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Lebensmitteleinzelhandel

Milchmarkt - eine reine Abwehrschlacht

Milchmarkt
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
21.11.2017

Milch ohne Gentechnik, Heumilch, Milch aus umweltgerechten Futtermitteln. Die Molkereien unternehmen eine Menge, um sich von den übermächtigen Handelsmarken des LEH abzuheben – und scheinen doch auf verlorenem Posten.

Milch ohne Gentechnik, aus umweltverträglichem Futter oder von Kühen in Kombinationshaltung – immer mehr Siegel auf Milchtüten machen den Erzeugern das Erzeugen nicht leichter. Doch ihren Molkereien geht es nicht besser, sie befinden sich in einer „reinen Abwehrschlacht“, wie Ludwig Huber, Milchexperte des bayerischen Genossenschaftsverbands meint. Bei der LfL-Jahrestagung in Plankstetten skizzierte er die Machtverhältnisse, in denen die Milchwirtschaft sich zurechtfinden muss.

Demzufolge sind die Einkäufer des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), also von Aldi, Lidl, Edeka und Rewe am Drücker. Es reicht, diese vier Firmen aufzuzählen, denn sie allein beherrschen den deutschen Einzelhandel – und mit ihren eigenen Handelsmarken zudem das MoPro-Segment, also die Molkereiprodukte. Nirgendwo in Europa, sagt Huber, gebe es eine solche Konzentration und Dominanz.

Eigenmarken habenn gutes Image beim Verbraucher

Bei den deutschen Verbrauchern haben die Eigenmarken des LEH ein gutes Image, ganz nach dem Motto „Gut und Günstig“. Das hat ihnen einen zum Teil beherrschenden Platz in den Regalen eingeräumt. 90 % bei Sprühsahne ist nur die Spitze. Im Schnitt macht der LEH mit seinen eigenen Marken 60 % des Geschäfts mit Milch, Butter, Joghurt, Quark und Co. Auch im Biosegment ist diese Tendenz zu beobachten.


„Der Druck auf die Hersteller steigt damit erheblich“, sagte Huber, der erst seit diesem Frühjahr für den Genossenschaftsverband tätig ist und zuvor bei der Landesanstalt für Landwirtschaft die Milchmärkte analysierte und auswertete. Wochenblatt-Lesern ist er als Autor wohlbekannt.

Was gestern neu war, ist heute Standard

Wie reagieren die Molkereien auf diesen Druck? Vor allem mit Produktdifferenzierung über die oben schon angesprochenen Siegel. Mit ihnen wollen die Molkereien sich von den Handelsmarken abheben und sich in den Supermarktregalen erkennbar und einzigartig machen. Aber die Mlkereiproduktewelt dreht sich schnell. Was gestern neu war, ist heute schon Standard.

Die Ohne-Gentechnik-Milch, kurz oGT-Milch, wird bis zum Ende diesen Jahres in zwei Drittel aller bayerischen Milchtüten enthalten sein, schätzt Huber. Die genossenschaftlichen Molkereien in Bayern sind sogar noch weiter: Ende 2017 werden vier Fünftel der Milch der Genossen ohne Gentechnik produziert sein. Fünf der elf Genossenschaftsmolkereien werden dann zu 100 % umgestellt haben. „Die oGT-Diskussion ist durch“, sagt Huber, „ohne Gentechnik ist Standard“.

Ähnlich könnte es anderen, jetzt noch neuen Initiativen ergehen. Zum Beispiel der Auslobung von „gutem Futter aus umweltschonendem Anbau“, wie es etwa Edeka/Netto verfolgt. Hier stammt die ogT-Milch von Kühen, die zusätzlich nur Futter aus möglichst eigenem Anbau bekommen. Dieses Siegel soll offenbar auch auf Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch ausgeweitet werden und dort schrittweise die Futterversorgung auf heimische oder zumindest europäische, gentechnikfreie und möglichst nachhaltige Futtermittel umstellen.

Kombinationshaltung statt Anbindung

Geschickt binden Molkereien aus dem Salzburger Land die winterliche Anbindehaltung mit sommerlichem Auslauf oder Weidebetrieb in ihre Marketingstrategie ein. Sie versprechen einfach „Milch aus Kombinationshaltung“. Die ganzjährige Anbindehaltung dagegen, meint Huber, habe bei den Verbrauchern keine Chance und „der Markt wird sie uns um die Ohren schlagen“.

Viele Milcherzeuger reagieren ratlos: Wir erfüllen das eine und es kommt das nächste. Ihre Molkereien jedoch erhoffen sich mit den Produktdifferenzierungen Chancen auf höhere Wertschöpfung. Aber, schränkt Huber ein, für den Absatz in anderen EU-Ländern und erst recht in Drittstaaten spielen Kriterien wie „ohne Gentechnik“ kaum eine Rolle. Und: Der Dominanz des LEH werden die Milcherzeuger und ihre Molkereien nur wenig entgegensetzen können. „Der Mehrwert für die Molkereien heißt: Ich verschwinde nicht aus dem Regal“, sagt Huber. Das hört sich nicht sehr optimistisch an, eine reine Abwehrschlacht eben.

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