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Beweidung

Unterweidung - die Almen wachsen zu

Alm
Siegfried Steinberger, LfL Tierernährung, Grub
am
03.05.2019

Der Klimawandel, sinkende Auftriebszahlen an Weidevieh sowie ein unzureichendes Weidemanagement beim Bewirtschaften der Almen und Alpen führen zu einem steten Verlust von wertvollen Weideflächen am Berg.

MR_Alm-Aufwuchs-Aufmacherbild

Seit Jahren werden bei den Vor- Ort-Kontrollen auf den Almen beantragte Weideflächen aberkannt, was zum Teil für die betroffenen Landwirte erhebliche Rückforderungen zur Folge hat. Und auch der aufmerksame Beobachter kann eine zunehmende Verbrachung von Almweideflächen feststellen. Diese beginnt zunächst schleichend vom Rand der Almen her und breitet sich letztlich über die gesamte Weidefläche aus. Doch wie kann man hier effektiv entgegenlenken?

MR_Almweidefläche-Fressinseln

In der Regel beginnt der Prozess mit einer langsamen „Verungrasung“ der Flächen, das heißt, sie werden nicht mehr entsprechend abgegrast und weniger schmackhafte Gräser breiten sich aus. Hier ist vor allem der Bürstling (Borstgras) dominant. Nachfolgend schleichen sich Zwergsträucher (Besenheide, Blaubeeren etc.) in diese „Graswüste“ ein. Zunächst wird dies vom Bewirtschafter nicht wahrgenommen. Erst wenn die Sträucher durch den Grasfilz durchgewachsen sind, werden sie wahrgenommen. Der Prozess läuft sehr langsam über Jahrzehnte ab.

Gleichzeitig kann bei starker Unterbeweidung der Flächen und entsprechendem Samenangebot und Tritt der Tiere (damit ein Baumsamen auch keimen kann) eine Wiederbewaldung einsetzen. Derartige Flächen werden bei Beweidung unter 50 % als Weidefläche nicht mehr anerkannt und führen zu entsprechenden Flächenminderungen.

Flächenverlust

In den letzten zehn Jahren gingen ca. 1800 ha Almweideflächen in Oberbayern verloren. Dieser Verlust entspricht etwa der Fläche von 64 Almen. Der scheinbare Anstieg der Weidefläche in 2018 ist der Tatsache geschuldet, dass förderfähige Weideflächen 2018 erstmalig beantragt wurden. So entspricht der Nettoverlust auch in diesem Jahr etwa der Gesamtfläche von einer Alm.
Die fortschreitende Klimaerwärmung mit verlängerter Vegetationszeit, rückläufige Auftriebszahlen sowie ein nicht angepasstes Weidemanagement sind für diese Entwicklung ursächlich. Beträgt der Temperaturanstieg seit dem Referenzzeitraum 1960–1991 global etwa 0,8 °C so stieg die Durchschnittstemperatur im Alpenraum um ca. 1,6 °C an. Ein wesentlicher Grund ist die Fähigkeit des Gesteins, hohe Tagestemperaturen zu speichern und in der Nacht abzugeben. Ein ähnlicher Effekt ist im Sommer in den Städten bekannt. Gleichzeitig sind die Winter um zwei bis drei Wochen kürzer geworden und die Gletscher schmelzen ab. Dies bedeutet, dass die kühlenden Effekte geringer werden.

Temperaturanstieg

Dieser Temperaturanstieg lässt im Berggebiet deutlich mehr Biomasse wachsen. So finden die Tiere mehr Futter vor als früher. Von einer Weide kann aber nur so viel Fläche offengehalten werden, wie das Vieh auch frisst. Hier ergibt sich bei extensiver, also nicht über Koppeln gelenkter Weidewirtschaft, ein nachhaltiges Problem. Ein Rind will keine Stängel fressen!
Die meist zu spät aufgetriebenen Tiere werden zu Beginn der Weidezeit die schmackhaftesten Plätze abweiden und diese immer wieder aufsuchen, so lange ein ausreichender Aufwuchs folgt, meist bis Anfang August. Dieses Fressverhalten entspricht dem der Kurzrasenweide. Im Tal gewollt und bewusst empfohlen, führt dies auf der Alm zu einer selektiven Nutzung des Aufwuchses, da auf der Alm der Futterüberschuss nicht über einen Schnitt abgeschöpft wird. Die Tiere schaffen sich „Fressinseln“, welche stets abgeweidet werden. Dies können hüttennahe Plätze oder auch bevorzugte Hänge sein.

Fressinseln

Die zunächst nicht beweideten Weidebereiche werden überständig und werden im Verlauf der Weideperiode nicht mehr gefressen. In früheren Zeiten wurde dies durch gezielten Viehtrieb und Hüten der Tiere an den vorgesehenen Plätzen weitgehend verhindert. So führt Futterüberschuss im Frühjahr zu Futtermangel im Herbst.
Ist es das Ziel, die Almweideflächen zu erhalten, so ist es dringend erforderlich, eine Koppelwirtschaft einzuführen. Nur so kann der Aufwuchs nacheinander gleichmäßig abgeweidet werden. Auf Niederalmen um 1000 m NN sind aufgrund des intensiveren Graswachstums vier bis fünf Koppeln erforderlich. Auf Höhenlagen bis etwa 1600 m reichen in der Regel drei Koppeln aus. Darüber ist es meist nur erforderlich, die Weideflächen einmal abzuteilen, damit die Tiere nicht die gesamte Almfläche auf einmal zur Verfügung haben.

Auftriebszeitpunkt

Damit das Vieh dem im Frühsommer sehr rasch wachsenden Aufwuchs hinterherkommt und dieser nicht überständig wird, ist es zwingend notwendig, den Auftriebszeitpunkt an den Vegetationsbeginn anzupassen. Ist der Auftriebszeitpunkt traditionell festgelegt, finden die Tiere zu Weidebeginn einen deutlich höheren Aufwuchs vor also noch vor 50 Jahren zum gleichen Datum. Also ist auch der Auftrieb um zwei bis drei Wochen vorzuverlegen. Werden diese empfohlenen und in der Praxis erprobten Maßnahmen umgesetzt, lässt sich eine deutlich höhere Futtermenge ernten und die Weideflächen werden offengehalten.
Im Rahmen des Projektes „Anpassung der Beweidung von Almen und Alpen an den fortschreitenden Klimawandel“ wurden diese Empfehlungen auf Projektalmen umgesetzt. Die Tabelle zeigt den Zuwachs des kalkulierten Futterertrages.
Die betreuten Almen wurden traditionell über Jahrzehnte hinweg gleich bewirtschaftet. Während der Projektlaufzeit wurde der Auftriebs-zeitpunkt um zwei bis drei Wochen an den Vegetationsbeginn angepasst, die Tierzahlen nach und nach dem Aufwuchs angepasst und vor allem wurde eine gelenkte Weideführung in Form einer Koppelwirtschaft eingeführt. Dadurch wurde der Aufwuchs zeitgerecht genutzt und es konnte sich nach jedem Umtrieb ein erneuter Aufwuchs entwickeln. So stand den Weidetieren bis in den Herbst hinein frisches, qualitativ hochwertiges Futter zur Verfügung.

Futterverzehr steigern

Die Steigerung des kalkulierten Futterverzehrs um bis zu 75 % veranschaulicht eindringlich, wie sich die Futtersituation auf den Almen in den letzten 40 Jahren verändert hat. Wird dieser Aufwuchs nicht von den Tieren bei guter Futterqualität abgefressen, fallen die nicht beweideten Flächen brach und scheiden langfristig als Weidefläche aus. Werden Weideflächen über Koppeln zwar nachei- nander abgeweidet, aber das Weideverfahren hinterlässt aufgrund zu wenig aufgetriebener Tiere einen hohen Anteil Weiderest, so werden sich auch hier der Bürstling sowie verschiedene Unkräuter weiter ausbreiten. Die Futterqualität sinkt deutlich ab und erlaubt auch keine entsprechenden tierischen Leistungen.
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