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Fleischmarkt

Tönnies im Süden

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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
28.07.2016

Grub - Die Ringgemeinschaft wertete die eigene Mitgliederversammlung mit einem hochkarätigen Redner auf. Clemens Tönnies plädierte für Exportmärkte und für Selbstbewusstsein im Umgang mit Kritikern.

Ich komme gerne in den Süden“ – dieser Satz von Clemens Tönnies, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG, muss sich derzeit für seine Konkurrenten wie eine kleine Kriegserklärung anhören. Erst vor kurzem ist bekannt geworden, dass das Schlachtunternehmen seine ersten Fühler hinsichtlich Schlachtungen in Bayern ausstreckt. Doch der Satz war nur gedacht als nettes Kompliment an die Mitglieder der Ringgemeinschaft Bayern e. V. , die den Mitgründer und Mitbesitzer des Familienunternehmens als Gastredner ihrer Versammlung im neuen Kompetenzzentrum Tier in Grub gewonnen hatten.
Kaum ein anderer verkörpert die deutsche Schlachtindustrie mehr als Clemens Tönnies. Er ist deutschlandweit bekannt, nicht zuletzt weil er auch dem Bundesligaverein Schalke 04 vorsteht, vor allem aber auch als Marktführer in den Fleischmärkten. Kein Wunder also, dass sich der Vorsitzende der Ringgemeinschaft Stefan Neher auf die Einschätzungen eines „solchen Hochkaräters“ freute. Andererseits hatte Tönnies die Gelegenheit, wie Neher sagte, zu „der gesamten Fleischproduktion in Bayern“ zu sprechen. Das war kaum übertrieben, denn die Ringgemeinschaft bündelt unter ihrem Dach die bayerischen Gemeinschaften der Fleisch­erzeuger, Fleischerzeugerringe und Besamungsstationen.

„Es hat keinen Sinn, sich zu verkriechen“
Doch Neher freute sich nicht nur über den wichtigen Hauptredner, sondern auch über das neue Zuhause, in dessen Sitzungssaal mit der Mitgliederversammlung die erste große Veranstaltung tagte. „In Grub wollten wir etwas Gemeinsames schaffen“, sagte Neher, „einen Ort der Begegnung“. Trotz der „vielen Abers im Vorfeld“ und noch nicht abgeschlossenen Bautätigkeiten ist dies zum ersten Mal gelungen.
Eines der wichtigsten Themen der Ringgemeinschaft ist derzeit die Öffentlichkeitsarbeit. Wie Neher sagte, beteiligt sich seine Organisation am neu gegründeten Verein „Unsere Bauern“ und der damit verbundenen Öffentlichkeitskampagne. Damit verknüpft ist auch die Einstellung einer Mitarbeiterin für die Öffentlichkeitsarbeit (das Wochenblatt berichtete).
„Wir wollen uns gemeinsam mit anderen Verbänden zu Wort melden“, sagte Neher und eine Öffentlichkeitsarbeit „aus einem Guss“ präsentieren. Eine Alternative dazu, sagte er, gebe es nicht und „wir dürfen nicht scheitern“. So unterstrich er die enorme Bedeutung, die er dieser Initiative beimisst. Unmittelbar auf seine Einleitungsworte erhielt Neher Unterstützung seitens des Hauptredners. „In der modernen Welt hat es keinen Sinn sich zu verkriechen“, sagte Tönnies, der selbst immer wieder und häufig auch besonders kritisch in der Öffentlichkeit steht, zu diesem Thema.

„Wo immer ein Markt ist, ist Tönnies auch“
In Grub hatte er ein vergleichsweise milde gestimmtes Publikum. Ihm vermittelte er, wie er gerade 15 Jahre alt gemeinsam mit seinem vier Jahre älteren Bruder startete. Die beiden wollten aus dem handwerklichen Schatten des väterlichen Metzgerbetriebs hervortreten und gründeten einen eigenen Zerlegebetrieb. „Ich war Einkäufer, Verkäufer, Zerleger und Fahrer“, erzählte Tönnies. Heute ist sein Unternehmen Marktführer in Deutschland bei den Schweineschlachtungen und macht über 6 Mrd. € Umsatz im Jahr. Das Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück (etwa 50 km nordöstlich von Dortmund) gilt als modernstes Fleischwerk „vermutlich in ganz Europa“, wie Tönnies selbst sagte.
Das Tochterwerk im sachsen-anhaltinischen Weißenfels hat die Zulassung für den gesamten EU-Raum und Japan, das Hauptwerk darüber hinaus für ganz Europa, für Südafrika, Asien und Australien. „Der Export ist der Schlüssel“, sagte Tönnies, „wenn sich irgendwo auf der Welt ein Markt auftut, will Tönnies da sein“. Jetzt soll bald die Zulassung für den US-Markt erfolgen. Der ist Tönnies wichtig wegen der Vorliebe der Amerikaner für Barbecue. Weil dort quasi rund um die Uhr gegrillt werde, könne man „im Sommer den US-Markt nicht sättigen“, sagt der Fleischhändler.
Ähnliches gelte für den chinesischen Markt, nur dass dort andere Fleischteile gefragt seien. Deshalb könne man die Exportmärkte nicht alle über den gleichen Kamm scheren. Die Russen hätten bis zur Marktabschottung vor allem Speck verlangt. Keine russische Wurst enthalte weniger als 50 % Fett. In China sind es die Pfoten und Schweineschnauzen, die gefragt seien. Beide Märkte ersetzen sich also nicht so einfach, wie es in letzter Zeit immer wieder dargestellt wird. Noch offene Chancen wittert Tönnies bei den Exportmärkten für Rindfleisch. Auch wenn sein Unternehmen in diesem Sektor nicht ganz vorne steht, will er in Zukunft mit hochwertigen Teilen Exportmärkte erobern.

„Wir müssen selbst­bewusster werden“
Trotz der Ausrichtung auf die Märkte außerhalb Deutschlands und der EU bleibt für Tönnies Deutschland der Kernmarkt. Als Vermarkter sehe er sich auch dafür verantwortlich, dass die Erzeuger auskömmliche Preise erhalten, deshalb akzeptiere er den Vereinigungspreis, das sage er auch seinen Einkäufern. Er halte längerfristige „auskömmliche“ Preise für besser als eine kurze Preisspitze. „Warum nicht Monatspreise?“, fragte er in die Runde, zweimal jede Woche zu melden, bringe hingegen noch mehr Unruhe in den Markt.
Das Zusammenstehen innerhalb der Branche ist nicht nur ein Thema rund um die Preise. Die Fleischbranche hat es in Deutschland derzeit nicht gerade leicht. „Wir haben uns als Wertschöpfungskette in die Ecke stellen lassen“, bedauert er, glaubt aber zu wissen, wie man da auch wieder herauskommt. „Wir müssen selbst­bewusster werden“, sagte er und nimmt die Landwirte mit in die Pflicht, dieses Selbstbewusstsein nach außen zu tragen: „Wir Fleischer, wir Landwirte machen einen guten Job und stehen dazu, was wir machen!“ Die Zukunft der Branche sei ohnehin gut, denn der Fleischmarkt wachse.
Aber man müsse aus der Ecke mit den Akzeptanzproblemen herauskommen. Aus diesem Grund habe er vor fünf Jahren die Tierwohl-Initiative mit angestoßen. Wenn für alle Beteiligten die gleichen Regeln gelten, dann ließen sich die damit verbundenen Auflagen auch umsetzen. Keine Lösung sei es, die „Probleme der Nachbarn zu ignorieren“. Keiner möge es, wenn er am Wochenende auf der Terrasse sitze und dabei den Schweinestall rieche. „Wir müssen kommunizieren“, sprach er den Zuhörern ins Gewissen und brachte als Vorschlag eine WhatsApp-Gruppe der Nachbarn ins Spiel, die auf diese Weise leicht zu informieren seien, beispielsweise über geplante Maßnahmen am Feld.

Bei der Ebermast zeigt Tönnies sich gelassen
Auch bei anderen Themen müsse man berücksichtigen, dass sie von den Verbrauchern aufgeworfen werden. Beispiele sind das Schlachten von hochträchtigen Kühen oder auch die Ferkelkastration. Nicht der Handel wolle diese Bilder nicht mehr sehen, es seien die Verbraucher. Ihnen sei nicht mehr zu vermitteln, „wie wir bisher kastrieren“. Und weil sich letztlich jeder Erfolg am Markt an der Kasse im Supermarkt entscheide, könne man die ablehnende Haltung der Kunden nicht einfach zur Seite schieben, sagte er sinngemäß.
Beim Thema rund um die Ebermast präsentierte Tönnies eine gelassene Haltung. Sein Unternehmen habe bereits begonnen, unkastrierte Tiere zu vermarkten und zwar „ohne Probleme“. Mit den 35 000 bis 50 000 Mastebern werde man fertig, jeder einzelne werde gerochen, auffällige so verwertet, dass sie keinen Schaden anrichten. Auf den Erzeuger falle das nicht zurück. Was aber keinesfalls passieren dürfe, ist, dass stinkendes Fleisch beim Kunden lande. Verständnis zeigte er explizit für die Situation der handwerklichen Metzger. Ihnen will er auch in Zukunft nur Fleisch von weiblichen oder kastrierten Tieren liefern.
Offenbar setzt Tönnies vor allem auf die etwas verkürzte Mastzeit von männlichen Tieren, sodass diese vor der Geschlechtsreife „an den Haken kommen“. Zur anderen Lösung mit der Improvac-Impfung zeigte er eine kritische Haltung. Sie sei teuer und erspare das Riechen der Tiere trotzdem nicht, denn einige der Eber würden trotzdem zu Stinkern werden, ist seine Erfahrung.
Die bayerischen Erzeuger waren mit diesen Aussagen nicht so leicht zu beruhigen. Sie fürchten, dass die hiesigen Strukturen nicht zu getrennten Maststrategien passen, denn die Eber müssten ja in eigenen Gruppen gemästet werden. Nur auf den Markt warten, dass dieser den Weg zeige, wie von Tönnies ins Gespräch gebracht, war den Landwirten doch zu lakonisch. „Wenn der Markt das lösen soll, sind wir vielleicht nicht mehr dabei“, brachte der BBV-Bezirkspräsident Niederbayerns Gerhard Stadler die Sorgen auf den Punkt. Er forderte stattdessen eine Folgen­abschätzung des betäubungslosen Kastrationsverbotes auf die Strukturen.
Dass die bayerischen Ferkelerzeuger und Mäster eine Zukunft haben, müsste auch dem Marktführer in Deutschland recht sein. Denn sonst bringt es ihm nichts, sich in Richtung Süden auszubreiten. Nur um Urlaub zu machen, wird Clemens Tönnies auch in Zukunft nicht nach Bayern kommen wollen.

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