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Getreidequalität

Die Mühlen tagen im Getreideland

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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
14.07.2016

Freising - Aus einem Sortengespräch ist ein Austausch zu Beginn der Ernte innerhalb der Wertschöpfungskette geworden – heuer mit einem bayerischen Minister, einem sächsischen Bauernpräsidenten und einem norddeutschen Getreidehändler.

Zweckoptimismus oder Ausdruck der langen Erfahrung? Der Landhändler Konrad Weiterer glaubt für die Getreidepreise vor allem eines: Nach unten gibt es nicht mehr viel Spielraum, Luft gibt es vor allem nach oben. Weiterer führt das Familien-Landhandelsunternehmen mit Sitz am niedersächsischen Mittellandkanal in der Hildesheimer Börde schon in der fünften Generation. Derzeit steht er als Präsident dem Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft voran. Zur Getreidetagung des Verbands Deutscher Mühlen (VDM) in Freising-Weihenstephan hat er kurzerhand seinen Urlaub auf der Nordseeinsel Sylt unterbrochen, um die Müller, Bäcker, Getreidezüchter, Wissenschaftler mit aktuellen Prognosen rund um die bevorstehende Ernte zu versorgen. Für die Landwirte sind sie gleichermaßen interessant.
Nach drei Weltgetreideernten mit Rekordmengen steht tatsächlich eine vierte Riesenernte bevor. Das melden unisono die Analysten und auch Weiterer folgt diesen Meinungen. Wo es jedoch derzeit große Unterschiede gibt, sind die Erwartungen hinsichtlich des Verbrauchs. Zwischen den veröffentlichten Zahlen der Experten des USDA, des Landwirtschaftsministeriums der USA, und Strategic Grains klaffen große Unterschiede, die bei den erwarteten Getreidebilanzen bis rund 50 Mio. t ausmachen.

Verbrauch unterschätzt
Weiterer glaubt, dass das USDA bei seiner nächsten Schätzung ihre pessimistischen Zahlen zum Verbrauch korrigieren werde. Warum? Vor allem, weil das niedrige Preisniveau dazu anregen würde. „Heuer wird der Verbrauch wieder stark steigen“, sagte er zuversichtlich. Vor allem den Weizen sieht er weltweit und in der EU „im Rückwärtsgang“. Und auch die Bestände beim Mais würden runter gehen, was wiederum eine Chance für den Weizen bedeuten sollte.
Zuletzt war der europäische Weizen im Export sehr konkurrenzfähig. Kein Wunder, die Preise sind am Boden. „Momentan haben wir die niedrigsten Preise“, sagte Weiterer und das auch im Rückblick auf frühere Tiefpreisphasen. Er glaubt, dass damit der Boden erreicht ist. Was aber ihm und anderen Erfassungshändlern derzeit die Lage schwer mache, sei das Verhalten der Landwirte. Sie waren allzu lang nicht bereit, ihren Weizen zu verkaufen, jetzt müssten die Landhändler bis in den August hinein noch die Ware aus der alten Ernte abwickeln.
Trotz der Diskussionen um möglicherweise schwierige Weizenqualitäten sieht er die Mühlen vor keiner erschwerten Versorgungslage. Für die EU-28 beträgt die geschätzte Weizenernte 147 Mio. t, die deutschen Ackerbauern werden vermutlich 25,6 Mio. t Weizen dreschen. Die Mühlen sind mit gut 9 Mio. t ihre wichtigsten Abnehmer. Aber selbst, wenn nicht jeder geplante Backweizen die Normen erfüllen werde, müsste genug Mahlweizen in Deutschland zur Verfügung stehen, meinte Weiterer. Übrigens geht deutscher Weizen in der gleichen Größenordnung außer Landes. Der Export ist damit für die Landwirte eine enorm wichtige Größe.

Qualitätsweizen
Für den Exportweizen dürften auch in Zukunft die Qualitätsmaßstäbe zu erreichen sein. Ob aber auch die Mühlen den bislang so zuverlässig proteinreichen Mahlweizen bekommen können, stand bei der Tagung stärker im Fokus. Die Novelle der Düngeverordnung könnte das erschweren. Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner ging bei seiner Rede auch darauf ein. Aber zunächst griff er die Eingangsrede des VDM-Geschäftsführers Dr. Peter Haarbeck auf. Der hatte Bayern als „Getreideland Nummer 1“ herausgestellt.
Und die gute Rohstoffversorgung in diesem Getreideland, sagte Brunner, sei für die Mühlen ein entscheidender Standortfaktor. Weil die Düngeverordnung die Produktion der backstarken A- und E-Weizen direkt betreffe, verstehe er das Interesse der Mühlen an der Ausgestaltung der Düngeverordnung.
Der bisherige Entwurf zeige die bayerische Handschrift, sagte der Minister, aber er werde „immer noch und immer wieder“ neu diskutiert. Mit den derzeit vorgeschlagenen Sollwerten für die N-Düngung würde sich auch in Zukunft unter den bayerischen Verhältnissen Qualitätsweizen erzeugen lassen. Die neuen Sollwerte werden aber – im momentanen Entwurf – geringfügig unter den bisher in Bayern gültigen Sollwerten liegen. Der in Zukunft höhere Aufwand für das sichere Erreichen hochwertiger Weizen müsse dann auch honoriert werden, forderte Brunner von der Mühlenwirtschaft.
Die macht sich mittlerweile offenbar doch Gedanken, ob der Rohproteingehalt der Weizen der alleinige Maßstab für die Beurteilung von Weizenpartien sein kann. In Freising wurde jetzt – auch mangels anderer prüfbarer Qualitätskriterien – diskutiert, ob die sortenreine Lieferung und Lagerung ein Weg sein kann, backstarke, aber nicht unbedingt rohproteinreiche Weizensorten für die Mehlproduktion zu bevorzugen. Das dürfte ein Weg sein, der in Bayern angesichts der kleineren Strukturen einige Anpassungen erfordern würde.
In Sachsen aber haben sich Landwirte schon kurz nach der Wende zu Beginn der 1990er Jahre auf diesen Weg begeben. Der sächsische Bauernpräsident und Getreidepräsident im Präsidium des Deutschen Bauernverbands, Wolfgang Vogel, berichtete von seiner Initiative, die unter dem Namen „Sachsens Ährenwort“ Weizen und Mehl zu einer bemerkenswerte Markenware gemacht hat.

Sachsens „Ährengold“
Mehrere Erzeugergemeinschaften aus verschiedenen sächsischen Ackerbauregionen beliefern eine Großmühle mit rund 200 000 t Weizen und Roggen. Die Landwirte halten sich dabei an Sortenvorgaben, verpflichten sich im Anbau bestimmte Vorschriften (die die einwandfreie Qualität sicherstellen sollen) einzuhalten, lassen sich kon-
trollieren, liefern sortenrein – und bekommen mehr Geld, als der Markt sonst verspricht. 5 €/dt Mehl sind die beteiligten Bäcker für das Ährenwort-Mehl zu bezahlen, diesen Obolus teilen sich Mühle und Landwirte, wobei die Landwirte 3 € bekommen, der Müller 2 €.
Trotz einer um circa 20 % zur sonst üblichen Düngermenge eingeschränkten N-Düngung streben die Ährenwort-Erzeuger Weizen mit Eiweißgehalten von 13 bis 13,5 % an. Und so glaubt Schwarz, dass auch unter der neuen Dünge-Verordnung dieses Ziel zu erreichen sei. Wo noch mehr Rohproteingehalt gefragt ist, müssten die Fruchtfolgen um und eventuell eine Leguminose eingebaut werden. „Wenn der Ertrag zurückgeht, müssen die Qualitäten entsprechend entlohnt werden“, forderte auch Schwarz.
Der Weizenanbau wird also in Zukunft noch mehr als bisher am Vermarktungsziel ausgerichtet werden müssen – an den Bedürfnissen der Müller oder des Exports oder eben der Nutztiere. Nur sollte dem reinen Zweckoptimismus eine Phase mit tatsächlich auskömmlichen Preisen folgen.

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