Sache mit der Ansiedlung des Wolfes scheint über kurz oder lang vollkommen aus dem Ruder zu laufen. „Wie soll es denn in zehn Jahren ausschauen? Der Wolf vermehrt sich, verbreitet sich weiter und bildet Rudel. Da ist eine Katastrophe vorprogrammiert auch für den Menschen. Denn er wird auch vor dichter besiedelten Regionen nicht Halt machen.“ 40 bis 50 Wölfe werden bereits im Trentino geschätzt. Jüngst wurde im Gemeindegebiet Folgaria-Tal ein Exemplar gefilmt, dass keine große Scheu zeigte (siehe Youtube).
„Für eine sinnvolle und nachhaltige Bewirtschaftung der Bergregion mit der Viehwirtschaft kommt es einem Todesstoß gleich!“ Die verschiedenen Weidetiere grasen und pflegen die Landschaftsflächen, jedes auf seine eigene, wichtige Weise. Reiterer sieht jetzt schon keine Chance mehr für die kleinen Wiederkäuer am Berg und hat alle von der Alm abgezogen. Bei den Rindern habe es zum Glück bislang noch keine Schäden in dieser Richtung zu verzeichnen gegeben, aber er macht sich auch Sorgen um die jungen Rinder oder wie es bei Mutterkühen mit Kälbern ausschauen würde. „Man sagt uns zwar immer, dass anscheinend nur Tiere bis 300 kg gefährdet sind, aber Garantie kann uns keiner geben“, sagt Reiterer. Er und Sohn Julian warten noch immer darauf, dass sich im Fall ihrer zwölf gerissenen Passeirer Ziegen etwas bewegt. Jetzt sollen sie der zuständigen Behörde erst einmal darlegen, dass es sich tatsächlich um wertvolle Zuchttiere handelt. Von der möglichen Höhe einer Schadensersatzsumme war bislang ohnehin noch nicht die Rede.

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