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Fütterung

Weidegang - Profis starten früher

Weideaustrieb
Siegfried Steinberger, Prof. Hubert Spiekers, LfL Tierernährung, Grub
am
29.03.2018

Sobald die Weideflächen ergrünen, muss es für das Weidevieh rausgehen ins Frühlingsgrün. Denn nur so frühzeitig werden der Aufwuchs futtertechnisch ideal genutzt und die Unkräuter zurückgebissen. Das gefällt nicht nur den Rindern.

Die laufende Diskussion zur tiergerechten Rinderhaltung nimmt noch nie dagewesene Formen an. Von einem Verbot der Anbindehaltung bis hin zur verpflichtenden Weidehaltung reichen die Forderungen. Dabei entspricht anscheinend vor allem die Weidehaltung der Verbrauchererwartung  hinsichtlich der geforderten Tiergerechtheit. Das Bild weidender Rinder in der Landschaft könnte also die aktuelle Diskussion etwas entschärfen.

Neben diesem positiven Effekt  für das  Image der Tierhaltung kann eine konsequente Weidehaltung aber auch zur Kostensenkung im Betrieb beitragen. Eine moderne Weidewirtschaft im System der Kurzrasenweide minimiert die Futterverluste und garantiert während der gesamten Weideperiode eine gleichbleibende Futterqualität auf höchstem Niveau. Zudem  wird der Arbeitsaufwand reduziert.

Vor allem die Weidehaltung von Jungrindern bietet sich als kostensenkende und tiergerechte Aufzuchtvariante an. Bei einer Aufzuchtrate der weiblichen Kälber von etwa 90 % und einem Erstkalbealter von 30 Monaten werden etwa 40 % der geernteten Futtermengen an das Jungvieh verfüttert. Als Jungrinderweiden können auch hofferne Flächen eingeplant werden. Gut organisierte Weidebetriebe erreichen je nach Höhenlage mit Jungvieh eine Vollweidezeit (ohne Zufütterung) von fünf bis sieben Monaten. Somit lassen sich die Futterkosten für die Aufzucht erheblich senken.

Jungvieh fünf bis sieben Monate weiden

In den letzten Jahrzehnten gerieten die positiven Auswirkungen einer weidebetonten Aufzucht des Jungviehs auf die Leistungsbereitschaft der Milchkuh immer mehr in Vergessenheit. Aktuelle Auswertungen von LKV-Felddaten durch das Institut für Tierzucht der LfL zeigen positive Effekte hinsichtlich der  Nutzungsdauer (ND) bei den Rassen Fleckvieh und Braunvieh.

Eine weidebetonte Aufzucht kann die Nutzungsdauer der Tiere um bis zu 102 Tage steigern. Erhalten die Rinder anschließend als Milchkuh auch noch Weidegang, so erhöht sich die Nutzungsdauer der Tiere gegenüber der Stallhaltung um bis zu 199 Tage. Gleichzeitig ergab diese Auswertung der LKV-Daten eine Steigerung der Milchlebensleistung der Tiere um rund 3500 kg bei Weidehaltung.

Bei optimaler Weideführung als Kurzrasenweide kann auf Grund des konstanten Futterangebots auch bei diesem System das Erstkalbealter ohne Probleme auf 25 Monate gesenkt werden. Eine Erhöhung der Nutzungsdauer und die Reduzierung des Erstkalbealters haben zur Folge, dass weniger Jungvieh aufgezogen werden muss. Dies kann die Nährstoffbilanz der Betriebe deutlich entlasten. Als Folge müssten weniger Fläche bzw. Gülleabnahmeverträge bereitgestellt werden oder der Spielraum zum Einsatz von Mineraldünger-N erhöht sich.

Leider ist immer wieder zu beobachten, dass Jungrinder zu spät in bereits mähreife Bestände eingetrieben werden. Ein Großteil des Weideaufwuchses wird niedergetrampelt und die Zuwächse der Tiere können nicht befriedigt werden. Deshalb gilt auch für Jungviehweiden der Grundsatz, kurzes Gras zu weiden. Werden die Tiere auf hoffernen Flächen aufgetrieben und dadurch sofort Tag und Nacht geweidet, ist der Weidebetrieb bei ausreichendem Graswachstum zu beginnen. Dies wird je nach Höhenlage Anfang bis Mitte April der Fall sein.  Zunächst werden nur ein Teil der Rinder aufgetrieben, z. B. vier trächtige Rinder/ha, mit zunehmendem Graswachstum dann weitere Tiere nachgetrieben.

Milchvieh zum Start stundenweise weiden

Ein optimaler Weidestart mit Milchvieh gelingt mit einer stundenweisen Beweidung zu Vegetationsbeginn. Alle hofnahen und erreichbaren Flächen, auch die zum Silieren vorgesehenen Flächen, sollten in die Vorweide mit einbezogen werden. Dadurch werden alle möglichen Flächen für einige Tage überweidet, zeitig wachsendes Unkraut verbissen und frühe Obergräser gekürzt. Die Tiere erhalten in den ersten ein bis zwei Wochen bis zur abendlichen Melkzeit stundenweisen Weidegang.

Aus ernährungsphysiologischer Sicht ermöglichen die begrenzte Weidedauer und der noch spärlich vorhandene Aufwuchs einen fließenden Übergang von der meist stärkereichen (Maissilage, Kraftfutter) Winterration zur Grasration. Aufgrund des höheren Zuckergehalts des Grases gegenüber Silagen ist zu empfehlen, den Kraftfutteranteil, besonders den Anteil an leichtlöslichen Kohlehydraten (Getreide) um etwa 2 bis 3 kg je Kuh und Tag zu reduzieren. Dadurch kann einer möglichen Pansenübersäuerung bzw. einer Pansenblähung entgegengewirkt werden.

Kraftfutter zur Umstellung reduzieren

Mit zunehmendem Graswachstum steigt auch der Rationsanteil an Gras in der Gesamtration und die Winterration wird um den zunehmend mehr werdenden  Futterrest zurückgenommen. Bei Jungrindern und Mutterkühen kann die Umstellung von Grassilage und Heu/Stroh bestimmten Winterrationen auf kurzes Weidegras sofort erfolgen, da sich die Futterart nicht ändert. Bei weiden von kurzem Gras zeigen die Tiere keinen Durchfall wie es von der Verfütterung von längerem Gras bekannt ist.


Während bei der Schnittnutzung von Grünland versucht wird, das Optimum zwischen Ertrag und Verdaulichkeit des Aufwuchses zu erreichen, kann bei der Beweidung das Optimum in der Verdaulichkeit des Futters angestrebt werden. Bei der maschinellen Ernte muss ein gewisser Ertrag je ha, also eine bestimmte Aufwuchshöhe vorliegen, damit der Ernteaufwand im Verhältnis zur geernteten Qualität passt.

Gras bei höchster Verdaulichkeit nutzen

Die in Europa üblichen Gräser besitzen maximal drei funktionsfähige Blätter. Wird an der Triebspitze ein viertes Blatt ausgebildet, beginnt das unterste Blatt abzusterben. Aus diesem Grunde besteht  der Massenzuwachs während eines Aufwuchses überwiegend aus Stängelanteil. In diesen Stängeln wird vermehrt Stützgewebe (Cellulose, Lignin) zur Stabilität eingelagert, welches die Verdaulichkeit der Pflanze senkt. So sinkt die Verdaulichkeit von anfangs 85 % (Blattstadium) auf unter 40 % (Ende Blüte) ab. Dies erklärt unter anderem auch den rückläufigen Energiegehalt bei zunehmender Aufwuchshöhe.

Sollen nun optimale Energieerträge je ha erzielt werden, ist bei Weidegang das Gras im 2,5 bis 3 Blattstadium zu nutzen. In diesem Stadium ist die Pflanze fertig ausgebildet und würde nun beginnen, den Stängelanteil zu erhöhen. Jedes zusätzlich gebildete Blatt bedeutet ein Absterben des untersten Blattes und somit einen Verlust an bereits gewachsener Pflanzenmasse. Anhand von Verdauungsversuchen an Hammeln mit sehr kurzem Gras konnten je nach Vegetationszeit Energiegehalte von 6,6 bis 7,4 MJ NEL/kg TM nachgewiesen werden.

Da im Weidebetrieb keine „Erntekosten“ je kg TM anfallen, sollte Weidegras im Zustand der höchsten Verdaulichkeit genutzt werden.
Die auf Weiden bestandsbildenden Gräser wie Weidelgras und Wiesenrispe erreichen das 2,5- bis 3-Blattstadium bei etwa 7 bis 8 cm Aufwuchshöhe. Da bei der Aufwuchsmessung mittels Deckelmethode (Plastikdeckel mit mittigem Loch und Meterstab, www.lfl.bayern.de/ite/gruen-landnutzung) der Bestand leicht gedrückt wird, sind hier 5 bis 6 cm anzustreben.

Bei einer Weideführung im Koppelumtriebssystem bedeutet dies, dass bei Weideauftrieb die Bestandeshöhe maximal 6 cm betragen darf. Die Koppelgröße sollte dabei so gewählt werden, dass der Futteraufwuchs für einen Tag ausreicht. Der Aufwuchs muss nach dem Verlassen der Koppel auf 3 cm Höhe abgefressen sein. Dadurch lässt sich verhindern, dass sich von Umtrieb zu Umtrieb immer mehr Futterreste aufbauen und annähernd der gesamte Aufwuchs in Milch bzw. Zuwachs umgewandelt wird.

Bei Kurzrasenweiden ist zu beachten, dass in der Regel kein Weidewechsel erfolgt. Dadurch findet man auf der Weide Teilbereiche vor, welche auf 2,5 bis 3 cm abgefressen sind und einen gewissen Anteil höheren Aufwuchses in den Geilstellen. Der Mittelwert der Aufwuchsmessungen soll bei Milchkühen 5 bis 6 cm, bei Jungvieh und Mutterkühen 4 bis 6 cm betragen.

Laktationsplanung und Tiergewohnheiten

Sofern ausreichend Weidefläche zur Verfügung steht, sollte die Weidehaltung als Vollweide gestaltet werden. Dabei wird den Tieren im Stall kein zusätzliches Grobfutter angeboten (nur eine angepasste Mineralstoffversorgung). Das Problem liegt im Verhalten der Kuh. Die Milchkuh ist ein Gewohnheitstier. Sofern die Kuh weiß, dass sie im Stall hochwertiges Futter zur Sättigung vorgelegt bekommt, wird sie auf der Weide die Flächen nie sauber abweiden. Sie wird nach einer gewissen Weidezeit am Zaun stehen und in den Stall drängen. Dadurch steigt der Weiderest an. Erst wenn die Kühe gelernt haben, dass der Gang in den Stall nur zum Melken dient und kein Futter vorzufinden ist, werden sie das Grasen intensiv fortsetzen.

Wenn bei hohen Einzeltierleistungen von mehr als 25 kg Milch/Tag eine Kraftfutterergänzung gewollt ist, sind dringend pansenschonende Komponenten wie Körnermais und Trockenschnitzel zu wählen. Ebenfalls ist die maximale Tagesmenge auf 3 kg/Tier zu begrenzen. Es gilt immer zu bedenken, dass jede Zufütterung im Stall billigstes Weidegras verdrängt. Aus diesem Grund setzen erfolgreiche Weidewirte auf eine Winterkalbung. Die Laktationsspitze wird mit bestem Grobfutter und Kraftfutterergänzung im Stall während der Winterperiode ermolken.

Bei Weideaustrieb liegt das Milchleistungsniveau der Herde idealerweise bei etwa 25 kg Milch/Tier und Tag. Obwohl kurzes Weidegras höchste Energiegehalte/kg TM aufweist, ist bei Weidegang die Gesamtenergieaufnahme begrenzt, da die Futteraufnahme den limitierenden Faktor darstellt.

Hohe Verluste bei der Futterkonservierung

In Sachen Futtereffizienz kann eine optimierte Weidehaltung zusätzlich punkten. Die konsequente Beweidung von kurzem Gras minimiert die Weidefutterreste. Demgegenüber sind die Verluste bei Konservierung des Futters bis zum Maul des Tieres erheblich. In einem von der LfL durchgeführten Projekt zur „Effizienten Futterwirtschaft“ wurden an den Lehr-, Versuchs- und Fachzentren die Verlustquellen von der Erntemenge vom Feld bis hin zu den tatsächlich gefressenen Futtermengen erfasst. Dabei wurden Verluste bis zu 30 % der Trockenmasse festgestellt.

Trittverluste und Verschmutzung

Die Beweidung von Grünlandflächen schließt die oben genannten Verluste von vornherein aus. Allerdings können bei unsachgemäßer Weideführung zum Teil erhebliche Verluste durch Tritt, Verschmutzung und Überalterung der Bestände auftreten. Durch die Wahl des geeigneten Weidesystems gilt es, die Weideverluste zu minimieren. Das System der Kurzrasenweide beruht auf dem Prinzip, dass der tägliche Futterzuwachs mit dem täglichen Verzehr weitgehend übereinstimmt. Das Futterangebot ist dabei knapp zu halten, damit der gesamte Aufwuchs gefressen wird und wird über eine entsprechende Flächenzuteilung gesteuert.

Das Beweiden von kurzem Gras (Kurzrasenweide oder intensive Umtriebsweide) garantiert somit höchste und vor allem gleichbleibende Futterqualität während der gesamten Vegetationszeit. Gleichzeitig werden die Futterverluste im Gegensatz zur Konservierung oder einem veralteten Weidemanagement minimiert. Die Umsetzung einer Vollweidehaltung animiert die Tiere zum intensiven Weiden.

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