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Heimische Eiweißfuttermittel

GVO-Verzicht gelingt nicht zu 100 %

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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
08.12.2016

Herrsching - Europa kann gvo-freie Futtermittel erzeugen, aber bei weitem nicht genug. Und die Beschlüsse der EU, den Biodiesel aus Raps zu begrenzen, können in diesem Zusammenhang kaum verstanden werden.

Blühende Rapsfeld

Jährlich verfüttern deutsche Bauern knapp 10 Mio. t Proteinfuttermittel. Darin sind etwa 3,7 Mio. t pflanzliche Rohproteine enthalten. Mit rund 1,3 Mio. t stammen etwa 35 % aus heimischer Produktion. Die fehlenden 65 % importiert Deutschland größtenteils in Form von gentechnisch verändertem Soja meist aus Brasilien. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel forderte jüngst eine umfangreiche Bereitstellung von gentechnikfreien Futtermitteln.
„Diese Forderung ist umsetzbar, gelingt aber nur, wenn genügend Anreize wie die Anerkennung und der finanzielle Ausgleich des Mehraufwandes in der Lieferkette klar geregelt sind“, sagte Petra Sprick, Geschäftsführerin von Ovid, dem Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland bei einer Pressekonferenz im Rahmen der EuroTier in Hannover.
Zusätzlich benötigte die deutsche Landwirtschaft einen stärkeren Anbau von Raps und Soja in Europa sowie höhere Importmengen an zertifiziertem nicht-gentechnisch verändertem Soja. Ein vollständiger Verzicht auf Gentechnik im deutschen Tierfutter würde jedoch die Konkurrenz um Agrarrohstoffe enorm verschärfen und zu erheblichen Mehrkosten führen, meinte Sprick.

90 % der weltweit verfügbaren Sojabohnen sind gentechnisch verändert

Inzwischen sind 90 % der weltweit verfügbaren Sojabohnen gentechnisch verändert. Nach Analyse von Ovid könnte die EU rein rechnerisch 9,3 Mio. t gentechnikfreie Sojabohnen aus dem Weltmarkt beziehen. Daraus ließen sich 7,4 Mio. t Sojaschrot zur Fütterung von Rindern, Schweinen und Geflügel gewinnen. Auch diese Menge würde nur knapp ein Viertel der europäischen Nachfrage von jährlich 33 Mio. t Sojaschrot decken.
Theoretisch könnte Deutschland zwar im Alleingang auf gentechnisch veränderte Lebensmittel verzichten. Dies hätte jedoch nach einer Studie des Gießener Institutes für Agrarbusiness (IAB) massive wirtschaftliche Einbußen von bis zu 10 Mrd. € zur Folge. Diese sind im Wesentlichen durch Produktionsrückgänge, der Verlagerung von Produktion ins Ausland und damit dem Verlust an Wertschöpfung begründet.
Vor diesem Hintergrund wird seit einigen Jahren der europäische Sojaanbau als heimische Alternative zum gentechnisch veränderten Proteinfuttermittel aus Übersee voran­getrieben. 2015 wuchsen knapp 2,8 Mio. t Sojabohnen in Europa. Aus dieser Menge lassen sich theoretisch rund 2,2 Mio. t Sojaschrot produzieren. Der Bedarf in Europa liegt aber mit 33 Mio. t 15 mal höher.

Europäisches Soja

Europäisches Soja aus dem Donauraum wird seit kurzem auch bei der ADM-Ölmühle in Straubing verarbeitet. René van der Poel, ADM-Geschäftsführer, sagte, dass die Nachfrage nach GVO-freier Ware steige. „Als wir im letzten Jahr gesagt haben, dass wir auf GVO-freies Soja gehen werden, haben sich auch mehrere Molkereien getraut umzustellen“, sagte van der Poel. Mit Sorge sieht van der Poel, dass die Bioenergie-Richtlinie Ende 2020 endet. „Was soll man nun den Landwirten empfehlen anzubauen ohne Biodiesel und Bioethanol. Wir töten eine Quelle, ohne dass es nötig ist“, meinte van der Poel.
Auch Thomas Schmidt, Referent für Futtermittel und Tierernährung bei Ovid, sieht wegen der EU-Beschlüsse zum Biodiesel mit Sorge in die Zukunft. Durch Ausweitung von Biodiesel sei immer mehr Raps­extraktionsschrot zur Verfügung gestanden. Die wichtigste deutsche Eiweißfutterpflanze ist nun eben der Raps. 2015 verfütterten die deutschen Landwirte erstmals mehr Raps- als Sojaschrot. „Rapsschrot leistet mit einem Anteil von 80 % den größten Beitrag, um die Eiweißlücke in Deutschland zu verkleinern“, sagte Schmidt. „Bei aller Euphorie und den guten Entwicklungen beim Raps- und Sojaanbau in Europa bleibt es unrealistisch, die deutsche Eiweißlücke vollständig zu schließen.
Auch der geförderte Anbau von Körnerleguminosen könne die Situation nur marginal verbessern. Es wäre hinsichtlich einer effizienten Flächennutzung und im Sinne des Klimaschutzes auch nicht sinnvoll, sagte Schmidt. Die Ertragssituation von Körnerleguminosen im Jahr 2016 war vielerorts durch wetter- und schädlingsbedingte Einbußen geprägt. Der aktuelle Beitrag der Körnerleguminosem zum Selbstversorgungsgrad in Deutschland liegt bei etwa 8 %.
Zudem berichtete Dietmar Brauer, stellvertretender Vorsitzender der Ufop, bei einer weiteren Pressekonferenz, dass die EU-Kommission zur angeblichen „Vereinfachung“ des Greenings vorschlägt, chemischen Pflanzenschutz bei Leguminosen auf ökologischen Vorrangflächen ab 2017 zu verbieten. Damit würde laut Bauer die bisherige Aufwärtsentwicklung beendet. Der Umfang des Eiweißpflanzenanbaus würde wieder auf die begrenzte Fläche im ökologischen Landbau zurückfallen.
„Der Anbau von Eiweißpflanzen ohne chemischen Pflanzenschutz ist für konventionell wirtschaftende Ackerbaubetriebe keine Option“, sagte Brauer. Statt den Trend nach mehr Regionalität und nach einer Schließung von Nährstoffkreisläufen im Sinne der Verbraucherakzeptanz konsequent weiterzuentwickeln knicke die EU-Kommission hier ein.

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