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„Wir Bauern stecken in dem Dilemma der Essensmacher“

Weizenernte
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Helmut Süß, Wochenblatt
am
01.02.2018

Bauer Willi im Interview.

Bauer Willi

Wochenblatt: Die allgemeinen Medien berichten über die Landwirtschaft, wenn Skandale zu melden sind. Der Beruf des Landwirts hat trotzdem ein gutes Ansehen. Was ist das Problem der Landwirte?
Bauer Willi: Die Landwirtschaft steckt in einem Dilemma: dem Dilemma der Essensmacher. Die Frage, was will die Gesellschaft, der Bürger, der Verbraucher von mir als Landwirt, von mir als Essenmacher, ist kaum zu beantworten.
Wochenblatt: Beginnen wir mit dem Konsument: Was will er?
Bauer Willi: Der Konsument will genug von allem. Das ist heute kein Problem. Er will es preiswert. Es soll immer verfügbar sein und gesund.
Wochenblatt: Und die Gesellschaft bzw. der Bürger?
Bauer Willi: Der Bürger hat ganz andere Vorstellungen: Er möchte in seinen Lebensmitteln keine Rückstände, er möchte, dass die Produktion keine Umweltfolgen hat, dass sie tiergerecht und nachhaltig ist. Wobei nicht immer klar ist, was er darunter versteht. Ganz zum Schluss fordert er noch, dass die Produzenten fair mit ihren Mitarbeitern umgehen. Die Gesellschaft schließlich hat noch die Anforderungen, dass Landwirte ressourcenschonend arbeiten, fair zu den Entwicklungsländern sind, dass die Produkte regional produziert werden und zum guten Schluss noch, dass der bäuerliche Familienbetrieb erhalten wird.
Wochenblatt: Was genau führt zum Dilemma, wie Sie sagen?
Bauer Willi: Dass wir all diese zum Teil auch gegensätzlichen Wünsche nicht erfüllen können. Wir Essensmacher stehen also in dem Dilemma zwischen Wunsch und Anspruch unserer Bürger und dem tatsächlichen Verhalten des Verbrauchers.
Wochenblatt: Wie kann man die Öffentlichkeit  besser über dieses Dilemma informieren, neben den klassischen Instrumenten wie Tag des offenen Hofes?
Bauer Willi: Jeder Landwirt MUSS jede Möglichkeit im Alltag nutzen, um mit den Bürgern und Verbrauchern ins Gespräch zu kommen. So geben sie der Landwirtschaft ein Gesicht. Viele Verbraucher wissen wenig über Landwirtschaft. Für uns Landwirte ist das eine riesige Chance, denn wir können ihnen die Realität näher bringen. Ich habe all diese Punkte mal in einem Buch mit dem schönen Titel Sauerei zusammengefasst. Hier kann man sich selbst informieren, oder man kann das Buch verschenken. Einem Nachbarn zum Beispiel.
Wochenblatt: Die Medien unterscheiden meist über die guten Ökobauern und die bösen konventionellen Landwirte. Wie sehen Sie dabei das Thema bio und konventionell?
Bauer Willi: Die beiden Bereiche werden sich annähern. Zum einen, weil bei den Biobetrieben zunehmend das Problem der Arbeitserledigung besteht, bei den konventionellen Betrieben aber zunehmend Resistenzen auftreten. Pflanzenschutzmittel fallen weg und neue Wirkstoffe sind kaum in Aussicht. Hinzu kommen noch die Auflagen des Lebensmitteleinzelhandels, der als neuer Gesetzgeber Standards kreiert. Wir sind also gezwungen, uns über Alternativen in der Bewirtschaftung Gedanken zu machen.
Wochenblatt: Also wieder mit der Hacke statt mit der Spritze aufs Feld? Oder kann eventuell moderne Hightech den Bio- und konventionellen Landwirten helfen?
Bauer Willi: Ja, es gibt ein paar Beispiele, die sowohl für Biobauern als auch konventionellen Landwirten hilfreich wären. Ich hoffe, dass wir demnächst autonome Roboter haben werden, die Unkräuter ohne Chemie entfernen. Dass unsere Pflanzen noch individueller ernährt werden, als das bisher der Fall ist und dass schließlich auch, dass Maschinen die Ernte von Spargel, Erdbeeren und Obst übernehmen.
Wochenblatt: Das geht in Richtung Smart Farming und Digitalisierung. Wo sehen Sie einen konkreten Nutzen der Digitalisierung in der Landwirtschaft?
Bauer Willi: Zum Beispiel können Probleme schneller analysiert werden und man kann die  zur Verfügung stehenden Informationen so verknüpfen, dass das beschränkte menschliche Gehirn daraus bessere und schnellere Rückschlüsse ziehen kann. Schließlich können uns die modernen Medien dabei helfen, dass Prognosen individueller und kleinräumiger erstellt werden.
Etwas, was in meinem Kopf umgeht, aber noch wenig konkret ist: Ich möchte als Landwirt meinen Mitbürgern in verständlicher Form klarmachen, dass ich ordentlich wirtschafte. Ich habe so viele  Daten, mit denen ich das belegen könnte. Ich könnte zum Beispiel meinen Dieselverbrauch im Verhältnis zum Ernteertrag setzen, ich könnte die positive Entwicklung des Humusgehaltes aufzeigen, ich könnte eine betriebsindividuelle Klima­bilanz erstellen. Kurzum: Ich möchte für meinen Betrieb ein Zeugnis erstellen! Damit werde ich für meine Mitbürgern vertrauenswürdig, denn das ist mir sehr wichtig.Doch das ist verdammt viel Arbeit, hier wünsche ich mir Unterstützung.

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