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Getreidemarkt

Talfahrt gestoppt?

Getreidesilo
Reimer Mohr
am
04.04.2019

Zu guter Letzt geht doch noch was im Export. Das ist gut, denn das Überlagern des Weizens auf die kommende Saison ist keine sehr erfolgversprechende Aussicht.

Der internationale Getreidemarkt hat sich vom Tief der ersten Märzhälfte erholt. Dadurch hat sich die Stimmung am Markt deutlich aufgehellt. Die Marktteilnehmer blicken durchaus positiv in das letzte Viertel des Vermarktungsjahres. In Paris konnte der Maiweizen das Kurstief von 181 €/t hinter sich lassen. Kurzfristig übersprang der Kurs sogar die Widerstandslinie von 190 €/t. In den großen Exporthäfen spiegeln sich die gestiegenen Kurse wider.

Gedreht hat sich mittlerweile auch der Futtergerstenmarkt. Nach der Talfahrt mit 170 €/t in Rouen standen Ende März 180 €/t auf den Blöcken. Der internationale Markt zeigt mittlerweile auch seine Wirkung auf dem Binnenmarkt. In den Seehäfen und in den westdeutschen Verbrauchsregionen werden vereinzelt wieder 200 €/t geboten. Franko Verarbeiter lagen die Preise in Deutschland vielerorts zwischen 185 und 195 €/t. Insgesamt ist der Markt aber weiterhin sehr zerbrechlich.

Laut EU-Kommission haben die Mitgliedsstaaten bis zur zweiten Märzdekade 13,3 Mio. t Weizen (Vj. 15 Mio. t) und 5,1 Mio. t Gerste (Vj. 6,8 Mio. t) am Weltmarkt platzieren können. Frankreich ist in diesem Jahr wieder die Nummer 1 für die EU-Getreideexporte auf dem Weltmarkt. Die französischen Exporteure haben bereits knapp 6 Mio. t Weizen auf dem Weltmarkt verkauft. Nach Frankreich folgt Rumänien mit 2,7 Mio. t, Deutschland mit 1,3 Mio. t und Polen mit 1 Mio. t.

In den deutschen Häfen werden aktuell Schiffe für bestehende Kontrakte nach Afrika verladen. Auch in den kommenden Wochen richtet sich der Blick des Handels auf Ausschreibungen aus Saudi Arabien, Äthiopien und den nordafrikanischen Staaten. Insgesamt konnte sich die EU-28 bei den internationalen Ausschreibungen nach dem Preisrutsch deutlich häufiger durchsetzen als noch zu Beginn des Vermarktungsjahres.

 

USDA hat abnehmende Vorräte in den wichtigsten Exportnationen bestätigt

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) hat in seinem Märzbericht die abnehmenden Vorräte in den wichtigsten Exportnationen bestätigt. So sollen die Vorräte in Australien um 1,7 Mio. t, in Kanada um 1 Mio. t, in der EU-28 um 3,7 Mio. t, in Russland um 5,3 Mio. t, in Kasachstan 1 Mio. t und in den USA um 1,2 Mio. t sinken. Insgesamt sinken Vorräte der Exportnationen um 14 Mio. t. Zum Ende des Vermarktungsjahres haben lediglich die USA mit knapp 29 Mio. t einen hohen Vorrat im Lager liegen. Damit sind zum 30. Juni, mit Ausnahme der USA, die Exportnationen ausverkauft. Ohne die Berücksichtigung der chinesischen statistischen Zahlen sinkt das weltweite Verhältnis von Vorrat zu Verbrauch von 17,8 % auf lediglich 15,8 %.

Die Kennzahl basiert auf dem Verbrauch des laufenden Jahres im Verhältnis zu den Vorräten zum 30. Juni 2019, wohl wissend, dass der jährliche Getreideverbrauch im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre um 37 Mio. t gestiegen ist und in den vergangenen fünf Jahren sogar um 42 Mio. t pro Jahr größer werden soll.

Ohne weitere Produktionssteigerung kann der weltweite Bedarf für die menschliche Ernährung, die Tierproduktion und die industrielle Verwertung nicht gedeckt werden. Infolge der jährlichen Produktionsschwankungen sind allerdings Angebot und Nachfrage selten im Gleichgewicht. Immer wieder setzen Preisänderungen neue Signale, um entweder den Verbrauch zu bremsen oder anzukurbeln und die Anbauentscheidung der Landwirte zu lenken. Mit dem beginnenden Frühjahr richtet sich der Blick der Marktteilnehmer auf die Vegetationsentwicklung auf der Nordhalbkugel.

In ihrem Monatsbericht über die Vegetationsentwicklung in Europa schreibt MARS, der Informationsdienst der EU-Kommission zur Beobachtung der Vegetationsentwicklung, dass das Wintergetreide in der EU-28 überwiegend gut entwickelt ist. Aufgrund des milden Winters sind keine Auswinterungsverluste zu melden. Infolge der hohen Durchschnittstemperaturen im Winter ist das Getreide vielerorts deutlich weiter entwickelt als in den Vorjahren. Problematisch könnten die Niederschlagsdefizite in Spanien und Portugal, in Italien und in Südosteuropa werden. Regional sind nur 50 % der langjährigen Niederschlagsmengen gefallen. Die Wasserreserven im Boden sind vielerorts sehr gering.

Vereinzelt werden Preise unter 160€/t genannt

Auch in Deutschland sind die Wasserreserven im Boden durch die Winterniederschläge noch nicht wieder aufgefüllt worden. Regional brachte der Märzregen Entspannung. Festzuhalten bleibt, dass es europaweit für eine gute Ernte regelmäßig regnen muss. Trotz der knappen Wasserversorgung veröffentlichten viele Analystenhäuser erste optimistische Produktionsschätzungen für die Ernte 2019.

Auf Basis von Trenderträgen prognostiziert Coceral, der Dachverband des Getreidehandels, einen Anstieg der Produktion gegenüber dem Dürrejahr 2018 um18 Mio. t auf 298 Mio. t. Die EU-Kommission sieht die Produktion sogar bei 308 Mio. t und Strategie Grain aus Paris bei 310 Mio. t. Das fünfjährige Mittel der EU-28 liegt bei 305 Mio. t, bei einer Spanne von 285 bis 328 Mio. t.

Gleichzeitig wird auch aus Russ­land und der Ukraine ein guter Start ins Frühjahr gemeldet. Das russische Landwirtschaftsministerium schätzt die Weizenernte auf 75 bis 80 Mio. t für 2019. Im Rekordjahr 2017 waren es 85 Mio. t, letztes Jahr 72 Mio. t. Auch in der Ukraine sehen die Analysten einer guten Ernte entgegen. Erste Hiobsbotschaften kommen dagegen aus den USA und aus Nord­afrika. In den nördlichen US-Bundesstaaten liegt teilweise noch Schnee. Im südlicheren Maisgürtel hingegen verzögert die Nässe die Saat. In Marokko und Teilen Algeriens ist es so trocken, dass bereits von Ertragsverlusten ausgegangen wird.

Insgesamt deutet die sinkende Kursentwicklung für die Ernte 2019 im Vergleich zur eingelagerten Ware darauf hin, dass die Mehrheit der Branche eine Entspannung der Versorgungslage für Getreide erwartet. Die Preisnennungen sind auf dem Niveau des Frühjahres 2018 angekommen. Gegenüber der eingelagerten Ware sinken die Weizenkurse für September 2019 um 12 €/t. Am Ende der dritten Märzwoche wurde der Septemberweizen für 177 €/t gehandelt. In London fällt der Novemberweizen gegenüber dem Maiweizen sogar um 20 €/t auf 174 €/t. Die Kursdifferenzen sprechen gegen eine Überlagerung der Ernte 2018.

Für die Ernte 2019 leiten sich aus den Börsenkursen in Abhängigkeit der Transportkosten und der regionalen Wettbewerbssituation Preise ab Station zwischen 160 und 170 €/t ab. Vereinzelt werden bereits Preise unter 160 €/t genannt.

Was heißt das für die Vermarktung?

Für die eingelagerte Ernte 2019 bieten sich durch die laufenden Exportgeschäfte wieder Vermarktungsfenster, um die Restmengen nach und nach aus dem Lager heraus anzubieten. Die Händler leiten dabei ihre Gebote von den Ausschreibungsergebnissen in Afrika ab. Bei den Ausschreibungen stehen die deutschen Anbieter neben der Schwarzmeerregion auch mit Ware aus dem Baltikum, Polen und Frankreich im Wettbewerb.

Die Preisentwicklung wird sehr stark von der Vegetationsentwicklung in Europa geprägt. Gut entwickelte Getreidepflanzen lassen für die Mehrzahl der Marktteilnehmer eine Entspannung der Versorgungslage und damit sinkende Preise zur Ernte 2019 erwarten. Die niedrigen Bodenwasservorräte im Unterboden werden dagegen häufig außer Betracht gelassen.

Letztendlich ist es jetzt im März 2019 für eine seriöse Ernteprognose deutlich zu früh. Die Prognosen orientieren sich dabei an den Trenderträgen. Bei regelmäßigen Niederschlägen kann in Europa eine Rekordernte eingebracht werden, sollten dagegen längere Trockenphasen einsetzen, können sich die niedrigen Erträge des Vorjahres wiederholen.

In dieser Situation bieten sich für Landwirte, die ihren Preis nach unten absichern wollen und gleichzeitig an steigenden Preisen teilhaben wollen, der Abschluss von Mindestpreismodellen beim Handel oder der Kauf von Put-Optionen an der Börse an. In beiden Fällen sind die Preise nach unten gedeckelt. Die Entscheidung über die indirekte Nutzung der Börse bei Mindestpreismodellen oder die direkte Börsennutzung hängt neben der Optionsprämie von der Preisdifferenz zwischen dem Börsenkurs und dem Liefervertragspreis ab. Bei hohen Preisdifferenzen, die ein geringes Kaufinteresse des regionalen Marktes signalisieren, ist die direkte Börsennutzung zu bevorzugen.

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