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Milchmarkt

Lieferverträge in der Kritik

Dr. Manfred Grund
am
02.03.2017

Berlin/Kiel/Freising - Über eine Neugestaltung der Milchlieferbeziehungen kann es gelingen, Milchkrisen künftig besser zu begegnen – darin scheinen sich alle wichtigen Verbände und auch die Politiker in Berlin und Brüssel einig zu sein. Doch welche Lieferverträge haben eigentlich die Milchbauern und welche wünschen sie sich? Um das herauszufinden hatten der Deutsche Bauernverband (DBV), der Raiffeisenverband und der Genossenschaftsverband Wissenschaftler der Universität Kiel beauftragt, eine entsprechende bundesweite repräsentative Befragung der Milcherzeuger durchzuführen.

Sebastian Hess

Die in einer (auch von der LfL Bayern unterstützten) Studie zusammengefassten Ergebnisse wurden vor kurzem in Berlin präsentiert und mit den Auftraggebern sowie Mitgliedern des Agrarausschusses des Bundestages und Vertretern des Bundesagrarministeriums diskutiert. Prof. Dr. Sebastian Hess versicherte, dass die Angaben von 769 zufällig ausgewählten aktiven Milcherzeugern in den drei Regionen Nordwest-, Ost- und Süddeutschland statistisch eine repräsentative Aussage darstellen.
Von den Befragten liefern 74 % an Genossenschaften. 76 % aller Befragten (inklusive Lieferanten an Privatmolkereien) erhalten dabei einen monatlichen Rückpreis, 16 % einen Referenzpreis, 6 % einen Festpreis und 5 % sonstige Preise. Die Zahlen der Umfrage wurden auf volle Prozentpunkte gerundet. Die Kündigungsfristen seitens der Landwirte differieren von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren. Bei den Molkereien haben die Genossenschaften im Mittel laut Umfrage 24 Monate, die privaten sechs bis zwölf Monate Kündigungsfrist.
Die eigentlich für Genossenschaften typische Andienungspflicht der gesamten Menge bei voller Abnahmegarantie wird offenbar auch bei privaten Molkereien und MEG praktiziert, denn diese Regelung gilt für 86 % der Befragten (Im Osten bei 87 %, im Süden bei 77 % und im Nordwesten bei 92 %). Nach ihren Wünschen befragt, wären allerdings 24 % der Milcherzeuger bereit, auf einen Teil der Abnahmegarantie zu verzichten, um die Andienpflicht zu lockern – im Osten (35 %) mehr als im Süden (14 %). Dem gegenüber stehen 44 %, die dazu gar nicht bereit wären.

Kürzere Kündigungsfristen

Karsten Schmal

Ein großer Teil (40 %) wünscht sich kürzere Kündigungsfristen. Dies liegt offenbar auch daran, dass derzeit viele die Absicht haben, die Molkerei zu wechseln. Im Osten ist der Wille dazu mit 36 % deutlich stärker als in den Regionen Nordwest mit 21 % oder Süd mit nur 14 %. Als Grund für einen Molkereiwechsel gaben übrigens 58 % der Befragten an, dass es ihnen an Vertrauen in die Führung des Unternehmens fehlte.
Prof. Hess zog aus den Ergebnissen das Fazit, dass kleinere, mittlere und eventuell auch die wachstumswilligen Betriebe weitgehend unabhängig vom Milchpreis weiter das typische genossenschaftliche Liefermodell (TLG) bevorzugen, die größeren Milcherzeuger in allen Regionen aber lieber eine alternative Gestaltung hätten.
Interessant ist auch die Aussage, dass 40 % der befragten Milcherzeuger positiv einer Preisabsicherung über die Warenterminbörse für einen Teil ihre Liefermenge gegenüberstehen. Allerding wünschen fast 60 %, dass dies die Molkerei für sie übernimmt.Dann meldeten sich mehrere Bundestagsabgeordnete zu Wort. Franz-Josef-Holzenkamp, CDU, aus dem niedersächsischen Cloppenburg, sagte, er sehe den Grund für die relativ hohe Ablehnung des genossenschaftlichen Liefermodells in der „negativen Fragestellung“ der Studie. Seiner Meinung nach könne dieses Modell ein flexibles Instrument zur Mengensteuerung sein, wenn die Marktteilnehmer das wollen.

Vertragspartner müssen handeln

Er warnte davor, in der gegenwärtigen Diskussion die Stärke der Genossenschaft in Frage zu stellen. Dennoch müssten die Vertragspartner jetzt handeln, bevor ihnen das andere diktieren. Dem schloss sich auch der CDU- Bundestagsabgeordnete Waldemar Westermayer an, der einen Milchviehbetrieb im Allgäu führt. Man solle doch auch verstehen, warum beim Niedergang des Milchpreises so viele Landwirte die Milchmenge hochfahren. Sie hätten einfach keine andere Möglichkeit, ihre Liquidität zu erhalten.
Sein Abgeordnetenkollege Kees de Vries (CDU), Milcherzeuger in Sachsen-Anhalt, warnte davor, sich die Welt schön zu reden, denn man habe immer noch kein Instrument gefunden, das eingesetzt werden könne, wenn zu viel Milch auf den Markt kommt.  Dr. Kirsten Tackmann, Die Linke, Veterinärmedizinerin aus Brandenburg, vermisst, dass in der ganzen Diskussion der größte Player im Markt, der Lebensmitteleinzelhandel, außen vor bleibt.
Friedrich Ostendorff, Bündnis 90/Die Grünen, räumte ein, dass der Staat nicht die Liquidität der Betriebe sichern kann. Und mit dem Genossenschaftsprinzip, dass er hoch schätze, käme man auch nicht überall zurecht. Er habe zum Beispiel mit seiner Biomilch in eine private Molkerei wechseln müssen, wo die Bauern gezwungen sind, um Lieferkonditionen zu feilschen. Wolle man den Markt „in den Griff bekommen“, gehe das nur über den „Flaschenhals Molkerei“. Die Verarbeiter müssten seiner Meinung nach stärker in die Pflicht genommen werden.  
Eine Bringepflicht sieht der Vertreter des Bundesagrarministeriums, Staatssekretär Hermann Onko Aeikens, aber offenbar vor allem bei den Milcherzeugern. Die Bundesregierung habe ihnen in der Krise nach Kräften Unterstützung geleistet. Aber die Bereitschaft der Landwirte, etwas verändern zu wollen, sei sehr gering.
Das bestätige ihm auch die Kieler Studie. Nur im Osten gebe es Bereitschaft, neue Wege zu gehen, allerdings stünden da nur 15 % der Kühe. Um die Haltung der Landwirte zu verändern, mahnte Aeikens, müsse der Bauernverband noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.

Wer wagt den ersten Schritt?

Thomas Memmert

Diese skeptische Einschätzung wollte Dr. Thomas Memmert vom Raiffeisenverband nicht gelten lassen. Es bewege sich etwas, er erlebe viele Diskussionen, und die europäischen Raiffeisenorganisationen förderten das nach Kräften. Aber die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die „Grundskepsis“ der Bauern gegenüber mengenbegrenzenden Maßnahmen, führe zu einer Bevorzugung bestehender Systeme. Er warnte auch davor, einfache Lösungen zu erwarten. Dazu seien die Bedingungen zu unterschiedlich. Gleichzeitig verteidigte Memmert die mehrheitlich genossenschaftlich verankerte Milchverarbeitung mit Abnahmeverpflichtung.
Diese Struktur habe sich weltweit so stark durchgesetzt, weil der „ganz besondere Saft Milch“ mit seiner Empfindlichkeit und Verderblichkeit keinem anderen Erzeugnis gleichzusetzen sei. Man müsse sich sehr gut überlegen, ob man sich da komplett anders organisieren wolle. Dem schloss sich naturgemäß Joachim Burgemeister vom Genossenschaftsverband an. Er verwies darauf, dass es bereits sehr unterschiedliche Genossenschaftsmodelle gäbe und die Politik sich hüten solle, jetzt alle gleich zu machen.
Auch für DBV-Milchpräsident Karsten Schmal, der das Fazit aus der Veranstaltung zog, kann die Gestaltung der Lieferbeziehungen durch staatliche oder allgemeinverbindliche Vorgaben nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen. Die Kieler Studie und die daran anschließende Diskussion würden aber bestätigen, dass es künftig einer besseren Abstimmung zwischen Landwirten und Molkereien zu Mengen, Preisen und Laufzeiten geben müsse. Vor allem die Genossenschaften müssten jetzt handeln. In einigen sei das Management der Molkereien zu weit von den Lieferanten weg. Die Landwirte sollten praktikable Möglichkeiten zur Preisabsicherung erhalten, und die Preissignale des Weltmarktes müssten früher bei ihnen ankommen.

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