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Mutterkuhhaltung

Weide nach altem Vorbild

Mutterkuhweide in der Rhön
Siegfried Steinberger, LfL Tierernährung Grub
am
20.03.2018

Mit dem Auftrieb einer Mutterkuhherde in der Hochrhön konnten Weideflächen wiederbelebt werden. Jetzt wachsen dort wertvolle Pflanzen und bestes Rindfleisch.

Silberdistel

Die Hochflächen der Rhön sind Lebensraum vieler vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen. Einige gehören zu den wertvollsten, aber auch am stärksten gefährdeten Lebewesen Deutschlands. Silberdistel, Arnika und Trollblume, Birkhuhn, Schwarzstorch und Uhu finden dort ihre letzten Rückzugsgebiete. Die sogenannte Mittelhut (750 m NN) liegt auf der Hochrhön im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen in der Marktgemeinde Oberelsbach, Landkreis Rhön-Grabfeld. Sie erstreckt sich auf einer Fläche von rund 140 ha. Durch die  frühere Beweidung entwickelte sich hier ein artenreicher Borstgrasrasen – ein idealer Lebensraum für z. B. die Silberdistel, das Markenzeichen der Rhön.


Bis in die 1950er-Jahre wurde auf der Rhön das Jungvieh der umliegenden Bauern über den Sommer geweidet. Bei genauerer Betrachtung kann man heute noch gut die Weidewirtschaft der damaligen Zeit erkennen. Es wurde sehr kurzes Gras im Umtriebssystem großflächig geweidet, ähnlich dem heutigen System der Kurzrasenweide. Aufgrund des rauhen Klimas und der Nährstoffarmut wuchs das Gras relativ langsam und so wurde mittels großflächiger Koppel bzw. durch Behirtung der Rinder eine optimale Nutzung von jungem, hochverdaulichem Futter erreicht.

 

Strukturwandel stoppt die Beweidung

Familie Hartmann

Infolge des Strukturwandels, welcher gerade in der kleinstrukturierten Landwirtschaft schnell voranschritt, verschwand die kleinbäuerliche Milchviehhaltung rasch und somit auch das Jungvieh auf der Hochrhön. Die Weiden verfielen zusehends. Konkurrenzstarke Gräser und Büsche nahmen immer mehr Raum ein und verdrängten die schwächeren Blütenpflanzen. Mitte der 1980er-Jahre wurde zur Pflege und zum Erhalt der Flächen einerseits und zur Rettung des vom Aussterben bedrohten Rhönschafes andererseits ein Projekt ins Leben gerufen. Mittlerweile grasen etwa 450 Tiere dieser Rasse auf den ehemaligen Rinderweiden.


Leider reichte die Anzahl an Tieren in der Vergangenheit nicht aus, um den Aufwuchs der gesamten Mittelhut entsprechend abzuweiden. Als Folge blieben nicht unerhebliche Flächenanteile brach liegen. Borstgras, Rasenschmiele, Rotes Straußgras etc. dominierten die Flächen. Der Pflanzenrest im Herbst verfilzte die Pflanzennarbe mit einer dichten Mulchschicht. Konkurrenzschwache Pflanzen wurden immer mehr unterdrückt.


Im Sommer 2014 wurde Familie Hartmann aus Weisbach, Marktgemeinde Oberelsbach, auf das Beweidungsprojekt „Sanierung von alpinen Weideflächen durch gezielte Beweidung“ aufmerksam. Die LfL beweidet in diesem Projekt gezielt brach liegende und verunkrautete Weideflächen auf Almen und Alpen. Familie Hartmann betreibt einen biologisch geführten Mutterkuhbetrieb im Zuerwerb. Nach einem Ortstermin und einer fachlichen Beratung im Herbst 2014 durch das Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft (ITE), bewarben sich Hartmanns bei der Neuvergabe um Pachtflächen auf der Mittelhut.


Nach eingehender Diskussion mit Gemeinde und Vertretern der Naturschutzbehörde erfolgte der Zuschlag für 30 ha Weidefläche.

Eine Bedingung für die Beweidung mit Mutterkühen ist unter anderem ein Verbot der

  • Zufütterung (Ausnahme Mineralstoffe in Form von Lecksteinen)
  • und einer zusätzlichen Düngung der Flächen. Damit soll sichergestellt werden, dass keine „Intensivierung“ der Flächen stattfindet.

Kurzrasenweide mit Koppelumtrieb

Im zeitigen Frühjahr 2015 wurde die künftige Weidefläche eingezäunt. Als Weidesystem wurde von den Experten des ITE eine Kombination aus Kurzrasenweiden und Koppelumtriebssystem, analog der historischen Nutzung, empfohlen.

Die klassische Kurzrasenweide wird nach dem Grundsatz geführt, stets kurzes Gras im Blattstadium zu beweiden. Der über den Vegetationszeitraum unterschiedlichen Wachstumsintensität wird durch Anpassung der Flächengröße Rechnung getragen. Wächst pro Tag mehr Futter auf der Fläche als die Tiere täglich fressen wird die Fläche verkleinert.

Der Futterüberschuss auf den abgetrennten Weideflächen wird über einen Ernteschnitt entfernt. Da auf der Mittelhut eine Schnittnutzung nicht vorgesehen bzw. nicht möglich ist, muss dieses System in der Hauptwachstumszeit mit einem Koppelsystem kombiniert werden, damit der zeitweilige Futterüberschuss in zeitlicher Abfolge abgeweidet werden kann.

Weidestart zu Vegetationsbeginn

Das Beweiden der Flächen beginnt stets zu Vegetationsstart. 2015 wurden die Mutterkühe mit ihren Kälbern am 25. April auf die Mittelhut gebracht. Der Austrieb der 36 Kühe mit Kälbern plus Deckbullen erfolgte so früh, damit die Tiere auch ansonsten weniger schmackhafte Pflanzen im Jugendstadium problemlos abfressen und die Gräser zur Bestockung angeregt werden.
Bedenken, dass die Herde nicht genügend Futter findet, sind unbegründet, da zu Beginn der Weidezeit die gesamten 30 ha zur Verfügung standen und der spärliche Aufwuchs eine extrem hohe Nährstoffdichte aufweist. Sobald mit zunehmender Wachstumsintensität mehr Futter auf der Fläche wächst, als die Rinder fressen, wird in ein Koppelumtriebssystem gewechselt. Die Gesamtfläche von 30 ha wird mit mobilen Weidelitzen in drei bis vier Koppeln unterteilt.
Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass zunächst der gesamte Aufwuchs im zeitigen Frühjahr einmal abgeweidet wird. So werden frühtreibende, konkurrenzstarke Pflanzen zurück gestutzt. Die nachfolgende Koppelung ermöglicht es, nacheinander die Folgeaufwüchse abzuweiden. Wichtig ist dabei, dass der Koppelwechsel erst erfolgt, wenn der gesamte verwertbare Aufwuchs auf der aktuell besetzen Koppel gefressen ist. Im Spätsommer, bei nachlassender Wachstumsintensität, werden die mobilen Zwischenzäune wieder abgebaut und die Tiere ziehen bis in den Herbst hinein über die gesamte Fläche. Bereits nach dem ersten Weidejahr konnte eine deutliche Verbesserung der Weidefläche be-
obachtet werden.
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Rasenschmiele stellenweise sehr stark ausgebreitet. Durch eine rechtzeitige Beweidung zu Vegetationsbeginn werden die frischen Blätter von den Rindern jedoch problemlos abgeweidet. Sofern es gelingt, eine Halmbildung weitgehend zu unterdrücken, werden die nachfolgenden Austriebe stets wieder abgefressen. Die in der Vergangenheit gebildeten Horste werden wieder zurückgebissen und ebnen sich mit den Jahren in die Fläche ein.

 

Weideruhe für seltene Blühpflanzen

Die in den Sommermonaten durchgeführte Koppelung ermöglicht eine rotierende Weideruhe auf den Koppeln. So können sich bis zur nächsten Beweidung seltene Blühpflanzen ohne nennenswerte Konkurenz von ansonsten dominanten Gräsern entwickeln.Bereits im dritten Weidejahr entwickelte sich aufgrund der gezielten intensiven Beweidung ein nie zu erwartendes Blütenmeer. Selbst die Silberdistel als Wahrzeichen der Rhön findet jetzt ihren angestammten Lebensraum wieder. Unscheinbare, kleinwüchsige Pflanzen wie die Heidenelke haben nun wieder Licht und sind frei von Konkurrenz.


Auch den Rindern steht bei diesem System während der gesamten Weideperiode ein qualitativ hochwertiges Futter zur Verfügung. Dies zeigt sich an der sehr guten Körperentwicklung der Kälber. Zur Kalkulation der gefressenen Trockenmasseerträge je Hektar (TM/ha) wurde den Mutterkühen eine Futteraufnahme von 15 kg TM und den Kälbern 5 kg TM je Weidetag unterstellt. 

 

Mit dieser Methode lässt sich relativ einfach das vorhandene Ertragspotenzial abschätzen. Zur Einschätzung der ermittelten Erträge ist die Höhenlage von 750 m NN und die fehlende externe Düngung zu berücksichtigen. Zudem ist der Standort, was typisch ist für Unterfranken, als trocken einzuordnen. Für die Jahre 2016 und 2017 liegen die Aufzeichnungen der Niederschlagsmengen während der Weidezeit vor (siehe Tabelle S. 51).
So zeigt das hier aufgeführte Beispiel, wie Naturschutz durch eine fachgerechte Weidewirtschaft betrieben werden kann. Ertragsarme Standorte, wie sie in den Mittelgebirgslagen oder in den Alpen zu finden sind, bedürfen einer systematischen Beweidung, damit sie auch mit tierischer Leistung, Arbeitsaufwand etc. in Einklang gebracht werden. Sicherlich sind dabei die geringeren Erträge solcher Flächen im Sinne des Gemeinwohls abzugelten.


Für die fränkische Familie Hartmann hat sich zudem mit der Aufnahme der Wiederbeweidung durch Rinder auf der Mittelhut ein Traum erfüllt. Zum einen wird so eine jahrhundertealte Tradition wiederbelebt, zum anderen trägt die Beweidung der Hochflächen zur Wirtschaftlichkeit der von ihnen betriebenen ökologischen Mutterkuhhaltung bei. Die kalkulierten Erträge der sonst brachliegenden Flächen konnten durch ein systematisches Weidesystem bei guter Futterqualität genutzt werden.

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