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Ernte 2017

Internationale Getreidemärkte korrigieren verunsichert nach unten

Börsenbär
aiz
am
24.07.2017

Wien - Der Anstieg des Euros auf ein nahezu Zwei-Jahreshoch, damit einhergehend lahmender Weizenexport aus der EU, Erntefortschritt und Wetterkapriolen sowie negative Vorzeichen aus Übersee verunsichern die internationalen und insbesondere die europäischen Weizenmärkte.

Der liquideste und für die neue Ernte 2017 aussagekräftigste Dezember-Weizenfuture an der Euronext schloss am Donnerstag den achten Handelstag in Folge im negativen Bereich bei 176,75 Euro/t. Er verlor seit dem 10. Juli 10,50 Euro/t oder 5,6%. Am Freitagmittag dr ehte der Euronext-Weizen wieder in einen zart grünen Bereich. In Österreich schreitet die Ernte voran und die Ergebnisse, vor allem Erträge schwanken regional von katastrophal bis rekordverdächtig. Am Mittwoch nahm die Wiener Produktenbörse in Reaktion auf die internationalen Trends die Premiumweizennotierung um 5,50 Euro auf 200 bis 205 Euro/t (Mittel: 202,50 Euro/t) zurück. Erstmalig notierte auch Qualitätsweizen aus der Ernte 2017. Mit 185 Euro/t kam auch diese Erstnotierung deutlich über jener vom Vorjahr zu liegen, nämlich um fast 18%.


Wie es im Handel heißt, habe sich nun nach der Zurückhaltung der Abgeber auch auf Mühlenseite ein Abwarten bei der Nachfrage breitgemacht. Während die einen auf steigende Preise warten, setzen die anderen darauf, dass es im Einkauf noch billiger werden könnte. Dazu verfalle Italien schon allmählich in Ferragosto-Modus. Angemerkt wird weiters, dass angesichts der allgemein hohen Proteinwerte der österreichischen Weizenernte - und auch in den umliegenden Ländern - der Preisabstand zischen Qualitäts- und Premiumweizen von 17,50 Euro/t fast unplausibel hoch sei sowie ein Zusammenrücken der Preisbänder in weiterer Folge erwartet werden könne.

Hohe Proteinwerte in Österreich - Mahlweizenanteil heuer kleiner

Derweil schreitet die Ernte in Österreich zügig fort und auch Gewittertätigkeit habe kaum Verzögerungen oder gar Qualitätsprobleme mit sich gebracht. Die Proteingehalte des Weizens werden als allgemein sehr hoch geschildert und auch mit dem Hektolitergewicht gebe es keine Probleme, die geforderten 80 kg in Summe zu erreichen. In Oberösterreich, wo Hektarerträge bis zu 90 oder 100 dt Weizen eingefahren würden, erreiche der Eiweißgehalt gute Mahlweizenwerte von 12,50% oder mehr. Auch Raps überrasche positiv. Dem Vernehmen nach würden für Mahlweizen in dieser Region Erzeugerpreise von 155 Euro/t netto erzielt. Da im Osten des Bundesgebiets fast nur - teilweise extrem hohe - Proteinwerte im Bereich des Qualitätsweizen- und Premiumsegments eingefahren worden seien, rechnet man mit einem relativ kleinen Mahlweizenanteil an der laufenden Ernte. Diese Weizen machen jedoch das Gros des Rohstoffbedarfes der Mühlen aus, so dass die Erzeuger mit entsprechender Nachfrage und Honorie rung rechnen. Da aufgrund der Qualitätsverteilung auch wenig Futterweizen überbleiben dürfte, denkt man, dass dessen Preise auch nicht weit hinter den Backweizen nachbleiben sollten.

Zunehmend sorgenvoll blickt der Markt allerdings auf die Entwicklung der Herbstfrüchte, denen es in entscheidenden Entwicklungsstadien an Wasser mangelte - so auch schon im Maisanbaugebiet in der sonst eher niederschlagsreicheren Steiermark. Dies könnte die Preise am Futtergetreidemarkt zusätzlich befeuern.

EU-Weizenexport noch deutlich unter Vorjahreslinie - starker Euro hemmt

Die Weichweizenexporte der EU erreichten in den ersten 18 Tagen des Wirtschaftsjahres 2017/18 nur 460.000 t und lagen damit um 67% unter den 1,4 Mio.t der Vorjahreslinie. In der abgelaufenen Berichtswoche bis 18. Juli waren es 189.000 t, die allerdings laut Europäischer Kommission noch aus alter Ernte 2016 stammen sollten. Hemmend auf die Wettbewerbsfähigkeit und das Exporttempo wirkt sich vor allem die Stärke des Euro aus. Am Morgen des Freitags notierte der Euro bei 1,1635 USD, das ist der höchste Wert seit Anfang 2015. Dem starken Anstieg war am Donnerstag die Aussage des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi vorangegangen, im Herbst Änderungen am umstrittenen Aufkaufprogramm staatlicher Schuldpapiere diskutieren zu wollen. Frankreich kam - wie aus der EU auch Rumänien - kürzlich mit 60.000 t bei einem ägyptischen Weizentender mit zum Zug. Das Gros der 300.000 t liefert Russland. Als fob-Preis der französischen Ware wurden "aggressive" 203 USD/t (1 76,75 Euro/t) kolportiert. Die Euronext in Paris hat übrigens erst kürzlich wieder einen weiteren zusätzlichen Silo im Hafen von Rouen als Erfüllungsort für ihre Weizenfutures akkreditiert.

Die Ernte in Deutschland wird mitten in ihrem Verlauf seit zwei Wochen fast täglich von Regen unterbrochen, und schön langsam keimt die Furcht um Qualitätsverluste auf - vor allem, ob Protein aus dem Weizen ausgewaschen wird. Dementgegen ist die Weizenernte Frankreichs um zehn Tage voran und solle gute Qualitäten bringen.

Hitze und Dürre stressen Kulturen in Nordamerika - Sommerweizen boomen an Börse

In Nordamerika stressen Hitze und Dürre weiterhin vor allem den im Wettbewerb mit heimischen Aufmischweizen stehenden Sommerweizen. Entgegen der schwächelnden Börse in Chicago (CBoT), die Form des soft Red Winters mit einer schwachen und weltweit üppigen Mahlweizenqualität handelt, zeigt sich die Minneapolis Grain Exchange im Handel mit Futures auf den Hard Red Spring (Sommerweizen, vergleichbar Premiumweizen) von ihrer starken Seite. Fast täglich werden neue Höchststände beim Open Interest vermeldet, das heißt Investoren kaufen angesichts der weltweit knappen Verfügbarkeit hochproteinhältiger Weizen eifrig Positionen. Denn auch die Sommerweizen aus Kanada, den zweiten bei Player am Weltmarkt in diesem Qualitätssegment, enttäuschen.

Der Hitzestress in den USA setzt auch Mais und Sojabohnen zu, deren Notierungen dadurch ebenfalls Unterstützung erfahren. Nur unlängst nach seinem bearishen Monatsbericht zu den weltweiten Getreideversorgungsbilanzen (WASDE) vom vorigen Donnerstag gab das US-Landwirtschaftsministerium am dieswöchigen Freitag bekannt, seine Schätzung für Australiens Weizenernte 2017/18 wohl noch weiter nach unten revidieren zu müssen. Das USDA war bisher von 22 Mio. t nach dem letztjährigen rekordwert von 35 Mio. t ausgegangen. Nunmehr würde sich die Erntefläche nochmals um etwa 3% reduzieren. Verantwortlich dafür sei Trockenheit im ausgehenden Winter und beginnenden Frühjahr.

Anders dagegen die Situation in Südamerika: Hier meldete Brasilien diese Woche in seinem wichtigsten Weizenanbaugebiet Parana extremen Frost, der zu Auswinterungsschäden an den jungen Weizenpflanzen geführt habe. (Schluss) pos

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