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Seltene Rassen

Wieder auf dem Vormarsch

Murnau-Werdenfelser
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Max Riesberg, Wochenblatt
am
05.09.2017

München - Die Bemühungen zum Erhalt des Murnau-Werdenfelser Rindes tragen Früchte.

Das Blaue Land rund um die malerische Gemeinde Murnau  im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist eine wahre Perle der oberbayerischen Voralpenregion. Hier wurde bayerische Geschichte geschrieben, nicht nur von Königen und Kirchenfürsten, auch mancher Schöngeist schätzte den Reiz dieses von der bäuerlichen Kultur geprägten besonderen Landstrichs und ließ sich inspirieren zu einzigartigen Werken. So auch Maler Franz Marc, der hier seine expressionistischen Gemälde: die blauen Pferde, der rote Stier und die gelbe Kuh auf die Leinwand brachte. Doch noch ein ganz anderer kultureller Schatz stammt aus dieser Region, nämlich das dort seit jeher beheimatete Murnau-Werdenfelser Rind. Diese alte Nutztierrasse wäre noch vor wenigen Jahren beinahe in Vergessenheit geraten. Heute erlebt sie, Gott sei Dank, wieder eine Renaissance.
Anfang des 19. Jahrhunderts erfreute sich das gelb- bis dunkelbraune Murnau-Werdenfelser Rind zwischen Loisach und Partnach, zwischen Karwendel und dem Wettersteingebirge großer Beliebtheit als robustes und genügsames Dreinutzungsrind. Besonders die sehr guten Zug- und Arbeitseigenschaften der Ochsen wurden in der Land- und Forstwirtschaft geschätzt. Infolge der Industrialisierung wurde diese Arbeitskraft jedoch durch Maschinen abgelöst. Außerdem wurde das Murnau-Werdenfelser Rind zeitgleich hinsichtlich Milch- und Fleischleistung von den strenger selektierten Rassen, vor allem Fleck- und Braunvieh, überholt und sukzessive verdrängt.
Obwohl Murnau-Werdenfelser bestens an die steilen und feuchten Gebiete rund um Murnau und Garmisch angepasst sind, reichte dies nicht, um die Leistungsdefizite wieder ausgleichen zu können. Dementsprechend nahm die Zahl der Murnau-Werdenfelser stark ab und Anfang der 1980er-Jahre erreichte die Population mit nur mehr 39 der Milchleistungsprüfung (MLP) angeschlossenen Kühen ihren Tiefpunkt. Durch das Weiterzüchten mit den wenigen verbleibenden Tieren kam es infolge zu einem starken Zuwachs der Inzucht und damit einhergehenden Problemen, welche sich oftmals in Fruchtbarkeitsdefiziten niederschlagen.

Eine alteingesessene Zuchtstätte

Eine Zuchtstätte, wo den Murnau-Werdenfelsern seit jeher die Treue gehalten wurde, ist der Schulmeister-Hof der Familie Jais in Eschenlohe. Josef Jais hält derzeit 20 Kühe der urtümlichen Rasse sowie deren Nachzucht. Schon Sein Vater Martin war ein eingefleischter Züchter und langjähriger Vorsitzender für die Rasse bei den Weilheimer Zuchtverbänden. Nun ist das Erbe an seinen Sohn Josef übergegangen. Wenn Jais vom Frühjahr bis in den Herbst hinein seine schmucke Herde von der Weide durch den Ort in den Stall zum Melken treibt, denkt man, dass die Zeit stehen geblieben sein muss. Es ist ein Bild, wie es auch ein Maler nicht idyllischer hätten inszenieren können. „Dabei war es lange Zeit alles andere als einfach, mit der Rasse überhaupt noch züchterisch etwas anzufangen“, sagt Jais. Die Inzucht in der Murnau-Werdenfelser Population machte den wenigen verbleibenden Züchtern sehr zu schaffen. „Die Tiere wurden immer kleiner und ließen auch in der Leistung nach“, berichtet der Bauer weiter. „Da musste unbedingt etwas geschehen.“

Ein erfolgreiches Gemeinschaftsprojekt

In der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen wird das Murnau-Werdenfelser Rind als extrem gefährdet eingestuft. Durch die finanzielle Unterstützung des Freistaates konnte die Zahl der MLP-Kühe bis ins Jahr 2015 schließlich wieder auf 258 gesteigert. Nun haben sich neun verschiedene bayerische Organisationen zusammengetan, um ihre Erfahrung, ihr Personal und finanziellen Mittel  zu bündeln und das Murnau-Werdenfelser Rind besser für die Zukunft aufzustellen, wie Tierärztin Regina Thum und Dr. Ivica Medugorac berichten. So startete man im Juni 2016 das Projekt: „Genomunterstützte Inzuchtvermeidung und Selektion neuer Bullenlinien beim Murnau-Werdenfelser Rind“.
An diesem Vorhaben, das auf zwei Jahre anberaumt ist, beteiligen sich das Institut für Tierzucht der LfL in Grub, die Weilheimer Zuchtverbände, der Zweckverband II für künstliche Besamung in Greifenberg, das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Holzkirchen, die Zugspitz Region GmbH, Garmisch-Partenkirchen, das LKV Bayern, der Förderverein zur Erhaltung der Rasse Murnau-Werdenfelser Vieh, der Tierzuchtforschungs e. V. und die Arbeitsgruppe Populationsgenomik der tierärztlichen Fakultät der LMU München. „Alle Organisationen tragen durch ihre Eigenbeteiligung zum Gelingen des Projektes bei“, schildert Doktorandin Regina Thum, die sich sehr darüber freut, dass die Tierzuchtforschung  und der Förderverein, um Geschäftsführer Jürgen Lochbihler, die direkte Finanzierung ihrer Doktorandenstelle übernehmen. Die wissenschaftliche Betreuung erfolgt durch die Arbeitsgruppe Populationsgenomik der LMU München.
Dr. Ivica Medugorac war und ist maßgeblich an den bisherigen Studien und Bemühungen zum Erhalt der Murnau-Werdenfelser beteiligt. „Wir haben uns auch schon in einem vorgelagerten Projekt mit der Thematik befasst“, erklärt er. Für die Bewahrung des Murnau-Werdenfelser Rindes wurden seit den 1960er-Jahren verschiedene Strategien verfolgt, z. B. in Form von Züchterprämien, der Anlage einer Embryonenbank oder der Durchführung von Kreuzungsversuchen, bevorzugt mit Tarentaise-Rindern aus Frankreich. „Letzter Schritt wurde damals aufgrund der enormen Inzuchtdepression zwar als notwendig angesehen, hat aber von der Idee her mit der Erhaltungszucht nichts zu tun. Denn die Murnau-Werdenfelser sind den Tarentaise gentisch weit entfernt“, so Dr. Medugorac. Doch man sei damals einfach nach dem ähnlichen Erscheinungsbild vorgegangen.

Über 170 Murnauer-Genome analysiert

Traditionelle Zucht und Haltung werden heute mit modernsten molekulargenetischen Methoden und Reproduktionstechniken kombiniert, um den Inzuchtkoeffizienten sowie den Verwandtschaftsgrad zwischen den einzelnen Tieren möglichst kleinzuhalten. Alle Bullen und potenziellen Bullenmütter werden beprobt und mit DNA-Chip-Technologie untersucht. Basierend auf genomischen Analysen werden dann solche Paarungspartner ausgewählt, welche Nachkommen mit minimalem Inzuchtkoeffizienten versprechen.
Bernhard Luntz vom Institut für Tierzucht der LfL schildert: „Um zwei oder drei zukünftige Bullen zu züchten, die einen niedrigen und sich ergänzenden Verwandtschaftsgrad gegenüber einem großen Teil der restlichen Population aufweisen, werden Netzwerkanalysen durchgeführt und als Grundlage für die gezielten Anpaarungen genutzt. Ein ähnliches Projekt wurde bereits vor sechs Jahren verwirklicht und hat zwei Besamungsbullen für den Einsatz an der Station Greifenberg hervorgebracht, nämlich Xenon und Xaverl. Außerdem sollten die aktuellen Bullen kaum Tarentaise-Blut in sich tragen – genau gesagt weniger als sechs Prozent.“ Berücksichtigt wird natürlich auch das Exterieur der Tiere. Gemeinsam gehen die Fachleute der Organisationen die Listen der möglichen Paarungspartner für die Zuchtbullen-Produktion in den einzelnen Zielregionen durch.
„Wir hatten letztes Jahr bereits 20 Prozent mehr melkende Herdbuchkühe“, freut sich Helmut Goßner, Geschäftsführer der Weilheimer Zuchtverbände und der Besamungsstation Greifenberg. Wichtig ist ihm dabei vor allem, dass die ursprüngliche Doppelnutzung nicht auf der Strecke bleibt. „Wir müssen an der Leistung und der Melkbarkeit unbedingt festhalten“, sagt er. Dass käme letztlich auch den Mutterkuhbetrieben zugute. Außerdem stünden als Folge der gezielten Anpaarung den Betrieben interessante Stiere zur Verfügung, die es eben nicht an die Besamungsstation schaffen. Auch auf die Zunahmen der Kälber lege man großen Wert, wovon letztlich sowohl die Milchvieh-, als auch die Mutterkuhhaltung profitiere, so Goßner.
Für die kleine Population der Murnau-Werdenfelser geht es also wieder aufwärts. Um ausreichend viele Zuchtkandidaten durch gezielte Paarung zu erhalten und dabei die normale Reproduktion nur marginal zu beeinträchtigen, werden ergänzend Embryotransfers mit Trägertieren nicht bedrohter Rassen durchgeführt. „Die Erhaltungszucht des Murnau-Werdenfelser Rindes sollte in einem Land wie Bayern selbstverständlich sein“, sagt Regina Thum. Wegen ökonomischer Defizite dürfe eine Rasse heute nicht mehr auf der Strecke bleiben. Hier müssen innovative Vermarktungsstrategien greifen.  „Denn was einmal verloren ist, bleibt auch für immer verloren“, betont Thum.

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