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Getreidemarkt

Wenn was fehlt, dann Qualitätsgetreide

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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
22.09.2016

München - Guter Backweizen und hochwertige Braugerste – diese beiden könnten den Acker­bauern in diesem Vermarktungsjahr am ehesten Freude bereiten. Denn Masse gibt es weltweit genug und billige Schiffsfrachten blockieren regionale Preise.

Dieses Getreide-Vermarktungsjahr wird allen Beteiligten eine Menge abverlangen. Zumindest soviel scheint festzustehen, sonst ist vieles offen. „Die Qualitäten des bayerischen Weizens sind sehr verschieden, leider sind Diskussionen vorprogrammiert“ – dieses Eingangswort des Vorsitzenden der Landesvereinigung Hermann Greif beim Treffen der Erzeugergemeinschaften für Qualitätsgetreide war zwar als Ausblick auf die kommenden Wochen gedacht, aber zugleich auch Programm für das Gespräch mit den Partnern aus dem Agrarhandel und seitens der Verarbeiter.
Mit der Markteinschätzung der drei anwesenden Erfassungshändler startete die Diskussion. Ludwig Höchstetter richtete zunächst den Blick auf die internationale Situation. Die ist für den Getreidehändler der BayWa AG ziemlich übersichtlich: Nach drei sehr großen Getreideernten folgt heuer die vierte. Und: Gerade jene Länder, die auf Exporterlöse dringend angewiesen sind, haben die hohen Erträge. Höchstetter meinte damit die Schwarzmeeranrainer Russland, Ukraine, Kasachstan. Sie werden in den nächsten Wochen die Exportmärkte bedienen, meinte Höchstetter. Das liegt auch an den niedrigen Kosten für die Schiffsfrachten. „Acht Euro reichen aus, um eine Tonne vom Schwarzen Meer an die Nordsee zu bringen“, sagte der Getreidehändler, „das deckelt die Preise“.
Aber er sprach auch von einem Silberstreif, dem Qualitätsweizen. Denn der fehlt nicht nur den französischen Ackerbauern, auch die Osteuropäer haben zwar viel Weizen geerntet, aber keine guten Qualitäten. Deutschland scheint für den BayWa-Manager „der einzige Anbauraum, wo einigermaßen gute Qualitäten“ geerntet wurden.

Leichte Partien sind schwer zu vermarkten
Leider werden nicht alle bayerischen Erzeuger guten Qualitätsweizen eingefahren haben. Johann Schweiger, der Präsident des bayerischen Landhandelsverbands, sieht heuer in seinem Agrarhandelsbetrieb mit Zentrale in Kelheim sehr unterschiedliche Weizenqualitäten einlaufen. Vor allem niedrige Hektolitergewichte (hl-Gewichte) fallen auf, sie stammen oft von Betrieben mit guten Böden. Manche Partien, vor allem auch jene mit niedrigem hl-Gewicht, sind mit Fusariumtoxinen belastet. Die Fallzahlen hingegen scheinen in der Regenperiode zu Beginn der Erntezeit nicht gelitten zu haben. Die leichten Partien, sagte Schweiger, sind schwer im für den bayerischen Weizen wichtigen italienischen Markt zu platzieren. Hier werde es noch Überzeugungsarbeit bei den Abnehmern in Italien brauchen.

 
Die Braugerste mit einer Rekordprämie
Auch der Vertreter der Mühlen, Dr. Josef Rampl vom Müllerbund, beklagte die niedrigen hl-Gewichte. Denn dieser Weizen bedeute für die Mühlen eine geringe Ausbeute und damit wirtschaftliche Einbußen. Doch insgesamt rechnet Rampl damit, dass der Bedarf der bayerischen Müller an 1,1 Mio. t Backweizen und 80 000 t Roggen gedeckt sei. Eine Aussage, die auch Höchstetter unterstützte. Die mehr als 3,5 Mio. t bayerischer Weizen liefern ihm zufolge genug Rohstoff für die Müller.
Ein anderes Qualitätsgetreide bietet heuer Chancen: die Braugerste. Im Vergleich zur Futtergerste sei die Prämie „rekordverdächtig“, wie BayWa-Händler Höchstetter sagte. Er gab den Landwirten mit auf den Weg, angesichts dessen nicht das Verkaufen zu vergessen.
Albert Ostler vom Agrarhandel Hausladen in Kirchheim östlich von München sprach von derzeit etwa
19 €/dt verkaufsfertige Ware. So wie er die Marktsituation schilderte, fehlt in diesem Jahr insbesondere der Rohstoff aus Frankreich – sowohl Winter- wie Sommerbraugerste. Von dort kommen üblicherweise große Mengen nach Bayern zum Vermälzen, denn die bayerischen Malzfabriken verarbeiten seit Jahren weitaus mehr Gerste als hier angebaut wird. Doch Ostler gab auch zu bedenken, dass nach seiner Wahrnehmung Brauereien über mehrjährige Verträge gut versorgt seien. Damit seien auch die Mälzer gezwungen gewesen, sich längerfristig abzusichern. Das könnte also den Markt für die Braugerste etwas dämpfen. Sein Ziel sei es, den derzeitigen Preisabstand zur Futtergerste zu halten.
Auch Christian Plössl, Präsident der Bayerischen Warenbörse und selbst Landhändler mit einem Betrieb in Augsburg, dessen Schwerpunkt im Handel mit Braurohstoffen liegt, teilte die Einschätzung. „Dieses Jahr reicht das Braugetreide trotz der schlechten Nachrichten aus Frankreich noch“, meinte er, umso interessanter könne es zur nächsten Ernte werden. Er empfahl trotzdem, zumindest für einen Teil der Ernte einen Kontrakt zu schließen, denn in den letzten Jahren seien es häufig die frühzeitig verkauften Partien gewesen, die die besten Preise erzielt hätten.

Marktstrategie: Teilmengen verkaufen
Einen Teil mit Vorverträgen abzusichern, war generell die Empfehlung seitens der Händler. Ein zweiter Teil könne in den Wochen nach der Ernte verkauft werden, dann bliebe immer noch Ware, mit der man auf Preishochs im Laufe eines Wirtschaftsjahres warten könne. Diese Strategie war auch die Antwort auf die Sorgen der EG-Vorsitzenden, dass in Jahren mit schwieriger Erntezeit und damit nicht garantierten Qualitäten vorverhandelte Verträge zu einem Bumerang werden könnten. Dann nämlich, wenn die geerntete Ware nicht der Spezifikation in den Verträgen entspreche. Was sei dann zu tun?
Die Händler und die Verarbeiter betonten unisono das Wort der „Vertragstreue“, die auch sie bei ihren Abnehmern beweisen müssten. Auch aus diesem Grund dürften keine zu hohen Anteile der Ernte im Vorhinein verkauft werden. Dann sei die Gefahr, einen Vertrag nicht erfüllen zu können, weniger groß.
Das Pochen auf Vertragstreue heißt für den Landwirt natürlich auch, angebotene Verträge wirklich genau zu prüfen. Denn oft stecken die Fallstricke in den Details. Anlieferung, Qualität, aber auch Abrechnungszeitpunkt usw. müssen gut geklärt sein. Ein Streitpunkt in diesem Jahr war vielerorts auch die Trocknung und deren Kosten. Trocknungskostentabellen wurden nicht veröffentlicht und auch die Großzügigkeit im Umgang mit den Kosten war nicht überall zu erkennen, obwohl die Energiekosten seit der letzten Erhöhung der Trocknungskostentabellen tief gefallen sind.
200 € für die Tonne Weizen? Die gibt es sicher wieder, aber er weiß halt nicht wann – diese mit einem Schmunzeln dargebrachte Aussicht von Ludwig Höchstetter mag irgendwie unbefriedigend wirken, aber sie hat auch einen Kern, den es zu bedenken gilt. Denn zu den jetzigen Preisen, sagte der BayWa-Händler, könne niemand auf der Welt kostendeckend Qualitätsweizen produzieren. Also würden auch die Intensitäten wieder zurückgefahren werden müssen. Es kämen wieder Zeiten, wo der Überfluss beendet ist. Auch das ist keine Gewissheit, aber die gibt es heuer im Getreidemarkt sowieso nicht.

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