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Milchpreis

Psychologie des Marktes: Milchindustrie liefert schwache Vorstellung

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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
03.11.2017

Wie ein Kaninchen vor der Schlange starrt die Milchindustrie auf die Verlaufskurven von Angebot und Nachfrage. Die Autowirtschaft agiert hier anders.

Milchregal

Vergangene Woche hat sich die Milchindustrie zu ihrer Jahrestagung in Augsburg getroffen. Ein Thema war die Marktlage. Der Verband stuft sie als volatil ein. Es ist also Bewegung zu erwarten.

Dabei liefert die Milchindustrie die Richtung gleich mit: Die höheren Milchpreise hätten die Produktion ansteigen lassen. Dies könnte zu Korrekturen beim Milchpreis führen. Weniger verklausuliert heißt das: Es sind sinkende Preise zu erwarten. Der Handel wird diese Äußerung mit Freude zur Kenntnis nehmen.

Wer den Teufel an die Wand malt . . .

Gesetzt den Fall, die Vorstände deutscher Autokonzerne würden sich zu einer Jahrestagung zusammensetzen und am Ende des Tages verkünden, dass sie Preiskorrekturen bei PKWs erwarten. Gründe dafür gebe es genug. So wären der Dieselskandal und das Verschlafen der Entwicklung bei den Elektroautos Nackenschläge für das Image deutscher Autos gewesen. Das würde nun die Nachfrage schmälern und letztendlich auf den Preis drücken. So seien nun eben einmal die Regeln des Marktes.

Was wäre die Folge? Wer beabsichtigt sich ein neues Auto anzuschaffen, würde den Kauf zunächst einmal aufschieben. Das könnte sich in barer Münze auszahlen, sind doch Preisnachlässe zu erwarten. Dies würde wiederum die Position der Hersteller weiter schwächen, denn die Kaufzurückhaltung würde den Angebotsüberhang vergrößern und den Druck auf die Preise erhöhen.

Dieser Wirkmechanismus fällt unter die Kategorie "sich selbst erfüllender Prophezeiungen". Eine Entwicklung wird in Gang gesetzt oder verstärkt, in dem man sie in den Raum stellt.

. . . dem winkt ein Ticket zu den teuersten Schrottplätzen der Welt

Wie würden die Aufsichtsräte der Automobilhersteller darauf reagieren? Nun, es könnte sein, dass sie ihre Spitzenkräfte aufgrund ihrer Offenheit und ihrer Passivität dort hinschicken, wo viele der in Amerika verkauften Diesel-PKWs mittlerweile gelandet sind: Auf Halden, die als die teuersten Schrottplätze der Welt bezeichnet werden.

Agieren statt reagieren

Das Ticket dürfte sich die Manager ersparen wollen und sie sind aktiv geworden: Sie schafften einen Kaufanreiz – der gegenwärtig als „Umweltprämie“ die Runde macht.

Nun mag man sagen „Alter Hut“. Das hatten wir doch schon mal als Abwrackprämie. Und außerdem ist das nichts anderes als ein verschleierter Preisnachlass. Nicht ganz. Die Automanager wissen sehr genau, was sie tun:

  1. Es verschwindet das „Milchpulver der Autoindustrie“ in Form von Altfahrzeuge vom Markt.
  2. Die erhöhte Nachfrage nach Neufahrzeugen oder jungen Gebrauchten vermindert den Angebotsüberhang.
  3. Die Autoindustrie verkauft das Ganze unter dem Deckmäntelchen der Umweltfreundlichkeit. Das ist gut fürs Image.
  4. Wer zu rechnen beginnt, wird feststellen, dass die Prämie sich häufig im Bereich des Händlerrabattes bewegt. Die Kosten bleiben dadurch überschaubar.

Unterm Strich sorgt die Autoindustrie damit dafür, dass die Negativspirale nicht anspringt und sie macht verlorenen Boden beim Image wieder gut.

Es geht um das Vermarktungsgeschick

Ulrich Graf

„Stopp“, könnte nun die Milchindustrie aufschreien, „Wir produzieren doch keine Autos!“

Das mag wohl sein, aber ein bisschen am Rad drehen, um bessere Preise zu erreichen, kann jeder. So haben sich Genossen und Leitung der Molkerei Berchtesgadener Land darauf geeinigt, den Lieferanten den Einsatz von Glyphosat zu untersagen.

Die Medien haben das aufgesogen wie warme Honigmilch und den Verbraucher wird es freuen. Der legt dann auch bereitwillig ein paar Cents mehr drauf, weiß er doch, das Geld kommt bei dieser Molkerei auch beim Bauern an. Es muss also nicht immer die Kostenführerschaft sein, um auf dem Markt zu bestehen.

Natürlich kann man auch hier Einwände vorbringen wie: „Auf Grünlandstandorten, da brauch ich das Zeug eh kaum.“  Oder: „Vielleicht gibt es das Mittel sowieso bald nicht mehr, wenn die in Brüssel sich nicht einigen können.“

Da lautet die Antwort: Wenn ich was als positive Meldung verkaufen kann, das ohnehin kommt, dann ist das ein geschickter Schachzug.

So könnte jede Molkerei ein eigenständigeres Profil anstreben. Da sind gute Ideen gefordert oder man springt auf den Zeitgeistzug auf, der unter Schlagwörtern wie Transparenz, Regionalität oder Tradition unterwegs ist.“ Frohes Schaffen.

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