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Ökomarkt

Hohe Preise wirken anziehend

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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
12.01.2017

München - Der Ökomarkt brummt weiter und erzeugt damit bei vielen Landwirten Interesse, auf Bio umzustellen. Doch hohe Preise allein reichen nicht, dass dieser Weg garantiert mit Erfolg gekrönt ist. Manchmal fehlen immer noch nötige Strukturen.

Biobauer

Voller Neid konnten 2016 alle Milchbauern auf ihre Ökokollegen schauen. Und das mit Recht, denn der Preisabstand betrug ja zum Teil mehr als 20 ct/kg. Kein Wunder, dass die Milchbauern in Scharen Umstellungsanträge stellten, nachdem ja 2015 die Bioprämie schon im Schnitt bei 18 ct/kg gelegen war. Der Landesfachausschuss Ökologischer Landbau im Bayerischen Bauernverband hat das hohe Umstellungsinteresse zum Anlass genommen, mit einer zweitägigen Fachtagung am Haus der Landwirtschaft in Herrsching interessierten Landwirten Einblick in die Ökomärkte und die Ökoerzeugung zu geben.
Der Ökomarkt ist natürlich längst nicht nur Milch, auch wenn diese in der jüngeren Vergangenheit besonders interessant war. Johannes Enzler von der Landesanstalt für Landwirtschaft gab den Teilnehmern den aktuellen Überblick über die Ökomärkte in Deutschland. Er ist vermutlich einer der wenigen, die das können, denn – außer im Bereich Milch – gibt es keinen Meldezwang zu den Marktzahlen, weshalb die Datenlage nicht gut ist. Als Bayerns oberster Öko-Kontrolleur hat er dennoch einen guten Blick über die Branche.
Wenn die Zuwachsraten der letzten Jahre weiter eintreffen, werden die deutschen Ökoerzeuger und -verarbeiter mit ihren Produkten heuer die 9 Milliarden-Euro-Marke überschreiten. 2015 waren sie mit 8,62 Mrd. € noch darunter geblieben. Doch die Zahlenreihe ist mit
7,04 Mrd. € im Jahr 2012,
7,55 Mrd. € im Jahr 2013 und
7,91 Mrd. € im Jahr 2014 imposant genug. Völlig stabil geblieben ist seitdem, wo die Ökobranche ihr Geld verdient: Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) macht mit 53 bis 55 % gut die Hälfte der Umsätze, der Naturkostfachhandel (dazu gehören auch die größeren Hofläden mit Warenzukauf) kommt auf knapp ein Drittel. Der Rest verteilt sich auf Fachgeschäfte und Wochenmärkte sowie Abokisten und kleinere Hofläden.
Enzlers genauerer Blick auf den LEH offenbart Unterschiede. Bleibt das Sortiment der Discounter wie Aldi, Lidl oder Netto mit rund 150 verschiedenen Artikeln (Aldi Nord listet sogar nur 50 Artikel) überschaubar, kommen Vollsortimenter wie Edeka (360) und Rewe (460) durchaus auf ansehnliche Vielfalt.
Die Bioanteile an den Gesamtausgaben der deutschen Verbraucher sind dabei sehr unterschiedlich. Wertmäßig bewegen sie sich
zwischen 2 und 3 % bei Fleischwaren,
kommen dann auf 4 bis 7 % bei Milchprodukten und 10 % bei Konsummilch.
Obst und Gemüse liegt zwischen 7 und knapp 10 %.
Die höchsten Anteile schaffen die Bioprodukte bei
Speiseöl (15,3 %),
Mehl (18,4 %) und
Eiern (19,5 %).
Insgesamt liegt der Ökoanteil am deutschen Lebensmittelmarkt bei 5 % (2015, siehe Tabelle oben). Bezogen auf die Menge liegen die Anteile der höherpreisigen Bioware naturgemäß jeweils deutlich darunter. Pro Kopf geben die Deutschen mittlerweile über 100 € für Biowaren aus.

Deutschland hat nicht genug Biorohstoffe

Bei nahezu allen Biorohstoffen können die Erzeuger den Bedarf selbst nicht decken. Das zeugt davon, dass noch Platz für weitere Erzeuger ist. Andererseits geht von den Importen auch ein gewisser Preisdruck aus.
Von dem auch im Ökoanbau wichtigen Weizen importiert Deutschland ein gutes Drittel der Menge. Bei einem Gesamtmarkt von über 370 000 t fehlten im Wirtschaftsjahr 2014/2015 rund 126 000 t. Große Mengen kommen aus der Ukraine (25 000 t), aus Rumänien (23 000 t) und Ungarn (16 000 t). Auch aus anderen osteuropäischen Ländern sowie aus Italien kommt Ökoweizen zur Verarbeitung nach Deutschland.
Laut Enzler ist die Ukraine auf der einen Seite ein überaus bedeutender Lieferant von pflanzlichen Ökorohstoffen wie Weizen und Dinkel, Buchweizen, Hirse, Mais, Soja und Sonnenblumenkerne, aber andererseits (auch wegen der angespannten politischen Lage) nicht immer zuverlässig. Eine zuvor anerkannte Ökokontrollstelle wurde erst kürzlich von der Liste genommen.
Die in Deutschland notierten Preise für Ökogetreide sind nicht so volatil, wie es in den konventionellen Märkten seit Abschaffung der Intervention zu beobachten ist. Eine Ausnahme bildet der Dinkel, der 2015 mit Preisen bis über 850 €/t eine enorme Spitze zeigte. Im Herbst 2016 lagen die Preise für Brotgetreide zwischen 330 €/t (Roggen, vorgereinigt) und 440 €/t (Weizen, vorgereinigt). Dinkel (Rohware) und Hafer (Rohware) lagen dazwischen.
Mit der Münchner Hofpfisterei befindet sich übrigens der größte Biobackwarenproduzent in Bayern. Allerdings folgt mit der Fritz Mühlenbäckerei (Aying) der nächste bayerische Verarbeiter erst auf Platz 18 der deutschlandweiten Liste.
Die Preise für Futtergetreide nähern sich derzeit dem Konsumgetreide an. Darin könnten sich laut Enzler die hohen Umstellungszahlen bei den Milchviehhaltern bemerkbar machen.
Bei den Kartoffeln wird heuer wieder einmal sichtbar, dass die Erträge in der Ökoerzeugung doch sehr stark schwanken können. Der teilweise extrem hohe Krautfäuledruck hat die Produktion sehr erschwert. Dazu kommen Absortierungen, die jährlich bei fast einem Drittel liegen können. Die Gründe dafür sind fast immer Untergrößen und Drahtwurmbefall. Laut Enzler liegt das Erzeugerpreisniveau bei 70 bis 80 €/dt. Die deutsche Ware, und Deutschland ist europaweit der größte Biokartoffelerzeuger, wird nicht sehr weit ins Frühjahr hinein reichen.
Auch der Ökogemüsesektor ist einer jener Bereiche, wo Deutschland sehr stark auf Importe angewiesen ist. Etwas über 1800 ha Gemüseanbaufläche werden in Bayern von Biobauern bestellt. Das sind etwa 13 % der Freilandgemüsefläche.

Biomilchprämie liegt im Schnitt bei 8 ct/kg

Beim Blick auf die Verteilung der Molkereien, die Biomilch verarbeiten, wird deutlich, wie wichtig das für Bayern geworden ist. Von 27 Biomolkereien liegen 19 in Bayern! Wer die jüngste Entwicklung der Milchpreise für konventionelle und für Biomilch vergleicht, für den ist es kein Wunder, warum zuletzt viele bayerische Milcherzeuger Umstellungsanträge gestellt haben und viele weitere sich mit diesem Gedanken beschäftigen. Zum Ende des Jahres 2016 lag der Abstand bei etwa 20 ct/kg. Allerdings, erinnerte Enzler, lag der Ökoaufschlag auch schon unter 5 ct, und er liegt auch im langjährigen Durchschnitt mit rund 8 ct/kg unter der 10-Cent-Marke.
Angesichts der hohen Umstellerrate hatten einige Biomolkereien in den letzten Wochen neue Lieferanten nur mehr auf eine Warteliste genommen. Das ist für Interessenten natürlich enttäuschend, andererseits üben die Molkereien damit auch eine wichtige Funktion aus. Sie stellen den Flaschenhals dar und können steuern, ob der Markt überversorgt wird oder ob ein hohes Preisniveau (und eine starke Marktstellung gegenüber dem LEH) verteidigt werden kann.
Beim Blick auf die deutsche Marktversorgung wird allerdings deutlich, dass auch im Milchsektor die Selbstversorgung noch nicht erreicht ist. Rund ein Drittel der Trinkmilch, knapp die Hälfte an Butter, ein Viertel des Joghurts und etwas mehr als die Hälfte bei Quark muss importiert werden. Die wichtigsten Herkünfte sind Österreich und Dänemark, geringere Mengen kommen aus den Niederlanden, Tschechien und Polen.
Milcherzeuger, die umstellen wollen, müssen immer auch mitbedenken, dass sie ihre sonstigen Produkte zu großen Teilen über die konventionelle Schiene vermarkten werden müssen. 90 % der Biokälber können keine Bioprämie verbuchen, sagte Enzler. Das verweist auf ein Sorgenkind in der Bioerzeugung: den Fleischsektor.

Der Fleischsektor tut sich noch schwer

„Wir kommen bei der Mast nicht richtig auf die Füße“, sagte der LfL-Experte. Zwar meinte er damit die Rindermast, doch noch mehr gilt das für die Schweine- und Geflügelfleischproduktion. Dort sind die Bioanteile sehr gering. Nur 0,3 bis 0,4 % der Schweine in Deutschland wachsen in Ökoställen heran. Das liegt vor allem an den fehlenden Ferkeln. Für Zuchtsauenhalter ist die Umstellung besonders schwierig. Nur selten lassen sich Ställe vernünftig umbauen und angesichts der noch fehlenden Strukturen erscheinen Neubauten als recht risikoreiche Investitionen.
Erste Schlachtbetriebe reagieren aber auf die sichtbare Kluft zwischen geäußerten Verbraucherwünschen und dem Angebot. Die Firma Tönnies tritt nun mit Vierjahresverträgen am Markt auf. Angebotene Preise liegen mit rund 4 E/kg SG auf hohem Niveau. Doch der Blick auf die Zahlen der letzten Jahre zeigt keinerlei Fortschritt.
Auch die Ökogeflügelfleischerzeugung liegt nur bei rund 1 % der Gesamtproduktion in Deutschland. Etwas höher ist der Anteil bei den Eiern, wo bald schon jedes zehnte deutsche Ei aus einer Bioanlage stammen könnte. Führend innerhalb der EU ist in der Bioeierproduktion übrigens Dänemark, gefolgt von Schweden und Österreich. Erst dann kommt Deutschland. Trotzdem geht der Selbstversorgungsgrad hierzulande im Eierbereich in Richtung 100 %. Von über einer Milliarde Bioeiern stammen nur mehr etwa 60 Mio. aus dem Ausland (vor allem Niederlande).

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