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Bundesverwaltungsgericht

Urteil zu Kastenständen sorgt für Verunsicherung

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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
01.12.2016

München - Das Bundesverwaltungsgericht hat vergangene Woche das sogenannte Kastenstandurteil des Oberverwaltungsgerichts Magdeburg höchstrichterlich bestätigt. Die Richter haben die Klage der LFD-Holding – ehemals Straathof – gegen den Landkreis und die tierschutzrechtliche Anordnung abgewiesen. Demnach dürfen Sauen im Deckzentrum künftig nicht mehr in den bisher üblichen 70 cm breiten Kastenständen stehen, weil sie sich darin nicht ungehindert hinlegen können. Nach dem Urteil muss es für jedes in einem Kastenstand gehaltene Schwein möglich sein, jederzeit eine Liegeposition in beiden Seitenlagen einzunehmen, bei der ihre Gliedmaße auch an dem vom Körper entferntesten Punkt nicht an Hindernisse stoßen.

Wie Professor Dr. Steffen Hoy von der Justus-Liebig-Universität Gießen bei der Schweinefachtagung der LfL, der ALB, der Ringgemeinschaft Bayern, dem LKV am 28. November in Ergolding erklärte, könnte es jetzt dazu kommen, dass jeder zweite Stand leer bleiben muss. Die sauenhaltenden Betriebe seien auch in Bayern sehr verunsichert, da diese Vorgaben deutlich von den bislang als verbindlich geltenden Ausführungshinweisen abweichen. Zudem könne noch keine rechtssichere Aussage getroffen werden, ob diese Maße nach den noch endgültig zu bescheidenden laufenden Verfahren ausreichen werden.
„Für bauwillige Betriebe oder auch Betriebe, die ihre Haltungsbedingungen modernisieren wollen, bedeutet dies praktisch zugleich fehlende Planungssicherheit und kommt einem Baustopp gleich, da die betreffenden Veterinärämter keine rechtsverbindlichen Aussagen zu diesen Größenangaben erteilen“, sagte Hoy. Die Sauenhalter bräuchten langfristige Planungssicherheiten. Und schließlich seien ja alle bisher vorhandenen Stallbauten genehmigt worden. „Man braucht lange Übergangszeiten, damit die Gebäude wenigstens abgeschrieben werden können. Ansonsten sehe ich das als Enteignung an“, meinte der Inhaber der Professur für Tierhaltung und Haltungsbiologie.

Es kommt zu schweren Verletzungen

Der Verhaltensforscher bedauerte, dass das Urteil ohne wissenschaftliche Begründung gefällt worden war. Die Folgen für das Tierwohl seien teilweise verheerend. Schwere Verletzungen sind die Folge. Steffen Hoy zeigte Videos aus einem Betrieb, der aufgrund der amtstierärztlichen Forderungen seine Kastenstände auf eine Breite von 95 cm umbauen musste. Die Schweine begannen sich im Stand umzudrehen. Zum Teil drängten sich mehrere Tiere in einen Kastenstand, was zu schmerzhaften Verletzungen führte. Der Betrieb dokumentierte diese gemeinsam mit dem Tierarzt. 63 % der Sauen waren verletzt, 1,8 % mussten aufgrund von Vorderbeinfrakturen eingeschläfert werden.
Neben den gravierenden Verletzungen liegt laut Hoy auch das Verkoten des Troges mit allen hygienischen Konsequenzen auf der Hand.
„Als Gutachter für das Urteil hätte ich viele Fotos von liegenden Sauen mitgenommen. Dann wäre den Richtern klar geworden, wie Sauen liegen – nämlich eng aneinander gekuschelt“, meinte der Verhaltensforscher. In einer in Zusammenarbeit mit der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (Dr. Simone Müller) durchgeführten Studie wurde festgestellt, dass 92 % der Sauen in Gruppenhaltung eng beieinander liegen.
In einem anderen Versuch wurde untersucht, wie sich Sauen hinlegen, wenn sie die Wahl zwischen einer eingestreuten Liegefläche und Fresständen haben. Nahezu ein Fünftel der Hinlegevorgänge fand in den 60 cm breiten Fressständen statt, obwohl die Tiere eine reichlich bemessene mit Stroh eingestreute Fläche (1,8 m²) zum Liegen angeboten bekamen. Dafür gibt es laut Hoy nur eine Erklärung: Für einen Teil der Sauen, vermutlich für die rangniederen Gruppenmitglieder, bietet der Fressstand Schutz gegenüber den anderen Tieren der Gruppe. „Das deckt sich mit den Beobachtungen und Erfahrungen in Betrieben mit Selbstfangfressständern“, berichtete der Gießener Wissenschaftler. Angesichts der zum Teil sehr heftig geführten Rangkämpfe zwischen Sauen bei der Gruppenbildung sei dieses Verhalten nachvollziehbar.

Das Urteil sorgt nicht einmal für Klarheit

Leider sorgte das Urteil nicht einmal für Klarheit. Denn viele Amtsleiter wissen nach wie vor nicht, wie sie das Urteil interpretieren sollen. Unklarheit herrscht vor allem darüber, ob der Richterspruch bundesweite Gültigkeit hat oder ob es sich um ein Einzelfall-Urteil handelt. Anfang Dezember werden die Tierschutzreferenten der Bundesländer tagen. Hier steht das Thema bereits auf der Tagesordnung. Ob sich die obersten „Tierhüter“ der Länder jedoch klar äußern werden oder ob die Hängepartie für die Ferkelerzeuger weitergeht, ist derzeit völlig offen.
Der Vorstoß des Gesetzgebers, mehr Tierwohl durch breitere Kastenstände zu erreichen, ist nicht zielführend. Im Gegenteil: Die Tiere verletzen sich – insbesondere nach dem Absetzen und in der Rausche. Der Haltungsexperte Dr. Dirk Hesse hat deshalb ein Projekt ins Leben gerufen, das nun die Auswirkungen von breiteren Kastenständen in der Praxis untersucht und versucht, Lösungen zu identifizieren (Wochenblatt 37/2016). Für die Fortführung des Projekts werden nun weitere Teilnehmer gesucht – Betriebe mit weniger als 500 Tieren. Halter, die Interesse an der Teilnahme haben, können sich bei www.agrikontakt.de melden.

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