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Erzeugerpreise

Getreidemarkt - Was kann jetzt noch helfen?

Getreideexperten
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
10.11.2016

München - Der Getreidemarkt ist nach vier Rekordernten in Folge schwer angezählt.

Selbst größere Einschnitte im laufenden Anbaujahr werden wohl kaum zu nachhaltigen Preisaufschwüngen führen. Getreidevermarkter brauchen derzeit starke Nerven.
Die Preiskrise am globalen Getreidemarkt hat sich nicht von heute auf morgen ergeben. Sie hat sich über die enormen Ernten der letzten vier Jahre aufgebaut. Jetzt stehen die Ackerbauern vor der Situation, dass die Lager weltweit mehr als ausreichend gefüllt sind. „Wo sollen steigende Preise herkommen“, fragte deshalb Colette Rottenberger in die Runde des Fachausschusses pflanzliche Erzeugung und Vermarktung des Bayerischen Bauernverbands (BBV) am vergangenen Donnerstag in München und gab selbst als Antwort, dass ein einzelnes Ereignis, zum Beispiel Auswinterung in Russland, vermutlich nur kurzfristig zu Ausschlägen an den Börsen führen dürfte.
Die Getreidehändlerin der Bayernhof GmbH (siehe Kasten unten) sieht angesichts der schwachen Weizenpreise kaum Abgabebereitschaft der Landwirte. Doch das hält sie für eine risikobehaftete Strategie – aus zwei Gründen, zum einen dürften Preisaufschläge, sofern sie kommen, nur sehr kurzfristig zu nutzen sein, zum anderen mahnte sie an, vorhandene Nachfrage am Markt auch zu nutzen.

Getreide verkaufen, wenn Nachfrage da ist

Der letzte Punkt sollte noch etwas ausgeführt werden. Derzeit, sagte Rottenberger, gebe es am Markt Nachfrage seitens der Mühlen und der Kraftfutterwerke. „Wenn Nachfrage von den Verarbeitern vor Ort da ist, sollte man sie bedienen“, sagte die Weizenhändlerin, ansonsten müsse man zu einem späteren Zeitpunkt „sonst wohin vermarkten“ – und Geld quasi auf der Straße lassen. Ein zweiter Aspekt ist: Wenn die erste Welle an Nachfrage bedient und damit abgeebbt ist, muss erst wieder eine neue Meldung die Märkte bewegen, damit eine neue Nachfragewelle sich aufbaut und die Preise steigen. Eine Weizenschwemme nach Weihnachten wäre da nicht hilfreich.
Rottenberger führte ein Vermarktungsmodell auf, das den Landwirten seit Jahren von vielen Markt­experten nahegelegt wird, das Aufteilen der Getreideverkäufe in drei Teile: einer zur Ernte („da wollen die Mühlen die neue Ware sehen“), einer bis Weihnachten und ein letzter im neuen Jahr („nur in zwei der letzten vier Jahre war der Preis im Frühjahr höher als im Herbst“). Diese Strategie begrenzt das Risiko und erlaubt mit einer Teilmenge auf steigende Preise zu spekulieren. Bis zum Ende des Jahres sollten aber mindestens die Hälfte des Getreides verkauft sein, meinte Rottenberger. Zumindest sollte jede Ware, die Lagerkosten verursacht, bald den Besitzer wechseln, denn es sei einfach nicht sicher, dass sich diese Kosten in der nahen Zukunft einspielen lassen.
Der Weltgetreidemarkt zeigt sich heuer zweigeteilt, sagte die Weizenhändlerin. Die Westeuropäer haben eine schwache Ernte eingefahren, aber weltweit gebe es trotzdem eine Rekordernte (siehe Tabellen). Die Endbestände steigen. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass große Lagermengen die Ernährungssicherheit in China sicherstellen. Dieses Getreide wird in China bleiben und nicht mehr auf den globalen Märkten auftauchen.
Einige Besonderheiten gibt es in den Handelsrouten. Die Schwarzmeerländer exportieren, soviel sie können. Was dort häufig fehlt, ist ausreichende Qualität. Stark umkämpft sind die Märkte Nordafrikas. Russland, Ukraine und Co. nutzen die Nähe, die Nordamerikaner die günstigen Schiffsfrachten. Letztes Jahr hat sogar Argentinien Weizen nach Afrika geliefert. Österreich und Ungarn beliefern mit ihrem offenbar hervorragenden Weizen den italienischen Markt. Das tut den bayerischen Vermarktern weh. Dafür liefern diese Weizen an die Ostgrenze von Frankreich, zum Beispiel nach Strassburg.

Warten, dass der Getreideexport anspringt

Derzeit ist der westeuropäische Weizen für den Weltmarkt zu teuer, weshalb der Export noch nicht so angesprungen ist, wie in den letzten Jahren. Allerdings hofft Rottenberger noch darauf, dass sich das ändert. „Nur weil wir im letzten Vermarktungsjahr noch so viel exportieren konnten, haben wir nun nicht auch noch die Ernte aus 2015 zu vermarkten“, sagte sie.
Leider ist der bayerische Weizen heuer nicht so hochwertig wie im letzten Jahr. Damals war so gut wie jede Partie mühlenfähig (und damit auch gut zu exportieren). Heuer sind 20 bis 30 % nicht besser als Futterweizen. Das liegt oft an den Hektolitergewichten. Die Mühlen haben ihre Stoßgrenze bereits auf 72 bis 73 kg/hl abgesenkt, allerdings bei Abzügen. Weniger problematisch sind die Proteinwerte. Der bayerische Weizen ist offenbar leicht, aber dabei überraschend backfähig. Ein besonderes Thema ist in diesem Jahr die Belastung mit Mykotoxinen, mit dem berüchtigten DON als Leittoxin. Vor der Ernte waren die Befürchtungen vor massiven Belastungen enorm. Zum Glück haben sich die schlimmsten Sorgen nicht bewahrheitet. Trotzdem gibt es einige hochbelastete Partien und auch mittel belastete Partien. Gerade Letztere machen beim Vermarkten Probleme, weil zuverlässige und schnelle Testmethoden fehlen.
Schon die Umfrage unter den anwesenden Landwirten hat ein ähnliches Bild für die bayerische Ernte gezeichnet. Der viele Regen bis zu Beginn der Ernte hat seine Spuren hinterlassen – bei den Erträgen und Qualitäten, zum Teil in den Böden, sicher auch am Nervenkostüm der Landwirte. Dieses aber wird in diesem Vermarktungsjahr noch einiges aushalten müssen.

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