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Tier-Ortung

Versteckspiel auf der Alm

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Max Riesberg, Wochenblatt
am
19.05.2016

Seekaralm - Die Tierortung via GPS-Halsband lässt Hirten nicht wie die sprichwörtliche „blinde Kuh“ auf den Weideflächen umherirren. Die LfL erprobt hierzu ein vielversprechendes System.

Von wegen „Wer suchet, der findet“, auf den Almen und Alpen der Bergregionen ist das Aufspüren von Weidevieh für die Hirten und Senner oft ein stundenlanges Prozedere, das sich meist in unwegsamem und steilem Gelände abspielt. Dies birgt Gefahren für Mensch und Tier. Außerdem fehlt heutzutage vielerorts im Alpenraum  schlichtweg ausreichend Personal für eine intensive Betreuung der Tiere. Das Institut für Landtechnik und Tierhaltung  (ILT) der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) testet daher seit Oktober 2011 im Rahmen eines Projekts, GPS-Systeme zur Ortung von Weidevieh. Sie sollen den Bergbauern sowie dem Almpersonal die alltägliche Arbeit deutlich erleichtern. 2014 wurde das ILT dafür sogar mit dem Innovationspreis „Deutschland - Land der Ideen“ ausgezeichnet.
Dr. Jan Maxa vom ILT, der das Projekt maßgeblich betreut, erklärt: „Unser System soll neben der Unterstützung bei der Suche der Weidetiere auch Warnmeldungen an den Hirten senden, wenn sich Tiere außerhalb des vorgesehenen Weideareals befinden. Außerdem sind auch Auswertungen oder Informationen zum Weidemanagement - Stichwort: Unter- oder Überweidung - sowie zum Tierverhalten angedacht.“

Auf insgesamt elf Almen und Alpen entlang der Alpenkette, vom Allgäu bis ins Chiemgau hat man dazu bereits Tests durchgeführt, unter unterschiedlichen Voraussetzungen versteht sich. „Denn jede Alm ist anders“, schildert Maxa seine Erfahrungen. Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz des Systems sind neben der Bereitschaft des jeweiliegen Bauern und des Almpersonals, vor allem die technischen Voraussetzungen.

Technische Voraussetzungen

„Das System basiert auf zwei Technologien: Zum einen der Tierortung via GPS-Sender-Halsband - jedes Gerät benötigt daher eine GPS-Empfangs-, Datenverarbeitungs- und Sendeeinheit - zum anderen der mobilen Kommunikation, GSM. Für eine gültige dreidimensionale Positionsdarstellung werden mindestens vier Satellitensignale benötigt. Wichtig ist, dass die Positionsdaten an einen Server und schließlich an den Hirten weiter gesendet werden. So wird automatisch der Standort der Tiere dokumentiert, damit im Anschluss eine Standortabfrage via Smartphone oder Laptop erfolgen kann. Dazu benötigt man natürlich auch eine ausreichende Mobilfunknetz-Abdeckung. Dies ist auch gleichzeitig die Schwachstelle aller getesteten Systeme, wenn sie auf Almen und Alpen eingesetzt werden sollen, da dort häufig keine flächendeckende Mobilfunk-Netzabdeckung vorliegt.

„Die Tierkontrolle nimmt etwa 70 Prozent des Arbeitszeitaufwands auf den Jung- und Altviehalmen in Anspruch“, berichtet Maxa, der selbst einige Sommer als Hirte auf der Seekaralm am Tiroler Achensees verbracht hat. Im Durchschnitt lag die zurückgelegte Wegstrecke zur Tierkontrolle auf den Almen, die am Projekt teilnehmen bei 6,5 km und gut 1000 Höhenmeter täglich. „Im Extremfall musste der Hirte sogar durchschnittlich 9 km und über 1400 m jeden Tag hinter sich bringen, bis er alle Rinder gefunden hatte“, schildert der Fachmann von der LfL. Mit dem GPS-Ortungssystem sei es nun möglich rund ein Drittel dieser Arbeitszeit einzusparen. Auf der Seekaralm wären das etwa 45 Minuten täglich.

Gefahrensituationen rechtzeitig vorbeugen

Aber auch in Gefahrensituationen kann die digitale Ortung des Weideviehs wichtige Dienste erweisen. „Bei einem Landwirt im Chiemgau grenzen die Wald- und Freiweiden gefährlich an große Verkehrsstraßen an. Hier kann jetzt rechtzeitig gehandelt werden, wenn die Tiere die falsche Richtung einschlagen. Ein Blick auf den Bildschirm genügt und man hat Gewissheit“, betont Maxa. Die Position des Tieres wird einem in Echtzeit auf einer Karte dargestellt. Schließlich hätten sich die Sender daher auch zum Aufspüren kranker oder gar verendeter Tiere bewährt.

Ein GPS-Sender wiegt momentan noch etwa 500 g. Die Produkte von insgesamt fünf Herstellern wurden im Rahmen des Projekts bereits getestet. „Wichtig ist die Haltbarkeit des Akkus. Denn nur wenn dieser über die ganze Almsaison funktionsfähig ist, erfüllt das Ortungssystem seinen Zweck“, sagt Maxa. Hieran arbeite der Industriepartner, die Firma Blaupunkt Telematics GmbH, mit Nachdruck. Außerdem soll das Gehäuse des GPS-Senders noch überarbeitet und verkleinert werden. Maxa erzählt: „Die meisten Rinder tragen das Halsband zusätzlich zu ihrer Weideglocke. Da muss der Sender ganz schön viel aushalten.“

Der Start in die Almsaison 2016 steht nun unmittelbar bevor. Im Juli soll das aktuelle Projekt abgeschlossen werden. Den Antrag  für ein Nachfolgeprojekt hat das LfL-Institut beim Bund bereits gestellt. Dann soll der Prototyp zur Marktreife geführt werden. „Jetzt warten wir eigentlich nur noch auf eine positive Rückmeldung“ sagt Maxa. Wer Interesse hat, solle sich für die Almsaison 2017 schon heuer rechtzeitig an das ILT wenden.

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