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Forstwirtschaft

Wald - die Schäden sind dramatisch

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Alexandra Königer, Wochenblatt
am
05.09.2019

Vor dem Waldgipfel Ende September positionieren sich die Ministerinnen.

Berlin Pünktlich zum Verbändegespräch, zu dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vergangene Woche eingeladen hatte, meldete sich Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zu Wort. Beim Waldgipfel Ende September sollen erste Pflöcke eingerammt werden bei der Frage, wie Hilfen für den Wald und seine Besitzer aussehen sollen. „Wenn der Staat mit Steuergeld privaten Waldbesitzern beim Wiederaufbau hilft, muss die Gesellschaft auch etwas davon haben“, ließ Schulze direkt nach Klöckners Verbändegespräch den Spiegel wissen. Das Geld dürfe nicht mit der Gießkanne verteilt werden. Nötig seien klare Kriterien für die Förderung: „Prämien soll es für die geben, die ihren Waldumbau vor allem am Nutzen für die Natur und am Klimaschutz ausrichten und nicht an der Holzproduktion. Bäume müssen groß und alt werden dürfen“, erklärte Schulze.

Klöckner erteilte nach dem Verbändegespräch „ideologischen Debatten“ um die künftige Gestaltung des Waldes eine Absage. Das zielte zwar nicht direkt auf Schulze, aber im Kern hat eine Grundsatzfrage nun auch die Bundesregierung erreicht: Ist es zur Eindämmung des Klimawandels besser, den Wald zu nutzen oder ihn sich selbst zu überlassen? Die Frage spaltet auch die Teilnehmer des Verbändegesprächs (siehe unten). Einigkeit besteht nur darüber, dass es eine Holzbauoffensive geben soll. Das war es dann aber schon.

Bei der Wiederbewaldung und dem Waldumbau müsse es darum gehen, den vor Jahren eingeschlagenen Weg fortzuführen und zu forcieren, sagte Klöckner. Will heißen: Es läuft eigentlich alles ganz gut. Das sehen nicht alle so. Vor allem Naturschützer plädieren für eine ökologische Neuausrichtung der Waldpolitik, mit der offenbar auch Schulze gut leben könnte. Waldbesitzerverbände bringen solche Aussagen in Rage.

Zumindest ist die Dringlichkeit des Themas ganz oben angekommen. Klöckner stuft die Folgen der beiden Dürrejahre als „dramatisch“ ein. Sie bestätigte den Ausfall von bundesweit mehr als 110 000 ha Wald, die der Trockenheit, Stürmen und Bränden sowie dem Borkenkäferbefall zum Opfer gefallen seien.

Waldrettung: Von Milliardenhilfe bis zur Ökowende

Das fordern die Verbände, die vergangene Woche zum Gespräch bei Ministerin Klöckner geladen waren:

  • Der Bund der Deutschen Forstleute (BDF) hat den sogenannten „Carlowitz-Plan“ vorgelegt. Der BDF spricht – anders als Klöckner – von bundesweit 250 000 ha Schadflächen, die wieder bewaldet werden müssen. Eine Milliarde junge Bäume sei nötig, die müssten erstmal herangezogen, in den Wald gebracht und gepflanzt werden. Inhalt des Plans: mehr Waldumbau, eine „waldfreundliche“ Jagd, mehr Forstleute, die Einrichtung eines Wald-Bundesamts, stoffliche Holznutzung erhöhen. In den nächsten zehn Jahren fordert der BDF mindestens zwei Mrd. € aus Bundesmitteln – plus Geld der Bundesländer.
  • Der Präsident der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände – Die Waldeigentümer“, Hans-Georg von der Marwitz, und der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats, Georg Schirmbeck, veranschlagen die Kosten für die Beseitigung von rund 70 Mio. fm Holz und die Wiederbewaldung der Schadflächen auf rund 2,3 Mrd. €. Marwitz schlägt neben einer Holzbauinitiative eine CO2-Abgabe vor, um die Ökosystemleistungen des Waldes zu honorieren. Schirmbeck hält wissenschaftliche Empfehlungen für standortgerechte Wälder für nötig – und Maßnahmen gegen den „teilweise überhöhten Wildbestand“. Beide plädieren für unbürokratische Verfahren und eine Stärkung der Forstbetriebsgemeinschaften.
  • Der Vizepräsident des Deutschen Jagdverbands fordert ein Umdenken in der Forstpolitik. „Waldumbau mit dem Gewehr ist viel zu kurz gedacht“, betont Dirk-Henner Wellershoff. Es reiche nicht, die behördlichen Abschussvorgaben für Reh und Hirsch immer weiter in die Höhe zu treiben: Entscheidend seien langjährige und intensive Pflege- und Schutzmaßnahmen, mehr Forstpersonal und staatliche Subventionen für die anstehenden Umbauprozesse.
  • Für eine grundlegende Neuausrichtung der Waldpolitik plädieren der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der World Wide Fund for Nature (WWF) Deutschland. Der Nabu hat dazu ein Zwölf-Punkte-Papier vorgelegt. Darin wird beispielsweise die Förderung der natürlichen Verjüngung gefordert. Nabu-Präsident Olaf Tschimpke warnte davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, und nannte die flächige Räumung von absterbenden Forsten und die einseitige Förderung von Nadelbaumarten. „Anstatt aktionistisch Geld mit der Gießkanne zu verteilen, sollte Julia Klöckner eine naturorientierte Waldwirtschaft unterstützen“, verlangte Tschimpke. Auch der WWF prangert Fehler der Vergangenheit an. „Deutschlands Wald braucht die ökologische Wende“, mahnte der WWF. Durch die Förderung von vielfältigen Laubmischwäldern, wie sie ursprünglich natürlicherweise in Deutschland vorgekommen seien, müsse man „dem Klimawandel etwas entgegensetzen“. Der WWF fordert eine ökologische Überarbeitung des bestehenden Waldgesetzes, um die Förderung eines stabilen Wasserhaushaltes im Wald zur Pflicht zu machen. Finanzielle Hilfen für die Waldeigentümer seien an entsprechende Maßnahmen zu koppeln.
  • Aus Sicht des Deutschen Forstwirtschaftsrats seien als Sofortmaßnahme zur Räumung und Schadbeseitigung allen Waldbesitzarten, insbesondere jedoch den Klein- und Kleinstwaldbesitzern, rückwirkend zum Beginn dieses Jahres 25 € pro m3 geräumtes Schadholz unbürokratisch zur Verfügung zu stellen. Weitere Forderungen: ein bundesweites Holzlogistikprogramm zur Beseitigung des Schadholzes, mehr Forschung zu klimaresilienten Baumarten und die vermehrte Einstellung qualifizierten Forstpersonals.
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