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Biofach 2018

Urvertrauen

Biofach
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
22.02.2018

Der moderne Mensch steckt bis zum Haaransatz im Widerspruch. Einerseits lebt er immer länger, andererseits kann er sich kaum erklären wieso.

Denn er wähnt sich in einem Umfeld höchster Unsicherheiten und Risiken. Mit jedem Atemzug und jedem Bissen fürchten die Menschen, sich dem Grab näher zu bringen. Zugleich verlieren sie das Vertrauen in ihre Informationsquellen. Kein Wunder, es gibt unermesslich viele und zu jeder noch so verrückten Meinung auch eine vermeintlich zuverlässige Erklärung.

In diesem Zug wird die „gesunde Ernährung“ immer wichtiger. Weil es keine Instanz gibt, der man glauben mag, folgt man dem sogenannten gesunden Menschenverstand. Also: Die Natur ist prinzipiell gut und bei Lebensmitteln bedeutet dies, je weniger „drin“ ist umso besser. Bedeutet: „frei von“ ist die Universalformel. Jeder, der Lebensmittel verkaufen will, muss möglichst viel „frei von“ versprechen. Wenn der Reissirup frei von Fructose, glutenfrei sowie vegan ist und deshalb der beste Zuckerersatz ist, dann spielt es keine Rolle, dass der Zucker all das selbstverständlich auch ist.

Doch viele Verbraucher verwirrt dieses Spiel. Das ist einer von vielen Vorteilen der Biobranche: Sie genießt enormes Vertrauen, sozusagen ein Urvertrauen. Mit „bio“ macht der Städter alles gut, er muss sich nicht weiter kümmern, er ist auf der sicheren Seite und dieses Gefühl gibt er ständig an sein Umfeld weiter. Das zahlt sich für die Branche mittlerweile richtig aus. Unter anderem deshalb reißt der Boom nicht ab, sondern er befeuert sich selbst.

Die Kampagnen gegen die herkömmliche Landwirtschaft helfen zudem. Das wirkt mittlerweile auch auf die Erzeuger. Es wächst das Vertrauen, dass dieser Markt nicht einbrechen wird. Wenn die Verbraucher also diese Produkte wünschen, kann man sich beruhigt anschließen und sozusagen „frei von“-Landwirtschaft betreiben. Das aber bringt dann natürlich auch ein hohes Maß an Verantwortung mit sich.

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